Unternehmernachwuchs entsteht vor allem in Kreativ- und Wissensberufen

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Wirtschaft
04/08/2019

12-Stunden-Tag: Junge Wirtschaft plädiert für Lebensarbeitszeit

Der klassische Arbeitstag passe nicht mehr in die moderne, digitale Arbeitswelt. Stattdessen soll es Zeitwertkonten geben.

von Anita Staudacher

Gerade einmal sechs Monate ist das neue, flexible Arbeitszeitgesetz – Stichwort 12-Stunden-Tag – in Kraft, schon werden neue Begehrlichkeiten wach. Die Junge Wirtschaft (JW), Interessensvertretung von 120.000 heimischen Jungunternehmen, will die Arbeitszeit gleich völlig neu verteilen. „Den klassischen Arbeitstag gibt’s bei den jungen Unternehmen längst nicht mehr, mobiles Arbeiten ist die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Daher fordern wir hier noch mehr Flexibilität“, sagt JW-Vorsitzende Christiane Holzinger zum KURIER.

Laut Umfrage unter 1200 Jungunternehmen begrüßen 80 Prozent die im Vorjahr eingeführten Arbeitszeitregelungen, halten sie aber für nicht ausreichend. „Es war mehr eine Legalisierung der ohnehin gelebten Praxis und daher nur ein erster Schritt in die richtige Richtung“, so Holzinger.

Wissenschaftliche Unterstützung erhält sie von Michael Bartz, Experte für modere Arbeitsformen an der IMC Fachhochschule Krems.

Arbeitstag bröckelt

Bartz hält den 12-Stunden-Tag ohnehin für eine „Themenverfehlung. Der klassische Arbeitstag löst sich auf. Junge, urbane Leute beginnen den Tag mit Sport und wollen vielleicht am Nachmittag eine Runde joggen gehen, dafür am Abend länger arbeiten“. Moderne Büros seien heute „Lebens- und Arbeitswelt zugleich“.

Jungen Mitarbeitern sei „Sinn und Ziel ihrer Arbeit wichtiger als finanzielle Aspekte“. Moderne Arbeitgeber bräuchten daher sowohl eine unternehmerische Vision als auch eine Art Wohlfühlambiente als Arbeitsplatz mit Benefits wie gesunde Snacks oder Fahrrad-Abstellplätze. Wer schon Start-up-Zentren besucht hat, weiß, was er meint.

Was die Arbeitszeit betrifft, plädiert der FH-Professor für die Einführung so genannter „Zeitwertkonten“ über ein ganzes Arbeitsleben hinweg. Überstunden oder Urlaube würden dadurch nicht verfallen, sondern könnten bei Vorsorgekassen angespart und später als Freizeitblock genutzt werden. „Ich könnte die Überstunden wie beim Pensionskonto oder der Abfertigung von Arbeitgeber zu Arbeitgeber mitnehmen“, sieht Bartz einen großen Vorteil.

Zeitguthaben

In Deutschland können Arbeitgeber diese Möglichkeit auf freiwilliger Basis anbieten. Hier können Überstunden und nicht genommene Urlaube auf Basis des Stundensatzes in Geld umgerechnet und angelegt werden. Mit dem Zeit- oder Geldguthaben kann dann entweder ein früherer Pensionsantritt oder die Altersteilzeit finanziert werden. „Zeitwertkonten ermöglichen flexibles Arbeiten und erhöhen die Attraktivität des Arbeitgebers“, ist Bartz überzeugt. Er selbst beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema "New World of Work" (siehe Blog - externer Inhalt)

Mal mehr, mal weniger

So könnte im Sinne eines „lebensphasenorientierten Arbeitens in jungen Jahren mehr, später dafür weniger gearbeitet werden. „Wir bräuchten eine Diskussion um Zeitwertkonten, das wäre eine wirkliche Innovation“, sagt Bartz. Bisher hat nur der ÖAAB ein solches Modell präferiert.

Auch Holzinger will über Lebensarbeitszeit reden. Der jetzige Rechtsrahmen entspreche nicht mehr den Anforderungen der digitalen Wirtschaft. „Wir denken noch zu viel in Stunden und Kontrolle, das ist veraltet. Wir stehen schließlich nicht mehr am Fließband, sondern haben alle Eigenverantwortung gelernt“, so Holzinger.

Arbeiterkammer skeptisch

Josef Wöss, Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der Arbeiterkammer Wien, ist skeptisch. „Ansparen von Überstunden heißt noch lange nicht, dass die angefallenen auch bezahlt werden.“ Die Veranlagung von Guthaben in Abfertigungskassen sei vom Kapitalmarkt abhängig und damit unsicher. Beim Urlaub gehe es ja um die Erholung, deshalb soll er auch nicht „gespart“ werden.

Wöss verweist auf flexible betriebliche oder kollektivvertragliche Lösungen, die es in einigen Branchen ohnehin schon gibt. Laut Statistik Austria sind allein im Vorjahr 43 Millionen Mehr- und Überstunden in Österreich nicht abgegolten worden. Das entspricht der „Gratis-Arbeit“ von 25.000 Vollzeitbeschäftigten. Die AK fordert ein generelles Ende der Verfallsfristen für Überstunden.

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Was sind Zeitwertkonten?

Mit Zeitwertkonten  oder Lebensarbeitskonten können Überstunden, Urlaube, Zulagen oder Prämien über einen langen Zeitraum angespart und später als Freizeitblock genutzt   werden. Es gibt unterschiedliche Modelle, z.B. innerbetrieblich oder überbetrieblich über eine eigene  Sparkasse. In Deutschland auf freiwilliger Basis möglich, aber wenig  genutzt.

Die Vorteile:
Arbeitnehmer: Finanzierung einer Auszeit, Familienzeit oder eines früheren Pensionsantritts.   
Arbeitgeber: Höhere Attraktivität, weil Beschäftigte mehr Zeitspielräume haben. Flexibles Arbeiten und temporäre Beschäftigung leichter möglich, Alternative zur Betriebspension.

Die Nachteile:
Arbeitnehmer: Veranlagung ist unsicher, Zustimmung des Arbeitgebers nötig, Jüngere bevorzugt. Arbeitgeber: Relativ  komplex und verwaltungsintensiv

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