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Kunst
03/03/2017

Vulgäre Mode im Belvedere: Attacken auf das Graumausige

"Vulgär? Fashion Redefined" (bis 25. 6.) behandelt das umstrittene Thema des Geschmacks in der Mode.

von Werner Rosenberger

"Vulgär?" Unbedingt mit Fragezeichen. Wenn es um den Geschmack in der Mode geht, wie in der Ausstellung des Belvedere im ehemaligen Winterpalais des Prinzen Eugen, liegt es im Auge des Betrachters, was Hui oder Pfui ist.

Zu besichtigen sind in der Himmelpfortgasse 89 Exponate – Designerkleider und historische Kostüme –, die dadurch auffallen, dass sie zu eng, zu breit, zu schrill, zu weit ausgeschnitten – kurzum: als geschmacklos empfunden werden können und oft wirken wie Farbbomben.

Für die Belvedere-Direktorin Stella Rollig ist es eine "schöne, aber vor allem sehr intelligente Ausstellung". Vom Londoner Barbican Center übernommen, hat sie Alfred Weidinger für Wien adaptiert.

Wobei der Bogen weit gespannt ist von der Renaissance bis in die Gegenwart. Historische Bekleidung und Haute Couture von Designern wie Christian Dior, John Galliano, Pam Hogg, Charles James, Christian Lacroix, Louis Vuitton oder Vivienne Westwood wurde Konfektionsmode gegenüber gestellt.

Vulgarität bedeutet als negatives Qualitätsurteil immer Abgrenzung. Als vulgär gilt ein Zuviel, das zu dick Aufgetragene. Nur: Dass das Grässliche, der Protz als offene Herausforderung, das "Too Much" als Kult so viel Freude macht. Und die Formel "schlicht = edel" ein Trugschluss ist.

"Spannend ist, dass die Mode das Potenzial des Innovativen im Begriff Vulgarität aktivieren kann", sagt Stella Rollig. "Die Mode benützt immer wieder eine Grenzüberschreitung, eine Neudeutung des Vulgären, des bis dato noch Verachteten, indem sie es aufnimmt, einsetzt und im Sinne einer Avantgarde wieder aufruft. Und so wieder eine neue Geschmackselite formt und etabliert."

Spiel und Spaß

Für die Modehistorikerin Judith Clark und den Psychoanalytiker Adam Phillips als Kuratoren bedeutet Vulgarität, "etwas zu wollen, was man nicht sein kann oder nicht haben kann". Der vulgäre Mensch zeige "Ambitionen, an den Freuden der Privilegierten teilzunehmen".

"Mode lebt immer von der Mischung, von der Aufnahme des ,bad taste‘ im ,good taste‘ und nicht von der erschreckenden Abschottung des guten gegen den Durchmarsch des schlechten Geschmacks."

Manchmal wird Vulgäres explizit zur Ironie: Wenn Hussein Chalayan einen Mantel mit Hunderten falschen Fingernägeln besetzt.

Oder wenn Elsa Schiaparelli für ein Abendkleid aus den 30er-Jahren eine mittelalterliche Mönchskutte mit exzessivem Goldbesatz kombiniert, so relativ respektlos Vorbilder für andere Zwecke ausbeutet, und die Frau als goldener Mönch zum Party-Aufputz wird.

Zu viel ist Trumpf

Das bis zur Lächerlichkeit Übertriebene zeigt sich schon an den Reifröcken des 18. Jahrhunderts in London, die den menschlichen Körper auf eine monströse Breite ausdehnen.

Das andere Extrem dazu wäre wohl Kim Kardashian, im Hauptberuf Ich-Darstellerin, die von ihren Fans verehrt wird für ihre falschen Fingernägel und Auftritte in Kleidern, die stets zwei Nummern zu klein und kurz davor sind, aus allen Nähten zu platzen.

Imposant auch die knallblauen, bis zur Hüfte reichenden 9-5-Boots, die – von Rihanna und Manolo Blahnik entworfen – quasi die Hose gleich mit ersetzen.

Bildungsbürger mit porentief verinnerlichter political correctness rümpfen gern die Nase über Proleten, die sich und ihren Neureichtum schrill in Szene setzen. Oder nach üppiger Selbstvergoldung jetzt im Weißen Haus sitzen, als Präsident gewordene Demütigung von Intellekt und Ästhetik.

Das Vulgäre der meisten Outfits ist als Attacke auf das Graumausige zu begreifen. Die schlichte Eleganz, die Reduktion auf das Wesentliche, die postkonsumistische Bescheidenheit oder Kargheit sind im Winterpalais nicht Thema. Da ist barock Vulgäres im barocken Ambiente in einer Art Schaufenster der Dekadenz einer exaltierten Spaß- und Partygesellschaft zu sehen: eine Frau mit Blumen auf dem Kopf und bunten Schleifchen auf dem fleischfarbenen Slip. Ein Lippen nachgeformter Hut in Pink. Oder das "Tits"-Shirt des Jahres 1976 von McLaren und Westwood.

Letzten Endes ist Geschmack Ansichtssache. Dabei ist es jedem einzelnen überlassen, ob ihn das Vulgäre entsetzt oder amüsiert.

Aber weil es unter der Sonne nichts Neues mehr gibt, zitiert, variiert oder kopiert die Mode-Branche jede Saison aufs Neue, was alles irgendwo irgendwie schon einmal da war. Während "Vulgär? Fashion Redefined" die Frage stellt: Mangelt es dem Vulgären wirklich an Kultiviertheit und Raffinesse? Die Antwort darauf muss jeder für sich selber finden.

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