Wellness
29.07.2017

RunNa: Nachpfeifen, nachglotzen und...

Über mulmige Gefühle auf der Stammstrecke.

Komm, nicht lockerlassen, über die Hälfte ist schon geschafft. In meinen Gedanken bin ich ganz auf mein Training konzentriert. Ich schaue nach vorne. Von weitem sehe ich einen Mann, beachte ihn nicht weiter. Als ich näherkomme, stellt er sich mitten auf den Weg. Das reißt mich aus dem Flow und ich werde auf ihn aufmerksam. Irgendetwas an ihm ist anders. Plötzlich steckt er sich die Hand in seine Hose und macht diese eindeutigen Handbewegungen. Ich bin keine fünf Meter von ihm entfernt. Leichte Panik macht sich breit. Was tun? Umdrehen? Ich versuche ihn zu ignorieren und laufe weiter. Schnell. Obwohl mir eigentlich schon die Luft ausgeht, denn Tempo steht heute am Plan. Nur nicht langsamer werden, einfach nur weg, denke ich. Als ich vorbeilaufe, kommt er noch einen Schritt näher. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass die Hose nicht mehr da ist, wo sie sein sollte. Seine Handbewegungen werden schneller. Ich werde schneller. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gefrühstückt gehabt, wäre es mir wohl hochgekommen.

Und dann bin ich endlich vorbei. Den Ton von meinen IPod habe ich längst abgedreht. Ich drehe mich um. Habe Angst, dass er mir nachläuft. Schaue wieder nach vorne. Da ist niemand. Das gibt es doch nicht, da sind doch sonst auch immer Leute mit ihren Hunden unterwegs. In Gedanken gehe ich durch, was ich eingesteckt habe. Eigentlich nichts. Auch nicht mein Handy, nur die Haustürschlüssel. Und die sind gut eingepackt. Zu gut, um sie schnell bei der Hand und somit irgendetwas zu haben, mit dem ich ihn verletzten könnte. Ich drehe mich wieder um. Sehe ihn nicht. Vorne ist eine Frau. Aufatmen. Ich kann mich wieder auf meinen Lauf konzentrieren. Ein mulmiges Gefühl bleibt dennoch zurück. Was hätte ich getan, wenn er mir gefolgt wäre? Ich habe keine Ahnung, ob ich mich nur mit Händen und Füßen gegen einen erwachsenen Mann, der mit Gewalt seinen Trieb befriedigen will, wehren könnte. Ich bezweifle es.

So geschehen vergangenen Samstag auf meiner Stammstrecke Donaukanal. Es war gegen sieben Uhr. Ich laufe immer frühmorgens. Angst, dass mir etwas passieren könnte, hatte ich bisher nie. Einzig im Winter ist es etwas unheimlich, wenn man fast einsam und verlassen in der Dunkelheit seine Runden dreht. Da bleibt der IPod dann zuhause. Dennoch fühlte ich mich bisher immer sicher. Das hat sich seit diesem Vorfall etwas verändert.

Wie verhalten?

Es ist Hochsommer, die Shorts sind kurz und viele Shirts figurbetont. Dass manche Männer glauben, verschwitzte Läuferinnen sind Freiwild, denen man nachglotzen, nachpfeifen oder dumme Kommentare nachrufen kann, ist nicht neu. Immer wieder, vor allem am Wochenende zu früher Stunde, wenn die letzten Partypeople vor dem Volksgarten herumtorkeln, erlebe ich so manche Situation, die Männern erspart bleibt. Damit kann ich leben, immerhin bleibt es bei abklatschen, neben mir herlaufen oder ein paar blöden Sprüchen. Situationen wie am vergangen Samstag blieben mir bis zu diesem Tag zum Glück erspart. Der Typ hinterließ den ganzen Tag ein flaues Gefühl im Magen und wenn ich heute an der Stelle vorbeilaufe, sehe ich ihn immer noch vor mir.

Als Chronik-Journalistin bin ich immer wieder unter anderem mit Vergewaltigungen konfrontiert. Jedes Mal denke ich mir, es muss der blanke Horror sein. Ausgeliefert. Keine Chance sich zu wehren und somit das Schreckliste, das man einer Frau antun kann, über sich ergehen lassen zu müssen. Klar heißt es nicht automatisch, dass einer, der die Hand in seine Hose steckt, auch zu so einer Handlung fähig ist. Aber allein das Gefühl, das er dadurch hinterlässt, reicht aus, um zukünftig genauer hinzuschauen, vorsichtiger zu sein und sich in manchen Situationen mehr als nur einmal umzudrehen. Was also tun, wenn frau in solch eine Situation gerät? Der 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien gibt Tipps:

- Handeln: Das Schlimmste sei, so die Frauennotruf-Expertin, dass man nicht weiß, wie die Situation weitergeht. "In der Regel beschränken sich Exhibitionisten auf das Entblößen und Onanieren. Man weiß es aber nicht und das würde verunsichern. Wenn möglich sollte man immer ein Handy mitnehmen. Fühlt man sich bedroht oder unsicher, sollte man keine Scheu haben, die Polizei anzurufen. Solche Handlungen in der Öffentlichkeit sind strafbar und können daher angezeigt werden. Außerdem kommt man so ins Handeln und übernimmt nicht die Scham des Täters", heißt es vom Frauennotruf.

- Ignoranz: Auf keinen Fall sollte man sich auf ein Gespräch oder eine Diskussion einlassen. "So gut es geht ignorieren, damit straft man Exhibitionisten am meisten. Sobald man ihn beachtet und gar Angst zeigt, fühlt er sich nur bestätigt und wird das wieder machen", meint die Frauennotruf-Expertin.

- Taschenalarm: "Wir raten von Waffen wie Pfeffersprays ab. Da sollte man sehr vorsichtig sein, weil sie immer auch gegen einen verwendet werden kann", so die Auskunft des Frauennotrufs. Besser seien Taschenalarme, die durch den schrillen Ton automatisch auch andere Personen auf sich aufmerksam machen.

- Warnen: Und zu guter Letzt sollte man andere Frauen, die einem entgegenkommen, warnen.

Der Frauennotruf Wien ist rund um die Uhr unter der Telefonnummer 01 71 71 9 erreichbar. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.