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Warum uns Social-Media-Postings von Freunden weniger interessieren

Eine Studie zeigt, dass Menschen mit hoher Konzentrationsfähigkeit Content weniger intensiv verarbeiten, wenn sie besser vernetzt sind.
Smartphone-Bildschirm mit Apps wie Instagram, TikTok und YouTube.

Soziale Medien verringern unsere Aufmerksamkeitsspanne – diese Annahme wird schon seit Jahren diskutiert. In Zeiten von ultrakurzen TikTok-Videos und blinkenden sowie grellen Bildern, die uns an die Monitore von Handy, PC & Co. ketten sollen, ist das bisher kein Wunder. 

Doch eine neue Studie behauptet nun, dass das nicht auf alle Nutzer von Social Media zutrifft. Manche User und Userinnen können ihre Aufmerksamkeit so steuern, dass sie Informationen leichter verstehen und behalten. 

Warum soziale Kontakte Inhalte auf Social Media in den Hintergrund rücken

Forscher und Forscherinnen der University of Bristol Business School und der University at Buffalo haben herausgefunden, dass sich Menschen mit höherer Konzentrationsfähigkeit tatsächlich weniger mit Beiträgen und Artikeln auf Instagram & Co. auseinandersetzen, wenn sie die Person kennen, die diese geteilt hat. Sie lenken ihre Aufmerksamkeit weniger auf den Content selbst, sondern wollen herausfinden, wen diese Person noch kennt. Das soziale Umfeld (in diesem Fall online) bekommt einen höheren Stellenwert. 

Für die Untersuchung, die im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht wurde, führte das Team fünf separate Studien durch: 

  • Dabei fanden sie heraus, dass die Online-Kontaktaufnahme mit einer Person – sei es durch Freundschaft, einem gegenseitigen Folgen auf sozialen Netzwerken oder Mitgliedschaft in einer Gruppe – nicht zu einem stärkeren Interesse an den Inhalten dieser Person führte.
  • Im Gegenteil: Das Interesse an dem Content selbst nahm ab, während der Fokus stattdessen stärker auf dem sozialen Netzwerk lag, das diese Inhalte umgab.
  • Dieser Effekt wurde am stärksten bei Personen beobachtet, die in einem Arbeitsgedächtnistest höhere Werte erzielten.

Die meisten Menschen merken sich keine Telefonnummern, weil sie darauf vertrauen, dass ihr Telefon diese speichert. Die Forscher und Forscherinnen argumentieren, dass Menschen etwas Ähnliches mit Kontakten in sozialen Medien tun. Sobald sie mit einer Informationsquelle verbunden sind, verhalten sie sich möglicherweise so, als müssten sie sich den Inhalt nicht sofort merken.

Dieses Konzept nennt man kognitives Offloading: Gedächtnisarbeit wird an ein externes Tool oder System abgegeben. Soziale Netzwerke fungieren als ein solches System, und Menschen, die ihre Aufmerksamkeit am besten steuern können, erkennen auch am besten, wann sie diese Aufgabe abgeben können.

Soziale Medien und das Arbeitsgedächtnis 

In den fünf Studien beobachtete das Team das Klickverhalten und gab den Probanden und Probandinnen auch Gedächtnisabrufaufgaben zum Lösen. In der ersten Studie hatten 98 Marketingstudenten und -studentinnen die Möglichkeit, einer fiktiven studentischen Marketinggruppe namens „Marketing Geniuses“ beizutreten. 

Etwa 43 % entschieden sich für die Anmeldung, die anschließend auf eine simulierte Facebook-Seite der Gruppe weitergeleitet wurde. Die Gruppe enthielt fünf Beiträge und fünf Mitgliederprofile, jeder Link war anklickbar, und das Forschungsteam protokollierte, worauf die einzelnen Studenten klickten.

  • Studierende, die sich angemeldet hatten, klickten weniger auf Inhaltslinks und mehr auf Profillinks.
  • Das bedeutet, dass sie weniger Beiträge durchstöberten, aber mehr erkundeten, wer sonst noch in der Gruppe war.
  • Bei Probanden und Probandinnen, die bei einem Arbeitsgedächtnistest besser abschnitten, war dieses Muster am deutlichsten.
  • Bei Studierenden mit schlechteren Ergebnissen zeigte sich kein signifikanter Unterschied im Klickverhalten.

Das Arbeitsgedächtnis, wie es in der Studie bezeichnet wird, beschränkt sich nicht allein auf das Auswendiglernen. Es ist die Fähigkeit, 

  • die Aufmerksamkeit strategisch zu lenken,
  • Ablenkungen auszublenden
  • und konkurrierende Anforderungen gleichzeitig zu bewältigen

Der Test, mit dem gemessen wird, fordert die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf, sich Buchstabenfolgen zu merken und gleichzeitig einfache Rechenaufgaben zu lösen. Dadurch wird das Gehirn gezwungen, zwei Aufgaben gleichzeitig zu jonglieren.

Kontakte blieben eher in Erinnerung

In zwei Folgestudien wurden Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine fiktive berufstätige Frau namens Mae O'Malley vorgestellt, die als Ingenieurin eine Fitness-App entwickelt hat. Die Probanden und Probandinnen haben sich ihr berufliches Profil angesehen, das nicht ihre Fähigkeiten, sondern auch eine Liste mit ihren Kontakten enthielt. 

Die Befragten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: 

  • Einer Gruppe wurde mitgeteilt, dass sie über ein fiktives Netzwerk mit O'Malley in Kontakt treten werden.
  • Der anderen Gruppe wurde nicht so ein Kontakt angeboten.
  • Anschließend wurden alle Probanden und Probandinnen zu O'Malleys Fähigkeiten und ihren Kontakten befragt. 

Personen, die mit der Frau in Kontakt standen, erinnerten sich deutlich weniger an ihre Fähigkeiten als diejenigen, die keinen Kontakt zu ihr hatten. Diese Personen erinnerten sich dafür aber deutlich mehr an ihre beruflichen Kontakte. Dies blieb auch dann bestehen, nachdem berücksichtigt wurde, wie häufig die Teilnehmenden soziale Medien nutzten und wie groß ihr Interesse an O'Malleys Fachgebiet war.

In einer Folgestudie untersuchten die Forscher und Forscherinnen dieselben Teilnehmer und Teilnehmerinnen vor und nach dem Aufbau einer Beziehung zu der fiktiven Frau. Die Erinnerung an ihre Inhalte nahm nach dem Beziehungsaufbau ab, während die Erinnerung an ihre sozialen Kontakte zunahm, was einen einfachen Übungseffekt ausschließt.

Arbeitsgedächtnis prägt Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken

Eine größere Studie mit 400 Teilnehmern und Teilnehmerinnen ergänzte den Arbeitsgedächtnistest, um zu untersuchen, wie individuelle Unterschiede den Effekt beeinflussten. Bei Probanden und Probandinnen mit hohen Arbeitsgedächtniswerten ging die Verbindung zu O'Malley mit einer deutlich geringeren Erinnerung an ihren Content einher. Bei Personen mit niedrigeren Werten machte der Verbindungsstatus praktisch keinen Unterschied.

Beim Erinnern an O'Malleys Bekanntenkreis kehrte sich das Muster um: Befragte mit höherem Arbeitsgedächtnis, die über Kontakte der fiktiven Frau verfügten, erinnerten sich an mehr Details aus deren sozialem Netzwerk als ihre Vergleichsgruppe ohne diese Kontakte. Bei Personen mit niedrigerem Arbeitsgedächtnis war keine solche Veränderung zu beobachten.

Eine fünfte Studie replizierte die zentralen Ergebnisse anhand einer universitären Social-Media-Seite. Probanden und Probandinnen, die der Seite folgten, klickten weniger Inhaltslinks an, schenkten aber den Links anderer Follower und Followerinnen mehr Aufmerksamkeit, wobei dieser Effekt erneut bei Personen mit höheren Arbeitsgedächtniswerten am deutlichsten ausgeprägt war.

Weg zur Information im Gehirn gespeichert

Sobald eine soziale Verbindung hergestellt ist, scheinen Menschen zu entscheiden, dass Inhalte nicht intern gespeichert werden müssen, da sie später über die Beziehung abgerufen werden können. Bei Menschen mit einer stärkeren Aufmerksamkeitskontrolle geschieht dies effizienter.

Das Durchscrollen von Artikeln, während man festhält, wer was geteilt hat, muss kein Zeichen von Ablenkung sein. Für manche Nutzer und Nutzerinnen mag es sogar eine praktische Abkürzung sein: sich den Weg zurück zu den Informationen zu merken, anstatt jedes Detail zu speichern.

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