Wirtschaft
06.05.2018

Ali Rahimi: "Nicht alle Iraner sind Teppichhändler"

Der Unternehmer und Netzwerker startet Reisen in den Iran. Er spricht über Politik, Wirtschaft und die Definition von Heimat.

KURIER: Sie bieten demnächst Iran-Reisen an. Haben Sie ein neues Geschäftsfeld entdeckt?

Ali Rahimi: Sehr viele meiner Kunden und auch meine Freunde fragen mich immer wieder: „Ali, was gibt’s Interessantes im Iran?“. Sie fragen mich auch, warum ich nicht Touren organisiere. Daher habe ich mich entschieden, Reisen anzubieten. Dafür braucht man natürlich einen Spezialisten. Beim Verkehrsbüro bzw. dessen Tochter Eurotours und Franz Gredler waren von Anfang an Interesse und Sympathie da.

Welchen Part haben Sie dabei?

Ich biete Eurotours die besten Kontakte im Iran. Die Agentur iGoPersia ist ein junges, innovatives Team. Wir haben die interessantesten Locations sondiert und alles ausgelotet, von dem ich glaube, dass es die Österreicher gerne sehen.Dann haben wir ein gemeinsames Produkt gebastelt. Wir wollen mit zwei Linien in den Markt gehen. Einer günstigeren Variante, die wir breit über den Diskonter Hofer anbieten, und einer Fünf-Sterne-Variante.

Wie beurteilen Sie die Debatte über die Aufkündigung des Atomvertrags durch die USA?

Die USA sind für mich ein interessantes Land, denken Sie nur daran, wie die USA Europa mit dem Marshallplan geholfen haben. Laut EU hat der Iran den Vertrag eingehalten. Als Geschäftsmann vergleiche ich das so: Wenn man einen Vertrag eingeht und dieser eingehalten wird, kann man nicht nachher sagen, ich hätte besser verhandeln müssen. Das hätte ich vorher wissen müssen. Ich finde es unfair, wenn ein Vertrag ohne Grund gekündigt wird.

Aber was passiert, wenn die USA tatsächlich kündigen?

Das ist zum Leid der Bevölkerung und der Wirtschaft. Die Banken sind ja jetzt schon zögerlich, weil sie um ihr Geschäft mit den USA fürchten. Ohne Banken kann eine Wirtschaft aber nicht funktionieren. Die Frage ist, wie Europa reagiert. Wenn wieder ein Embargo verhängt wird, darf der Iran kein Gas und Öl mehr liefern. Das wird sich auf die Energiepreise international auswirken. Aber nochmals, es gibt derzeit keinen Grund, den Vertrag zu kündigen.

Politische Aussagen sind für Unternehmer immer schwierig. Aber können Sie sagen, wie lange wird es dauern, bis der Iran eine Demokratie mit einer freien Gesellschaft ist?

Es gibt freie Wahlen. Doch ich will mich nicht weiter zur Politik äußern, ich bin Unternehmer und kein Politiker.

Sie sind in Teheran geboren, leben aber seit mehr als 50 Jahre in Österreich. Fühlen Sie sich eigentlich als Österreicher oder als Iraner? Wo ist Ihre Heimat?

Ich bin stolz und dankbar, in Österreich leben zu dürfen. Ich schätze das Gesundheitssystem, die Sozialpartner, die Sicherheit und es gibt keine Streiks. Die Infrastruktur ist gut, die öffentlichen Verkehrsmittel sind gut ausgebaut, die Luftqualität ist verhältnismäßig gut. Aber ich bin auch stolz, iranische Wurzeln zu haben. Ich fühle mich als Österreicher mit starken iranischen Wurzeln.

Wie definieren Sie Heimat?

Heimat ist kein geografischer Begriff, Heimat ist ein Gefühl. Heimat ist dort, wo ich mich aufgehoben fühle. Ich fühle mich im Iran gut aufgehoben und ich fühle mich in Österreich gut aufgehoben.

Waren Sie oder Ihre Familie in Österreich jemals mit Ressentiments konfrontiert?

Nein, nie. Meine Eltern haben sehr auf die österreichische Geschichte und die Rituale geachtet. Wenn man die Geschichte eines Landes versteht, dann versteht man auch das Land. Wir haben beispielsweise Weihnachten und Ostern gefeiert.

Sie als Muslim feiern Weihnachten?

Ja. Ich als Muslim habe auch einen päpstlichen Orden erhalten und das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich. Wenn man Respekt zollt, bekommt man auch Respekt.

Zur Wirtschaft. Wie sehen Sie die Beziehungen zwischen Iran und Österreich?

Beide Länder hatten schon in der K&K-Zeit sehr gute Beziehungen. Die iranische Armee wurde von Offizieren des Kaisers ausgebildet. Der Damavand, der höchste Berg des Iran, wurde vor 175 Jahren erstmals von österreichischen Alpinisten bestiegen. Bei der Weltausstellung in Wien hatte der Schah einen eigenen Pavillon und ließ alle Teppiche in Wien zurück. Ein kleiner Teil davon ist heute im MAK. Und Österreich war für die Iraner immer ein wunderbares Land zum Studieren.

Welche Studienrichtungen?

Fast jeder Wiener kennt einen iranischen Arzt. Die MedUni in Wien oder auch die Montan-Universität in Leoben sind heute noch sehr anerkannt im Iran. Professor Fellinger beispielsweise war der Leibarzt des Schah. Nicht alle Iraner sind Teppichhändler.

Wie ist das Verhältnis heute?Der Iran hat nach wie vor großes Vertrauen in Österreich. Der Gast aus Österreich ist herzlich willkommen. Das Land ist sauber und sicher. Nicht nur Teheran, auch in den Provinzstädten. Viele Touristen wundern sich auch, dass sie wenig Polizei sehen.

Wo sind die Chancen für Österreichs Wirtschaft?

Österreichische Produkte und Technologie sind grundsätzlich sehr gefragt. „Made in Austria“ wird sehr geschätzt. Vor allem jene Bereiche, wo Österreich stark ist. Also die gesamte Umwelt-Technik, aber auch der Eisenbahn-Bereich. Die Iraner sind stolz, Doppelmayr-Seilbahnen zu haben. Ein großes Thema ist der Tourismus, da können die Iraner viel von Österreich lernen. Ich denke da an Hotel- und Restaurantmanagement. An Dienstleistungen überhaupt herrscht großer Bedarf. Aber auch die Landwirtschaft ist interessant. Bio wird ein Riesenthema, steht aber erst am Anfang. Oder der Energiebereich und die Müllentsorgung.

Wo steht die iranische Wirtschaft derzeit?

Sie ist noch nicht dort, wo sie sein könnte. Der Grund dafür ist das Embargo. Stellen Sie sich vor, Österreich wäre bei den Exporten derart eingeschränkt gewesen. Jahrelang waren keine Banküberweisungen in den Westen möglich und keine Geschäfte mit Europa und den USA. Nur mit China. Die Chinesen haben sich dabei krumm und deppert verdient, würde man auf gut Wienerisch sagen. Devisen zu bekommen, war sehr schwer, weil alle Guthaben im Ausland eingefroren waren. Iran durfte keine Flugzeuge kaufen. Der Tourismus war beinahe bei Null. Der Druck auf die Bevölkerung war extrem. Trotzdem hat der Iran diese Zeit überstanden.

Das Problem sind die Banken?

Fischer, Kurz und Leitl haben bei Staatsbesuchen den österreichischen Unternehmen empfohlen, Geschäfte mit dem Iran zu machen. Doch nachher hat man gesehen, dass die Banken nicht mitspielen. Wenn das nicht funktioniert, sind keine langfristigen Investitionen möglich. Die Oesterreichische Kontrollbank würde zwar finanzieren, aber die Geschäftsbanken müssen auch dabei sein. Dieser Schritt ist noch nicht gelungen.

Warum sieht man im Iran so viele französische Autos?

Frankreich war immer ein guter Partner, Renault produziert im Land. Carrefour hat schon mit Supermärkten begonnen. Aber auch Coca Cola wird hier original abgefüllt und verkauft. Österreich hätte Riesenchancen im Lebensmittelbereich.

Wie fühlen sich die Menschen in einem Land, das seit 40 Jahren international geächtet wird?

Natürlich ist die Bevölkerung sehr skeptisch. Früher konnte man etwas erreichen, wenn man fleißig war. Heute gehen die guten Kräfte lieber ins Ausland. Die einzige Ausnahme ist die Immobilienbranche. Die Preise sind in den letzten Jahren extrem gestiegen und viele Leute sind dabei wirklich reich geworden.

 

Ali Rahimi: Verkaufen, Vermitteln, Netzwerken

Der Großvater war Banker im Iran, der Vater des 53-Jährigen Ali kam vor 60 Jahren nach  Wien, um  Geschichte und Geografie zu studieren.  Die Mutter stammt aus einer Ärztefamilie in Teheran. Wegen der großen  Nachfrage stieg der Vater in den 1960-er Jahren in den Teppichhandel ein. Ali wurde in Teheran geboren und kam im Alter von zwei Jahren nach Wien. Er importiert zusätzlich Lebensmittel und vermittelt Käufer für Unternehmen.  Wohlhabenden iranischen Familien ist er bei Investments in Österreich behilflich. Rahimi gilt als einer der besten Netzwerker des Landes mit Kontakten in alle Richtungen.  Bill Clinton kam drei Mal zu den Charity-Events im Wiener Innenstadt-Palais der Familie.