Wellness
09.03.2018

Schlägt sich Stress auf den Magen?

Salzburger Psychologen gingen dem Phänomen Frustessen auf den Grund. Ihre Forschung zeigt die komplexen Zusammenhänge zwischen Emotion und Essverhalten.

"Nichts ist wertvoller als ein guter Freund, außer ein Freund mit Schokolade", hat Charles Dickens einmal gesagt. Manchmal genügt einfach die Schokolade. Als Seelentröster oder Nervennahrung prädestiniert sind außer Schokolade fast alle Arten von Snacks. Essen nicht aus Hunger, sondern zur Stress- und Emotionsregulation: Wissenschaftler sprechen in dem Zusammenhang von emotionalem Essen und definieren es als vermehrte Nahrungsaufnahme, um negative Emotionen und Stress zu reduzieren.

Genau dieser Aspekt stand bisher im Fokus der Forschung. Die Arbeitsgruppe um den Essstörungsforscher Jens Blechert vom Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg hat das Studiendesign deutlich erweitert. Blechert hat für sein Projekt einen mit 1,3 Millionen Euro dotierten "ERC Starting Gran" erhalten, einen der höchsten EU-Förderpreise. "Wir wollen in einem neuen innovativen Ansatz die emotionalen Prozesse untersuchen, die unser Essverhalten beeinflussen", sagt der Professor.

Fragebögen zu Verhalten

Die Salzburger Forscher haben neue Fragebögen entwickelt, in denen zwischen Stress und verschiedenen negativen Emotionen (Traurigkeit, Ärger, Ängstlichkeit) sowie positiven Emotionen unterschieden wird. Außerdem erfassen sie nicht nur das "emotionale Überessen", sondern auch das "emotionale Unteressen". Die Ergebnisse sind teilweise anders als erwartet, sagt Projektmitarbeiter Adrian Meule. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass in etwa gleich viele Menschen berichten, bei Stress weniger zu essen oder bei Stress mehr zu essen. Viele berichten natürlich auch, dass sich ihre gegessene Nahrungsmenge durch Stress nicht ändert. Gleiches gilt für das Essen bei Fröhlichkeit. Bei Traurigkeit tendiert die Mehrheit dazu, mehr zu essen. Dass die meisten bei Ärger und Ängstlichkeit weniger essen, könnte mit der körperlichen Erregung zusammenhängen, sie unterdrückt den Appetit."

Basis des emotionalen Essens

Was aber führt dazu, dass manche Menschen bei Stress (und anderen negativen Emotionen) zum "emotionalen Überessen" tendieren und andere zum "emotionalen Unteressen"? Auffallend ist für die Forscher, dass diejenigen, die angeben, in schlechter Stimmung mehr zu essen, meist einen höheren Body Mass Index ( BMI) haben. Genau umgekehrt ist es bei positiven Emotionen. In guter Stimmung lassen es sich vor allem die Schlanken gut und ausgiebig schmecken.

Emotionen unterscheiden

"Insgesamt zeigen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, wenn man deren Einfluss auf das Essverhalten untersuchen möchte. Die generelle Idee der "Nervennahrung", das sogenannte "comfort food", deckt jedenfalls nur einen geringen Bruchteil des komplexen Zusammenhangs zwischen Emotionen und Essverhalten ab. Stress schlägt sich sehr unterschiedlich auf den Magen", resümiert Meule.

Wenig Essverhalten-Studien außerhalb von Labors

Essverhaltens-Studien wurden bisher fast ausschließlich als Laborexperimente durchgeführt. Bilder, Filme, Musik oder Stress-Aufgaben dienten als Auslöser für die diversen Stimmungen der Probanden. Naturalistisch lässt sich so das Essverhalten aber nicht abbilden. Um die Aussagekraft der Studien zu erhöhen, kombinieren die Salzburger Psychologen die Laboruntersuchungen mit Alltagsmessungen mittels einer Smartphone-App, die das Essverhalten und Stresssituationen in Echtzeit erfasst. "Unser Ziel ist es, die verhängnisvolle Verbindung zwischen Essen und Emotion aufzulösen. Wir möchten individuelle Trainingsmethoden für Frustesser entwickeln", sagt Jens Blechert.

Noch Teilnehmer für Studie gesucht

Ein Schritt in diese Richtung ist auch seine neue Studie über Frustessen, Gewichtsprobleme und Essanfälle, für die die Forscher noch Teilnehmerinnen suchen. Die Studie will die neuronalen Grundlagen dieser Schwierigkeiten herausfinden, also wie das Gehirn in bestimmten Situationen auf Nahrungsmittel reagiert. Mitmachen können Frauen zwischen 16 und 50 Jahren mit einem BMI ab 25 kg/m². Neben einer Fahrtkostenerstattung und 30 Euro Aufwandsentschädigung erhalten die Teilnehmerinnen eine individuelle detaillierte Rückmeldung ihrer Studienergebnisse. Alternativ können sie gratis an einem zweistündigen Gruppentraining "Stress-Essen reduzieren" in Salzburg teilnehmen.

Bei Interesse kontaktieren Sie bitte essen@sbg.ac.at Betreff: Frustessen. Angabe der Telefonnummer. Mehr Informationen: www.essforschung.at