Apotheken-Pilotprojekt: Telemedizin soll Ambulanzen entlasten
Viele Patienten, die Apotheken aufsuchen, müssten gar nicht ärztlich versorgt werden, meint Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr. Apotheken könnten als Erstanlaufstelle mit neuen Services die Patientenströme besser lenken und dadurch das Gesundheitssystem entlasten.
KURIER: Ist die Grippewelle schon vorbei oder sind wir gerade mittendrin?
Mursch-Edlmayr: Wir sehen an der Beschwerdelage, dass wir noch mittendrin sind. Es leiden noch immer viele Menschen an Erkältungen oder an der Grippe. Es dauert schon sehr lange und die Infekte sind hartnäckig.
Ausgerechnet jetzt kommen Meldungen über Lieferengpässe bei wichtigen Medikamenten. Wie stellt sich die Versorgungslage aus Sicht der Apotheker dar?
Ja, es gibt Lieferengpässe, aber kein Versorgungsproblem. Im Engpassregister des BASG müssen nur rezeptpflichtige Medikamente verpflichtend gemeldet werden. Aktuell sind rund 600 aufgelistet, das entspricht dem Niveau der letzten Jahre. Nimmt man rezeptfreie dazu, sind es deutlich mehr. Wir können die Engpässe aber gut mit Alternativen oder magistraler Zubereitung, etwa bei Hustensäften, kompensieren.
Es gibt jetzt eine Bevorratungspflicht für wichtige Medikamente. Wie wirkt sich diese in der Praxis aus?
Die Bevorratungspflicht federt Engpässe teilweise ab, aber der Weltmarkt hat seine eigenen Gesetze. Wir bemühen uns, das benötigte Präparat aus einer anderen Apotheke oder im Notfall aus dem Ausland zu besorgen. Aber wenn ganz Europa betroffen ist, wird es schwierig. Es gibt viele globale Konzerne mit einer komplexen internationalen Lieferkette, da ist es nicht immer leicht herauszufinden, warum es in Österreich keine Ware gibt.
Seit Kurzem gibt es eine ApoApp, um Medikamente zu finden. Sind hier alle Apotheken angeschlossen?
Unsere ApoApp ist für die Menschen sehr hilfreich, weil sie direkt sehen, wo das Medikament erhältlich ist. Inzwischen sind 1.100 Apotheken angedockt. Auch wenn ein Medikament vergriffen ist, gibt es in der Apotheke immer eine Lösung. Wir tauschen uns auch untereinander bezüglich der Verfügbarkeit aus, es bleibt niemand unversorgt.
Im Gesundheitssystem muss gespart werden. Wie können die Apotheker helfen?
Es geht darum, die bestehenden Ressourcen besser einzusetzen und vor allem die Ambulanzen zu entlasten. Wir könnten mehr in der Prävention und bei der Lenkung von Patientenströmen tun. Da haben wir auch sehr konkrete Vorschläge, wie die Apotheke als Erstanlaufstelle die Versorgung verbessern kann.
Wie sieht dieses Modell aus?
Viele der bis zu 600.000 Menschen, die täglich eine Apotheke besuchen, kommen ohne Rezept, nur mit einem Gesundheitsproblem. Diese können wir größtenteils mit rezeptfreien Medikamenten gut versorgen. Eine Studie aus der Schweiz zeigt, dass nur etwa 10 Prozent aller Patienten, die ohne einen vorherigen Arztbesuch in Apotheken kommen, weiter ärztlich versorgt werden müssen. In den Randzeiten, also am Freitagnachmittag und Samstagvormittag bis 12 Uhr können wir assistierte Telemedizin anbieten.
Telemedizin in der Apotheke statt zu Hause am Bildschirm?
Ja, damit können wir auch einen Teil der 10 Prozent versorgen. Wir starten dazu gerade mit einem Pilotprojekt in 15 Apotheken in Oberösterreich und Wien. Der Patient loggt sich dabei im Bedarfsfall direkt in einem Beratungsraum der Apotheke in eine Telemedizin-Plattform ein und spricht mit einem Arzt. Dieser ist dann über ELGA mit den Apotheken vernetzt, kann dadurch weitere Daten abfragen, unterstützende Diagnostik anfordern und das eRezept ausstellen. Das wird dann gleich in der Apotheke eingelöst.
Soll Telemedizin via Apotheken nicht irgendwann auch über 1450 funktionieren?
Das könnte zukünftig eine Möglichkeit sein. Leider gibt es noch keine österreichweite Telemedizin-Plattform, die in den Randzeiten Patienten versorgen kann und damit Spitalsambulanzen entlastet. Das ist definitiv eine Versorgungslücke.
Apothekerkammer-Präsidentin
Ulrike Mursch-Edlmayr (66) ist seit 2017 Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer. Die selbstständige Apothekerin aus Neuzeug/OÖ (Steyrtalapotheke) ist die erste Frau an der Spitze der seit 75 Jahren bestehenden Berufsvertretung. I
1400 Apotheken
In Österreich gibt es 1.470 öffentliche und 43 Krankenhausapotheken, in denen rund 20.000 Menschen beschäftigt sind. Jede zweite Apotheke wird von einer Frau geführt, der Frauenanteil in den Apotheken liegt bei 86 Prozent
Sie haben auch angeboten, Impfungen in Apotheken durchzuführen. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Mittlerweile haben 3.000 Kolleginnen und Kollegen die Impfausbildung auf höchstem internationalem Niveau gemacht. Jetzt muss die Politik entscheiden, ob sie das umsetzen will oder nicht, wir haben die Hausaufgaben gemacht. Der Zeitpunkt jetzt wäre gut, wenn man die vielen Impfprogramme erfolgreich umsetzen möchte.
Der Impfstoff gegen Gürtelrose war rasch vergriffen, sehr zum Ärger vieler Patienten. Was ist da los?
Die Verteilung des Impfstoffes erfolgt nicht ausnahmslos über die Apotheken, sondern häufig direkt an die Impfstellen, also die Ordinationen. Viele Ärzte haben sehr viel Impfstoff bestellt, andere zu wenig. Das Problem: Der zu viel bestellte Impfstoff kann nicht mehr umverteilt werden, weil er aus der Lieferkette draußen ist.
Was schlagen Sie vor?
Eine konsequente Verteilung über Großhandel und Apotheke, wie es früher war. Jetzt werden die Impfstoffe zentral über Logistiker abgewickelt. Das ist auch bei der Grippe-Impfung so. Man weiß dann gar nicht, wie viel überhaupt verimpft wird. Da wird leider viel Impfstoff weggeworfen.
Anderes Thema: Der Online-Handel von Medikamenten nimmt stark zu. Die niederländische Shop-Apotheke etwa will wie in Deutschland auch in Österreich rezeptpflichtige Medikamente zustellen. Die Apothekerkammer war immer dagegen. Warum?
Wir sind sehr skeptisch, weil Rosinenpickerei bei Arzneimitteln – und das machen die großen Ketten – in diesem Bereich sehr gefährlich ist. Den großen Versandhändlern ist relativ egal, wie die Versorgungslage in Österreich ist. Die fahren mit Dumpingpreisen rein und haben keinerlei Versorgungsverantwortung oder Verpflichtungen, was Nachtdienste etc. betrifft. Das ist ein unfairer Wettbewerb, bei dem es rein um die Profitmaximierung der Konzerne geht.
Eine weitere Liberalisierung ginge also auf Kosten der Versorgung?
Ja, eine weitere Liberalisierung in diesem Bereich führt zum Apothekensterben und gefährdet die flächendeckende Versorgung in Österreich.
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