© REUTERS/China Stringer Network

Wirtschaft
04/19/2019

Arbeiten bis zum Umfallen: In China regt sich Protest

Viele Chinesen sind nicht mehr bereit, rund um die Uhr bis zur absoluten Erschöpfung zu arbeiten. Sie bekommen gar Unterstützung von Staatsmedien.

996 – hinter dieser unscheinbar wirkenden Kombination aus drei Ziffern steckt eine ganze Arbeitsphilosophie, wie sie von vielen der über 770 Millionen chinesischen Arbeitskräften erwartet wird: Arbeitszeit von 9 Uhr früh bis 9 Uhr spät und das ganze 6 Tage die Woche, freilich ohne zusätzliche oder gar ausreichende Bezahlung. Obwohl die Gehälter in den letzten Jahren im Reich der Mitte jährlich um gut zehnprozentige Raten zugelegt haben, verdienen Arbeiter mit einer 72-Stunden-Arbeitswoche im Schnitt monatlich unter 650 Euro. Dabei gilt in China eigentlich die 40-Stunden-Woche, pro Monat wären an sich nur 36 Überstunden erlaubt sind und diese müssten entsprechend abgegolten werden.

Jack Ma, Chef des größten Onlinehändlers Alibaba, macht aus seiner Zustimmung, zu dem aus unserer Sicht ausbeuterischen Arbeitszeitmodell, kein Geheimnis – im Gegenteil: "Ich persönlich denke, es ist ein großer Segen, 996 arbeiten zu können." "Wer bei Alibaba anfängt, sollte bereit sein, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten", forderte der Milliardär vollen Einsatz von seinen Angestellten. "Wir brauchen diejenigen nicht, die bequem acht Stunden arbeiten." Ins selbe Horn wie Alibaba-Gründer stoßen andere Firmenchefs. Mas Kollege Richard Liu vom Online-Händler JD.com etwa kritisierte die "Faulenzer".

Wachsender Widerstand

Doch die Ausbeutung in vielen Unternehmen stößt auf wachsenden Widerstand. Aktivisten rückten Anfang März die 996-Arbeitswoche in den Fokus des öffentlichen Interesses, als sie auf der Entwicklerplattform GitHub die Initiative 996.ICU (ICU= Intensive Care Unit; überarbeitete Beschäftigte könnten auf der Intensivstation des Krankenhauses landen, Anm.) ins Leben riefen und eine Art "schwarzer Liste" an Unternehmen, die 996 fordern, veröffentlichten. Darauf unter anderem zu finden: Alibaba, Tencent, Huawei, Baidu, Xiaomi oder JD.com. Auch eine Liste mit Positiv-Beispielen ist angeführt – auf ihr stehen zumeist ausländische Firmen.

Bis dato (Stand 19.04.2019) erntete die Github-Seite 227.000 Sterne als Zustimmung, während andere populäre Themen höchstens auf rund 20.000 bis 50.000 kommen. Rückenwind bekommt die Initiative mit Ursprung in der IT-Branche auch von den Medien: "Viele Tech-Firmen haben Todesfälle von Angestellten, die auf lange Überstunden zurückzuführen sind", stellte etwa die China Daily fest. "Kein Schlaf, kein Sex, kein Leben", titelte die South China Morning Post.

Gar die von der Kommunistischen Partei gelenkten Staatsmedien ergreifen Wort für die überarbeiteten Beschäftigten; die Zensur hält sich aus der Diskussion überwiegend heraus. "996 hat nichts mit Strebsamkeit zu tun. Es geht um Profit", kritisierte das von der Partei herausgegebene Journal Banyuetan.

Beschäftigte sollten auf ihre Gesundheit achten und sich ihrer Rechte bewusst sein, schrieb die vom Parteiorgan Volkszeitung herausgegebene Global Times. "Sie sollten sich trauen 'Nein' zu sagen gegenüber Unternehmen, die sich nicht an das Arbeitsrecht halten."

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