Hoch qualifiziert auf der Reservebank

Die Arbeitslosigkeit bei Akademikern ist noch gering – steigt derzeit aber rasant an.
Ältere Naturwissenschafter und Techniker schildern ihre Erlebnisse bei der Jobsuche.

Zu wenige Chemiker? Technikermangel? Marion Graupner, Dariusz Mieciellica, Michael Schöppl und Martina Opelka wissen anderes zu erzählen. Die vier Akademiker haben ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium absolviert, reichlich Berufs- und teilweise Auslandserfahrung gesammelt – und sind seit Monaten arbeitslos.

Hoch qualifiziert auf der Reservebank
Marion Graupner
Um ihre Jobchancen zu verbessern, erwerben sie im neu geschaffenenAkademikerInnenzentrum des AMS Wiengerade Zusatzqualifikationen wie Controlling oder Projektmanagement. "Die ausgeschriebenen Stellen für Chemiker sind zumeist für Berufseinsteiger oder Absolventen, Erfahrung zählt da nicht viel", erzählt die 49-jährige Biochemikerin Graupner, die aus der Pharmabranche kommt. Bei Bewerbungsgesprächen hört sie immer wieder dieselben Sätze: "Mit Ihrer Qualifikation werden Sie nicht lange bei uns bleiben, der Gehalt wird Sie nicht zufriedenstellen." Dass sie Gehaltsabstriche machen müsse, sei ohnehin klar, sagt Graupner, die drei Jahre in den USA gearbeitet hat. Aber das Geld sollte wenigstens mit den Anforderungen irgendwie im Einklang stehen.

Konkurrent Sohn

Hoch qualifiziert auf der Reservebank
Dariusz Miecielica
Fast so als gebe es eine geheime Altersgrenze zählen in der IT-Branche 22 Jahre Berufserfahrung im In- und Ausland genau gar nichts, weiß Dariusz Mieciellica. Der 55-jährige IT- und Nachrichtentechniker matcht sich am Arbeitsmarkt bald mit seinem eigenen Sohn, der als FH-Student Praktika macht. Wer da die besseren Karten hat, steht jetzt schon fest. "Das Alter ist die größte Hürde, da kommst du nicht einmal bis zum Bewerbungsgespräch." Dabei wäre Mieciellica durchaus bereit, für viel weniger Geld zu arbeiten als zuletzt: "Ich würde nie im Leben das Gehalt fordern, das ich zuletzt hatte." Genützt hat es bisher nichts. Als Alternative bleibe ihm wohl nur noch die Selbstständigkeit, die er nie angestrebt habe. "Eigentlich traurig."

Alarmsignal

Zwar ist die Arbeitslosenquote bei Akademikern mit 3,2 Prozent im Vergleich zu geringer Qualifizierten noch immer niedrig, der Anstieg ist jedoch stärker als in den anderen Bildungsschichten. Im Juli stieg die Akademikerarbeitslosigkeit mit 17,7 Prozent fast doppelt so stark wie die allgemeine. Für Experten ein Alarmsignal, dass der Wettbewerb um Top-Jobs immer härter wird.

Thomas Wychodil, Leiter des AkademikerInnenzentrums, kennt dafür gleich mehrere Gründe: Durch die allgemeine Höherqualifizierung und Zuwanderung gibt es schlicht mehr Konkurrenz; in der öffentlichen Verwaltung herrscht vielfach Aufnahmestopp; internationale Konzerne haben in Österreich zuletzt mehr Stellen ab- als aufgebaut. "Headquarters wandern ab, wir spüren den globalen Wettbewerb", so Wychodil. Dazu kommt, dass Betriebe aus Kostengründen HTL- oder FH-Absolventen den Uni-Absolventen vorziehen.

"Es werden nicht Techniker gesucht, sondern billige Techniker", bestätigt der 57-jährige Bauingenieur Michael Schöppl. Früher sei man als guter Techniker über dem Kollektivvertrag entlohnt worden, heute könne man froh sein, überhaupt ein Angestelltenverhältnis zu bekommen. Mit über 50 sei man ohnehin schon einem Ausleseverfahren unterzogen, auch wenn man Erfahrung vorweisen könne. Jetzt will er es als Mathematik-Nachhilfelehrer versuchen.

Falsches Alter

Erfahrung und Know-how hat auch die 54-jährige Informatikerin Martina Opelka reichlich, aber "das falsche Geburtsdatum", wie sie nach 65 abgeschickten Bewerbungen nüchtern feststellt. "Ich habe das Gefühl, die Personalchefs schauen bei der Bewerbung aufs Alter – und weg damit." Es zu verschweigen mache keinen Sinn, "die merken das ja am Lebenslauf". Die Diplomingenieurin, die im Siemens-Umfeld arbeitete, bleibt trotz der vielen Absagen optimistisch: "Irgendwann wird es klappen."

Das AMS reagiert auf die steigende Arbeitslosigkeit mit einer neuen, gezielten Betreuung. So bietet das AkademikerInnenzentrum Wien vier verschiedene Unikurse, Einzelcoaching sowie Fachvorträge an und unterstützt Bewerbungen. Ziel ist es, dass zumindest 40 Prozent der Teilnehmer danach wieder einen regulären Job finden. Das Programm läuft noch bis Februar 2015, soll aber verlängert werden.

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