Wellness
23.10.2018

Winterblues: Nach dem langen Sommer noch schlimmer?

Kurze Tage, dauernd dunkel, kühles Wetter: Das schlägt bei vielen Menschen aufs Gemüt.

Viele Menschen kennen das Stimmungstief, in das sie alle Jahre wieder spätestens im November fallen. Die Tage werden kürzer, die Sonne zeigt sich immer seltener. Einen ersten Vorgeschmack geben Sturm und Regen diese Woche. Der Winterblues lässt grüßen. Dabei hat die Sonne in diesem Jahr fast überall Überstunden gemacht.

Effekt des Super-Sommers

Könnte so ein Sonnen-Plus für mehr Widerstandskraft dagegen sorgen? Oder fällt der Kummer angesichts des deutlichen Kontrasts nur noch heftiger aus? Andreas Matzarakis, Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD), möchte sich da nicht so genau festlegen. "Wenn die Tage kürzer werden, schüttet der Körper mehr Melatonin aus - das sogenannte Schlafhormon." Die hormonelle Umstellung könne auch Stimmungsschwankungen bewirken, jedenfalls bei einigen Menschen. Die Folge seien dann beim Jahreszeitenwechsel die Frühjahrsmüdigkeit beziehungsweise der Winterblues.

"Eigentlich brauchen wir jetzt erst einmal zwei oder drei richtige Kälteeinbrüche, damit der Körper verzeichnet, dass er sich jetzt auf den Winter umstellen soll", vermutete Matzarakis. Vor Pauschalisierung warnte der Gesundheitsmeteorologe. "Bei depressiven Verstimmungen wie dem Winterblues kommen eigentlich immer mehrere Faktoren zusammen, und man kann nicht exakt sagen, welchen Anteil das Wetter daran hat."

Zudem sei längst nicht die gesamte Bevölkerung betroffen, betonte der Chronobiologe Jörg Stehle von der Goethe-Universität Frankfurt. "Am Winterblues leiden lediglich fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung." Auch wenn die Ursachen noch nicht restlos erklärt seien, habe das Phänomen etwas mit der Empfindlichkeit der inneren Uhr des Menschen zu tun.

Leidvolle Stimmungsschwankungen

In einer YouGov-Umfrage gaben allerdings 51 Prozent der mehr als 2.000 Befragten an, dass sie im Herbst unter Stimmungsschwankungen leiden. Frauen reagierten dabei sensibler auf das herbstliche Grau-in-Grau: Der Umfrage zufolge spüren 55 Prozent der weiblichen Befragten den herbstlichen Blues, aber nur 46 Prozent der Männer werden von Schwermut-Anflügen gepackt.

"Die innere Uhr reagiert von Mensch zu Mensch unterschiedlich auf Lichtexposition, manche sind sehr empfindlich, andere Menschen weniger", sagte Stehle. Licht sei aber zwingend notwendig, um diese innere Uhr täglich zu verstellen. "Von daher war der sonnenreiche Sommer dieses Jahr sicherlich für viele Menschen hilfreich, da sie morgens mit genügend Licht versorgt wurden", vermutete der Wissenschafter. Das galt aber nur für die Sommermonate: "Die viele Sonne während unseres herrlichen Sommers dieses Jahr nützt allerdings im Winter herzlich wenig, da unsere Uhr solche Informationen nicht speichert."

Lichtmangel

Denn im Winter fehlt das morgendliche Licht. "Dem kann man mit Lampen nachhelfen, die einen hohen Blaulichtanteil haben", sagte Stehle. "Darauf reagiert unsere innere Uhr besonders empfindlich. Aber auch körperliche Aktivität am Morgen ist hilfreich." So gemütlich es auch sein kann, unter der Kuscheldecke mit einem Becher Tee oder heißer Schokolade den Gedanken nachzuhängen - ein flotter Morgenspaziergang, eine Runde Laufen oder ein paar Yoga-Übungen können die Stimmungslage vieler Blues-Geplagter von Moll zu Dur bewegen.