Weihnachten 23.12.2012

Weihnachten – wie es wirklich war

Eine Wiener Theologin erklärt, wo die Heilige Schrift missverstanden wird

Trotz Konsumwahn und Kritik bleibt Weihnachten ein bedeutsamer Fixpunkt. Im Job Getriebene kommen – zwangsläufig – ein paar Tage runter, Familien sammeln sich – ob freiwillig oder nicht – um einen Tisch. Auch wenn die Geschenke nicht selbst gebastelt oder sogar einfallslos sind, drücken sie doch aus: Ich denke an dich, ich habe mir etwas überlegt.

Zu diesem verlässlich wiederkehrenden Fest der Nicht-Zwietracht gehört die jährlich erzählte Geschichte: Herbergssuche, Krippe im Stall, Könige beim Kindlein.
Und genau das alles ist ganz anders gewesen.

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© Bild: Edition a/Lukas Beck
Die Theologin Christine Hubka räumt im neuen Buch „Jesus hatte vier Brüder“ (siehe unten) mit Mythen über die Bibel auf: „Ich erkläre unvoreingenommen, was in der Bibel steht. Wie man es im Theologiestudium heute lernt. Das ist oft mehrdimensional, denn die Bibel widerspricht sich ja permanent. Und weil es nicht einmal die eine richtige Aussage gibt, gibt es schon gar nicht die richtige Deutung.“ Hubka erklärt, dass Onan nicht onanierte, Eva als Adamsrippe falsch übersetzt wurde, Lügen laut Bibel nicht verboten sind. Dass Mann und Frau in der Bibel ebenbürtig dargestellt werden. Und dass die Weihnachtsgeschichte in der bekannten Form nur ein sozialverkitschtes Märchen ist.

KURIER: Sie rechnen im Buch ganz schön mit Weihnachten ab: Maria keine Jungfrau, kein Stern, keine Hirten, keine Engel und keine Könige zu Besuch.

Christine Hubka: Das alles macht Weihnachten ja nicht aus.

Für viele macht Weihnachten genau diese Lieblichkeit aus.
Warum sind diese Vorstellungen sinnstiftend? Es ist nicht tröstlich, dass ein Kind im Stall zur Welt kam. Das Übernehmen einer Geschichte in den eigenen Kulturkreis ist wichtig, aber wenn die
Verpackung wichtiger wird als der Inhalt, ist das falsch.

Im Sinne von Konsumwahn und Weihnachtsmann. Aber was spricht gegen die Krippe und den Stern über Betlehem?
Matthäus verwendet im Evangelium den Stern als Sprachmotiv, Jesu Geburt im Sinne eines steigenden Sterns. Eigentlich schreibt er das aber aus dem Alten Testament ab. Man muss sehen, dass es um ein Bild geht.
Die Hl. Drei Könige waren laut Ihrem Buch eine unbestimmte Zahl heidnischer Magier.
Matthäus sagt, dass die „Magoi“ – griechisch für Magier oder Weise – drei Geschenke brachten. Das interpretierte man über die Zeit zu drei Königen. Auch das zitiert er aus einem alttestamentlichen Text. Es ging darum, die jüdischen Leser zu erschüttern: Der erste Besuch des Messias waren nicht fromme Juden, sondern heidnische Götzendiener.

Genau das vermittelt die aktuelle Darstellung ja auch.
Aber das Szenische bekommt eine Eigendynamik, so dass der Inhalt nicht mehr rüberkommt. Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte ist, dass Gott den Menschen völlig bedingungslos nahekommt. Du musst nicht brav sein, nicht artig, denn es ist ihm nicht egal, was auf der Welt passiert. Um diesen Inhalt muss es gehen, nicht um Pseudohistorisches.

"Die Vorstellung, dass ein Kind im Stall zur Welt kam, ist nicht tröstlich."


Warum ist Ihnen so wichtig, dass Jesus Brüder und Schwestern hatte – siehe Buchtitel?
Das Markusevangelium spricht klipp und klar davon, dass Maria mehrere Kinder hatte. Das bringt uns Jesus als Mensch ein Stück näher und zeigt ihn provokanter – er hat ja damit als Ältester trotz seiner Verantwortung die Familie verlassen, um seiner Sendung nachzugehen.

Sie schreiben, dass „Menschen eine gewisse Sozialromantik brauchen, um Weihnachten genießen zu können.“ Sie nicht?
Ich freue mich zum Weihnachtsfest über diesen Menschen Jesus, der die Botschaft von Gott gebracht hat: Ich bin euch nahe! Aber nicht über eine Geschichtsdarstellung der Moralapostel.

Deshalb schreiben Sie, dass Josef und Maria keine Flüchtlinge waren, außerdem Josef der leibliche Vater von Jesu sein muss, also Maria nicht jungfräulich gebar. Ist das nicht vor allem die evangelische Sicht?
Das ist wissenschaftlich „state of the art“, so deuten heute auch katholische Bibelkommentare die Bibel. Ich kritisiere nicht die katholische Betrachtung, sondern die kleinbürgerliche, kleinkarierte, die moralisierende. Das Katholische ist eine völlig andere Baustelle.

Betonen Sie deswegen, dass Humor und Religion zueinanderpassen? Verliert die Religion nicht ihre Schutzfunktion – alle sind vor Gott gleich –, wenn man sie zu wenig ernst nimmt ?
Das Wesen der Religion beinhaltet Humor, weil er verhindert, dass Dinge zu eindimensional betrachtet werden. Religion ist ja nicht dazu da, dass Dinge normiert werden, sondern dass das Leben lebbar wird.

Wird es wirklich lebbarer durch Erkenntnisse wie: Die Bibel verbietet die Lüge gar nicht?
Manche Geschichten in der Bibel erzählen davon, dass Lügen Leben retten können. War es schlecht, als Menschen in der Nazizeit jüdische Kinder als ihre Nichten und Neffen ausgegeben haben? Es kommt im Leben immer auf den Kontext an. Und Religion erzeugt mündige Menschen.

INFO: Eine Pfarrerin erklärt, was in der Bibel steht

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© Bild: Edition a
Die Autorin Christine Hubka war die Erste in ihrer Familie, die in Wien geboren wurde. Der Vater stammte aus Serbien, die Mutter aus dem heutigen Rumänien. Sie studierte Rechentechnik (Informa- tik), unterrichtete ab 1972 Evangelische Religion an Pflichtschulen, ab- solvierte dann das Studium der Evan- gelischen Theologie und die Ausbild- ung für das Pfarramt. Ab 1983 war sie Pfarrerin in Traiskirchen und gründete den evangelischen Flücht- lingsdienst, wofür Hubka den Men- schenrechtspreis der Bruno-Kreisky- Stiftung erhielt. 1993 wurde sie Schul-Fachinspektorin, Hubka schrieb 9 Sach- und Kinderbücher und einen Krimi. In den letzten 15 Arbeitsjahren war sie Pfarrerin an der Pauluskirche in Wien, im Vorjahr ging sie in Pension.

Das Buch „Jesus hatte vier Brüder: Was sonst noch in der Bibel steht“; Edition a, 208 Seiten, 19,95 €

Wer feiert wann

Weihnachten ist für katholische Christen und Gläubige der evangelisch-lutherischen Kirche eines der größten Feste im Kirchenjahr. Bereits am Vorabend des 25. Dezember beginnen die Feierlichkeiten mit einer Christvesper und meist mit einem Krippenspiel.

Eine sehr traditionelle Variante der „Midnight Mass“ feiern die Christen der Anglikanischen Kirchen : Der Gottesdienst besteht aus neun Lesungen und neun Weihnachtsliedern („Nine lessons and carols“). Die Bescherung findet bei ihnen erst am 25. Dezember, morgens, statt. Über Nacht bringt nämlich nach englischen Tradition „Father Christmas“ die Geschenke – in den USA ist es der „Santa Claus“.

Die russisch- und serbisch-orthodoxen Christen (sowie Kopten ) feiern erst in der Nacht vom 6. auf den 7. Jänner. An diesem Tag wird das Fasten gebrochen, das 40 Tage zuvor beginnt. Für orthodoxen Christen das Philippus-Fasten.

Griechisch-Orthodoxe feiern Weihnachten auch am 25. Dezember. Geschenke gibt es für die Kinder erst am Neujahrstag.

Juden feiern während der christlichen Adventzeit das achttägige Chanuka – heuer begann es am 8. Dezember. Dieses Lichter- und Tempelweihefest erinnert an den Aufstand der Makkabäer und die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem. Jeden Tag wird an einem achtarmigen Leuchter ein weiteres Licht entzündet.

Viele Muslime feiern das Weihnachtsfest mit, obwohl es für sie keine religiöse Bedeutung hat.

( Kurier ) Erstellt am 23.12.2012