Ulrike Mursch-Edlmayr

© Kurier / Juerg Christandl

Interview
03/01/2021

Apotheken könnten "binnen weniger Wochen" mit Impfen beginnen

Eine flächendeckende Infrastruktur wäre bereits vorhanden, meint Kammerpräsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr im KURIER-Interview und schlägt Pilotprojekte vor.

von Anita Staudacher

Gratis-Covid-Tests Vorort und für zu Hause: Die 1.400 heimischen Apotheken sind derzeit zentrale Drehscheiben bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr kann sich vorstellen, auch Impfungen durchzuführen. Das Geschäft der Pharmazeuten läuft derzeit flau. Wegen der ausgebliebenen Grippewelle bleiben sie auf Aspirin und Schnupfensprays sitzen.

KURIER: Ab heute gibt es die Gratis-Schnelltests ("Nasenbohrertests") bei den Apotheken. Rechnen Sie mit einem Ansturm?

Ulrike Mursch-Edlmayr: Wir hoffen nicht, weil diese Wohnzimmer-Tests ja nur für die persönliche Anwendung sind und die offiziellen Antigen-Zulassungstests für den Friseurbesuch nicht ersetzen.

Es werden diese Woche drei Millionen Tests ausgeliefert. Sind sie dann auch überall verfügbar?

Wir beginnen am Montag mit der Verteilung, im Laufe der Woche sollten dann alle Apotheken versorgt sein. Die Tests werden in Bündeln geliefert und müssen erst in 5-er Mengen verpackt und mit Beipackzetteln versehen werden. Es wird nachgeliefert, es muss also niemand gleich am ersten Tag hinkommen.

Wie wird sichergestellt, dass jeder Bürger nur fünf Schnelltests bekommt?

Die Tests sind Teil des e-Medikationskontos, dem papierlosen Rezept quasi. Durch die eCard wird die Identität festgestellt, sodass klar ist, wer seine Tests schon abgeholt hat. Dadurch ist ein geordneter Ablauf möglich.

Ulrike Mursch-Edlmayr

Die Gratis-Antigen-Tests in Apotheken werden sehr gut angenommen. Derzeit machen 930 von 1.400 Apotheken freiwillig mit. Kommen noch weitere dazu?

Ja, es kommen täglich weitere dazu. Wir streben dem Tausender entgegen. Es müssen aber auch die räumlichen Voraussetzungen wie abgetrennte Räume wegen der Diskretion gegeben sein sowie entsprechend ausgebildetes Personal vorhanden sein. Viele Pharmazeuten haben Dienste und Personal aufgestockt und bieten die Tests außerhalb des üblichen Tagesgeschäfts an.

Die Anmeldung ist mitunter etwas mühsam und funktioniert oft nur telefonisch…

Seit Kurzem kann die Anmeldung auch über das zentrale Portal oesterreich-testet.at erfolgen, da gibt es einen eigenen Apotheken-Button mit allen teilnehmenden Apotheken.

"Es müssen natürlich alle Auflagen beachtet werden, wie sie sie auch für Apotheken gelten."

Manche Apotheker greifen zu kreativen Lösungen und nutzen die Räume von Kaffee- oder Wirtshäusern. Ist das im Sinne der Standesvertretung?

Naja, das ist ja dann auch eine Win-Win-Geschichte. Aber es müssen natürlich alle Auflagen beachtet werden, wie sie sie auch für Apotheken gelten, etwa die Hygienevorschriften. Normalerweise kommen die Leute aber zu den Apotheken.

Was haben die Apotheken davon?

Einen riesigen Aufwand, weil die Anweisungen leider immer sehr kurzfristig kommen.

Wie hoch ist die finanzielle Abgeltung für diese Leistungen?

Da gibt es eine eigene Pauschale für die Tests, sodass es für die Apotheken kostendeckend ist. Für Apotheken in Einkaufszentren oder Tourismusregionen, die massive Umsatzrückgänge haben, aber trotzdem offenhalten müssen, ist es eine Möglichkeit, die Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. Das ist eine Win-Win-Win-Geschichte.

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Sind die Tests schon ein Probelauf für die Covid-Impfungen?

Bei uns ist das bisher gesetzlich nicht vorgesehen. Im benachbarten Ausland ist es aber längst üblich, dass in Apotheken geimpft wird. Etwa Auffrischungsimpfungen wie FSME- oder Grippeimpfung. Die Impfrate ist dadurch viel höher als bei uns.

Gesetze können rasch geändert werden. Wären die Apotheken bereit?

Wenn man uns braucht, sind wir da. Impfungen sind technisch und räumlich möglich, wenn man spezielle Ausbildungen absolviert. Und es wäre eine Möglichkeit, mit einem niederschwelligen Zugang höhere Impfraten zu erreichen. Es wäre einen Versuch wert, man könnte ja mit Pilotversuchen beginnen. Wenn täglich 80.000 Bürger geimpft werden müssen, um den Impfplan bis zum Sommer zu erfüllen, wird es ohne Apotheken schwierig. Die Apotheke ist der ideale Versorgungspunkt flächendeckend über ganz Österreich.

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Welche Vorlaufzeit wäre da nötig?

Innerhalb von ein paar Wochen könnte man schon eine bestimmte Menge erreichen, die Test-Aktion war auch sehr schnell aufgestellt. Die Pharmazeuten beraten und betreuen ja jetzt schon die Bevölkerung bei Impfaktionen und geben die Impfstoffe ab. Die internationale Impfausbildung dauert zweieinhalb Tage. Aber zunächst brauchen wir einmal genügend Impfstoff, bevor wir konkreter darüber reden. Da gibt es noch viele offene Fragen…

In der Krise boomt der Versand von Medikamenten, doch das Geschäft wandert ins Ausland zu Ketten wie Shop-apotheke oder zurRose. Hat die Kammer den Online-Trend verschlafen?

Es steht jeder Apotheke frei, sich im Online-Geschäft zu engagieren. Es ist in Österreich aber noch nicht sehr verbreitet, das stimmt.

Auch weil die Standesvertretung gebremst hat…

Naja. Schon aus Gründen des Gesundheitsschutzes möchte man keinen Anreiz schaffen, die Arzneimittelkonsum anzukurbeln. Wir bauen die eMedikation auf und speisen alle Medikamente in dieses System ein. Jedes Medikament hat Wechselwirkungen und diese scheinen im eMedikations-Konto auf. Jedes Spital kann das abfragen und sehen. Das ist im Sinne der Patientensicherheit ein hervorragendes Tool. Jede Veränderung in diesem System machen es lückenhaft.

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Die Klage von dm gegen das Apothekermonopol bei rezeptfreien Arzneimitteln wie Aspirin wird dieser Tage von VfGH behandelt. Was, wenn dm diesmal recht bekommt?

Es wäre auf jeden Fall ein Paradigmenwechsel und ein Verlassen der bisherigen gesundheitspolitischen Zielsetzungen. Arzneimittel sind keine Konsumgüter. Liberalisierung ist in diesem Segment mehrfach zu überlegen, weil damit auch viele Probleme eingehandelt werden.

Der Winter ist eigentlich Hochsaison für die Apotheken, doch heuer blieb wegen der Corona-Maßnahmen die Grippewelle aus. Wie wirkt sich das auf die Umsätze aus?

Bei Grippe-, Husten- und Erkältungsmittel haben wir heuer bereits ein Minus von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Hygienemaßnahmen, aber auch Homeoffice und geringere Mobilität sorgen für deutlich weniger Infektionen. Auch Mittel gegen Magen-Darm-Beschwerden verkaufen wir um 20 Prozent weniger.

Was verkauft sich außer FFP2-Masken besser als im Vorjahr?

Eindeutig Beruhigungsmittel, Einschlafmittel und Stimmungsaufheller. Hier gibt es ein Plus von fast 17 Prozent. Man merkt, dass die Corona-Krise vor allem eine psychische Herausforderung ist.

Wie läuft das Apotheken-Geschäft in Corona-Zeiten insgesamt?

Wir hatten im Vorjahr eine stabile Umsatzentwicklung, aber es ist regional höchst unterschiedlich. Besser läuft es bei den Apotheken ums Eck, aber jene in den Einkaufszentren oder in Tourismusregionen haben bis zu 80 Prozent Einbußen wegen der fehlenden Kundenfrequenz. Die leiden wirklich. Durch Corona erhalten die Apotheken aber mehr Ertragsmöglichkeiten durch honorierte Dienstleistungen wie die Tests.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Wir Apotheken sollten endlich als Erstanlaufstelle, als Gesundheits-Nahversorgungspunkt vor dem medizinischen Bereich, in der Versorgungspyramide abgebildet werden. Derzeit kommen wir da nicht vor.

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