Die Zahl der arbeitslosen Akademiker stieg im März um 4 Prozent.

© Kurier/Jeff Mangione

Wirtschaft
04/02/2019

Arbeitslose Akademiker: Wenn Erfahrung nichts mehr zählt

Fast 24.000 Uni-Absolventen auf Jobsuche: Betroffene berichten von Altersschikanen im zunehmend digitalen Bewerbungsprozess.

von Anita Staudacher

Das Absage-Schreiben ist nicht nur geheuchelt, sondern gelogen: „Wir danken Ihnen für die Zeit, die Sie sich für das Bewerbungsgespräch genommen haben. Es war uns ein Vergnügen, Sie persönlich kennengelernt zu haben ...“, steht da zu lesen. Allein, die Bewerberin war nie da, weil gar nicht erst eingeladen. Die netten Sätze hat eine Software automatisch verfasst.

„Solche Standardfloskeln sind wirklich unverschämt, die dürfte es gar nicht geben“, erzählt Petra aus leidvoller Erfahrung. Die 51-Jährige ist bestens qualifiziert und hat jahrelange Erfahrung als Führungskraft im Marketing. Jetzt sucht die Akademikerin einen Job und die Erfahrung zählt plötzlich nichts mehr. „Da sitzen 22-Jährige im Personalbüro und denen ist ein Social-Media-Account wichtiger als das, was du vorher gemacht hast“, schildert sie dem KURIER. Dabei seien soziale Medien doch nur Teil des ganzen Marketing-Mixes.

Nur Jugend zählt

„Ich habe das Gefühl, es geht nur noch um junge Zielgruppen“, fügt sie hinzu. Werden Bewerbungen etwa nach Geburtsdatum aussortiert? Petra, die weder ihren Namen nennen noch fotografiert werden will,  vermutet es zumindest. Sie schreibt jetzt lieber gezielt Menschen an: „Wenn sie mich im Gespräch kennenlernen, sind meine Job-Chancen um 80 Prozent höher“, glaubt sie.

Automatisiertes Profil

Ähnliche Erfahrungen mit dem digitalisierten Personalwesen hat der 54-jährige Informatiker Norbert. 50 Bewerbungen schickte er ab – oder besser gesagt – gab er in diverse Bewerberportale ein. „Mein pdf-Lebenslauf wurde automatisch in eine andere Form gebracht und dabei gingen wesentliche Karriere-Infos verloren. Ich erkannte mein Profil kaum wieder“, schildert er seine Tücken mit der Automatisierung. Er musste dann händisch den Lebenslauf richtigstellen.

Jobangebote für Software-Entwickler gebe es derzeit viele, berichtet Norbert. Die meisten kämen aber von Leiharbeitsfirmen, viele Stellen sind daher gleich mehrfach ausgeschrieben. Was den Akademiker noch ärgert, ist das weit verbreitete Vorurteil, ältere Bewerber würden zu viel Gehalt verlangen. „Ich weiß nicht, ob ich zu viel verlangt habe oder zu wenig, es gab null Feedback wegen des Gehalts.“ Einmal habe er sogar einen Dumpinglohn genannt, trotzdem bekam er eine Absage.

Selbstinszenierung

Peter (45), studierter Maschinenbauer, ist nach längerer Forschungstätigkeit zum ersten Mal arbeitslos. Dass der Weg zum neuen Job heute mehr über Selbstdarstellungs-Plattformen wie Xing oder LinkedIn führt als über ein gutes Bewerbungsschreiben, musste er erst lernen. „Ich musste in den ganzen Prozess des sich Verkaufens erst hineinfinden“, erzählt er über eine für einen Techniker bisher unbekannte Welt.

Was alle drei Akademiker eint: Sie absolvieren gerade Weiterbildungs-Kurse im „Akademikerzentrum“(Akzent) des AMS Wien. Geboten werden dort etwa Projektmanagement oder Sprachen sowie Unterstützung bei der Bewerbung. „Eine Kombination, die es auf dem freien Markt so nicht gibt“, erläutert akzent-Leiter Thomas Wychodil. Noch im April starten Social-Media-Kurse. Die maßgeschneiderte AMS-Maßnahme, an der seit Anfang 2018 810 Akademiker teilnahmen, wackelt. Nach den neuen, umstrittenen AMS-Algorithmen zur Ermittlung der Arbeitsmarktchancen könnten gut qualifizierte Arbeitslose künftig weniger Unterstützung erhalten, wird befürchtet. Für die Arbeitsmarktchancen werden aber eine Reihe von Indikatoren, nicht nur der Bildungsabschluss, herangezogen.

Mehr Arbeitslose

Entgegen dem allgemeinen Trend steigt die Zahl der arbeitslosen Akademiker, vor allem in Wien. Ende März waren 24.000 Personen mit akademischer Ausbildung auf Arbeitssuche, um 4 Prozent mehr als vor einem Jahr (siehe Grafik unten). „Wir haben weniger Techniker und IT-Experten, dafür eindeutig mehr Frauen und Personen mit Migrationshintergrund“, erläutert Wychodil. Durch die Höherqualifizierung sei die Konkurrenz vor allem in überlaufenen Fächern größer geworden. Dazu komme eine nach wie vor „diskriminierende Alterseinstellung“, weshalb ältere Jobsuchende vom Fachkräftemangel weniger profitieren. Angesichts der demografischen Entwicklung kann Wychodil den Jugendwahn nicht nachvollziehen.

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