Wirtschaft
04.07.2018

12-Stunden-Tag: Darüber spricht das Netz

In der Debatte um Arbeitszeitflexibilisierung nutzen Opposition und Gewerkschaft das Netz am erfolgreichsten.

Einen Vorgeschmack auf das, was sich die Gewerkschaft alles an Kampfmaßnahmen im Herbst vorstellen kann, gibt es bereits zu Beginn der Sommerferien. ÖGB-Chef Wolfgang Katzian sprach angesichts der von der Regierung geplanten Arbeitszeitflexibilisierung bereits davon, dass eine ausgestreckte Hand schnell zu einer geballten Faust werden könne.

Die ÖVP-FPÖ-Koalition will die Möglichkeit des 12-Stunden-Tages am Donnerstag im Parlament beschließen – davor mach(t)en die Gegner des Modells mobil. Am Samstag demonstrierten in Wien 80.000 Menschen, initiiert von Gewerkschaft und Arbeiterkammer, gegen die Pläne. Am Montag hielten die ÖBB und andere Konzerne Betriebsversammlungen ab. Die SPÖ-Spitze – allen voran Christian Kern – will, dass die Frage der Arbeitszeit, die Bevölkerung entscheidet. Im Internet haben sich die User scheints längst entschieden – und sich auf die Seite der Gegner gestellt, wie eine Online-Analyse von BG-thinktank ergab . Pro-Stimmen sind nur vereinzelt zu finden. Österreich liegt im EU-Vergleich mit 41,2 geleisteten Wochenarbeitsstunden auf Platz zwei hinter Griechenland (41,9 Stunden) und vor Deutschland (40,7). 88 Prozent wollen, dass der 12-Stunden-Tag weiterhin die Ausnahme bleibt.

Besonders beschäftigen die User die konkreten Auswirkungen der Gesetzesänderung auf ihren Arbeitsalltag. An die „ Freiwilligkeitsgarantie“, die die Regierung abgegeben hat – der 8-Stunden-Tag bleibt die Norm, die 11. und 12. Arbeitsstunde können, müssen aber nicht geleistet werden –, glaubt das Gros nicht. Die User befürchten, dass 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche zur Regel werden könnten, da sie nun vom Arbeitgeber leichter angeordnet werden können.

Pro und Contra

Häufige Argumente auf Twitter und Facebook gegen den 12-Stunden-Tag sind: Häufung von Arbeitsunfällen, Freiwilligkeit bei Überstunden ist nicht gegeben, längere Arbeitszeit hieße weniger Arbeitsplätze, Wegfall der Überstundenzuschläge bei Gleitzeit und fehlendes Privatleben. Die Befürworter weisen darauf hin, dass man in diversen Branchen bereits jetzt 12 Stunden arbeiten kann. Die Änderung betreffe nur

eine Minderheit, eine verordnete 60-Stunden-Woche verletze EU-Recht.

Besonders von den Nachteilen des ÖVP-FPÖ-Planes überzeugen konnte Willi Mernyi. Der Bundesgeschäftsführer der Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen erzählt die Geschichte des Pflasterers Günter. „Wennst’ 12 Stund’ arbeitest, acht Stunden schlafst und nur eine halbe Stunde in die Arbeit fahrst, bleiben dir drei Stunden. Für deine Familie, ... um Mensch zu sein.“ Über eine halbe Million Menschen haben das Video auf Facebook bis dato aufgerufen und mit Likes versehen.

Emotionale Videos

Auf der Seite der Befürworter sorgte das Video der Wirtschaftskammer für Furor(e). Das WKO-Informationsvideo „Willkommen in der neuen Welt der Arbeit“, das die Vorteile der neuen Regelung auslobt, emotionalisierte Mitte Juni stark. Über 397.000 Views und 97 Prozent negative Bewertungen auf Youtube legen Zeugnis davon ab. Die WKO reagierte prompt und lud User ein, auf Facebook sachlich zu diskutieren. Dort zeigt sich ein ähnliches Bild. Drei Viertel der User sind wütend. Jeder Sechste kann über das Video lachen. Geht es nach dem Grad der Mobilisierung auf Facebook ist Heinz-Christian Strache auf Seiten der Befürworter auf Platz eins, gefolgt von der WKO und der Industriellenvereinigung. Bei den Gegnern schafft es SPÖ-Chef Christian Kern die meisten Menschen hinter sich zu vereinen. Auf Platz zwei der ÖGB, gefolgt von SPÖ und Arbeiterkammer. Im Kreuzfeuer der User-Kritik steht die Regierung (3581); namentlich genannt werden Kanzler Sebastian Kurz , Vizekanzler Heinz-Christian Strache und in überraschend geringer Zahl die zuständige Sozialministerin Beate Hartinger-Klein.