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Ohne Soja kein Fleisch? Europas riskante Abhängigkeit

Europa importiert jährlich 35 Millionen Tonnen Soja – meist für Tierfutter. Fällt die Lieferung aus, droht der Kollaps in den Ställen.
Ein Landwirt hält eine Handvoll Sojabohnen in seinen Händen.

„Ohne Soja hätten wir zwar Brot, aber nichts mehr zum Drauflegen.“ Die Warnung der Donau-Soja-Geschäftsführerin Aurélie Tournan ist drastisch, beschreibt aber die Realität der europäischen Landwirtschaft sehr gut. Ob Schwein, Geflügel oder Rind – die Fleisch- und Milchproduktion hängt stark an Importen aus Übersee, denn die Bohne bietet eines der wichtigsten Futtermittel. 35 Millionen Tonnen Soja importiert die EU jedes Jahr, vor allem aus Brasilien, Argentinien und den USA. 

Gerade in Zeiten, in denen viele Lieferketten unter Druck stehen, mache sich Europa damit stark abhängig, warnt auch Ex-EU-Kommissar Franz Fischler im Gespräch mit dem KURIER. Er sieht die Ernährungssicherheit gefährdet: „Ohne die Lieferungen aus Übersee können wir praktisch kein Fleisch mehr produzieren.“ Vor allem beim Geflügel- und Schweinefleisch ein Problem, denn da ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich sehr hoch. „Wenn die Lieferungen stoppen, haben wir innerhalb von drei Wochen kein Tierfutter mehr“, warnt auch Donau-Soja-Präsident Matthias Krön.

Historisches Abkommen schwächte europäische Soja-Produktion

Dass diese Abhängigkeit besteht, hängt mit dem historischen „Blair-House-Abkommen“ zusammen, das die EWG 1992 mit den USA abgeschlossen hat. Darin verpflichtete sich der EU-Vorgänger, die subventionierte Anbaufläche für Ölsaaten wie Soja zu begrenzen und die zollfreie Einfuhr zu ermöglichen. Der historische Deal wirkt heute nicht mehr direkt, seine Folgen spürt die Branche aber weiterhin.

Österreich ist beim Soja-Anbau vergleichsweise gut aufgestellt. Der Eigenversorgungsgrad liegt bei 40 Prozent. Zum Vergleich: Im EU-Schnitt liegt er bei circa acht Prozent. Dass Österreich besser versorgt ist, liege an guter Beratung der Landwirte und dem Aufbau eines Netzes von Abnehmern, erklärt Tournan.Bauern könnten nur dann wirtschaftlich produzieren, wenn sie sowohl das Sojamehl als auch das Sojaöl, das vor allem für die Biokraftstoff-Herstellung genutzt wird, verkaufen können.

Drei Personen diskutieren an einem Tisch in einem hellen Besprechungsraum vor einer Europakarte.

Matthias Krön, Franz Fischler und Aurélie Tournan (v.l.n.r.) im Gespräch mit Marlene Liebhart. 

Landwirte erleichtert über Entscheidung des EU-Parlaments

Zuletzt sah es so aus, als müssten die europäischen Landwirte künftig auf diese Einnahmen aus dem Sojaöl-Verkauf verzichten. Kürzlich stimmte das EU-Parlament über einen Vorschlag der Kommission ab, mit dem die Anrechnung von auf Soja-Basis produziertem Biokraftstoff als Erneuerbare Energie schrittweise eingeschränkt worden wäre. Zur großen Erleichterung der Landwirte lehnte das Parlament den Vorschlag ab. 

Tournan begrüßt diese Entscheidung: „Eine pauschale Einstufung hätte zertifiziertes, entwaldungsfreies und gentechnikfreies Soja aus Europa gleichbehandelt wie importiertes Soja ohne jegliche Standards.“ Ein Wettbewerbsthema: Während Soja etwa in Österreich vor allem im Rahmen einer geordneten Fruchtfolge angebaut wird, setzen viele brasilianische Bauern auf genmodifizierte Pflanzen in Monokultur, die häufig mit dem umstrittenen Pestizid Glyphosat behandelt werden.

Experten fordern europäische Gesamtstrategie und konkrete Maßnahmen

Abgeschlossen sei das Thema für Tournan trotz der Parlamentsentscheidung noch nicht. Die Kommission müsse jetzt „eine überarbeitete Lösung vorlegen, die Klima- und Energieziele mit einer nachhaltigen EU-Proteinversorgung verbindet“. Auch Fischler fordert eine Gesamtstrategie auf EU-Ebene. Krön wirft der EU „Fahrlässigkeit“ vor, weil sie keine Maßnahmen setzt, die die Abhängigkeit reduzieren.

Diese bestehe nämlich nicht nur im Bereich des Tierfutters, sondern auch beim Dünger. Soja bringt durch seine Wurzeln Stickstoff in die Böden, weshalb auf den Feldern Stickstoffdünger eingespart werden kann. Auch dieser wird EU-weit importiert. Mehr Soja-Anbau könne auch dort die Souveränität steigern, so Krön.

Konkret fordert er etwa strengere Vorgaben  bei der Fruchtfolge. Ideal fände er eine dreigeteilte Versorgung, bei der ein Drittel aus EU-Anbau, ein Drittel aus Übersee und ein Drittel von EU-Nachbarn wie Serbien oder der Ukraine stammt.  

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