Style
05.11.2017

Wie die Arbeit einer Schmuck-Architektin aussieht

Marie Boltenstern führt das Erbe ihrer bekannten Wiener Vorfahren in eine neue Dimension.

Es ist ein faszinierender Moment, wenn sich alles zu einem Ganzen fügt: Die Entwürfe der Kreateurin auf ihrem Laptop; die Gold-, Silber- und Platin-Kreationen aus dem 3-D-Schmuck-Drucker, der im englischen Birmingham steht; und die Fingerfertigkeit der erfahrenen Wiener Goldschmiede.

Dieser faszinierende Moment ereignet sich öfters im Erdgeschoß eines Hietzinger Wohnhauses, das von einem stadtbekannten Handwerker vor vielen Jahren zu einer Werkstatt umfunktioniert und in dem schon viel Edles gefertigt wurde.

Am Eingang steht der Name Boltenstern. Der bürgt in Wien für Qualität. Erich Boltenstern war ein maßgeblicher Architekt beim Wiederaufbau Wiens nach dem Zweiten Weltkrieg. Der von ihm geplante Ringturm gilt bis heute als Landmark der Zweiten Republik. Sein Sohn Sven machte sich später als Goldschmied und Bildhauer einen Namen.

Und jetzt Marie Boltenstern: Sie selbst bezeichnet sich als "Schmuck-Architektin" (www.boltenstern.com). Die junge Frau führt damit nicht nur die Geschicke ihres Vaters und Großvaters zusammen, sie erweitert sie um eine Facette. Boltenstern studierte in Wien und Berlin Architektur und machte dann einen Master in London, wo sie sich in die Technologie des 3-D-Druckens vertieft hat. In einem Pariser Architektenbüro hat sie anschließend gelernt, wie man Tragwerke für Gebäude durch Vervielfältigung stabil und kostengünstig plant.

Heute produziert sie mithilfe der neuen Technologien und in enger Kooperation mit drei erfahrenen Goldschmieden, die schon für ihren Vater arbeiteten, zeitgemäßen Schmuck. Die schönen Stücke kosten je nach Material und Facetten 75 bis 75.000 Euro.

Arbeitstool Computer

Wichtig ist dabei folgender Hinweis: "Ich selbst sitze nicht an der Werkbank, mein Arbeitsgerät ist der Computer." Boltenstern designt Schmuckfassungen, die mit der Hand nicht oder nur mit einem unbezahlbaren Aufwand herstellbar wären.

Das Besondere in ihrem Beruf beschreibt sie so: "Wir arbeiten an etwas, was es so noch nicht gibt." So wurde vor Kurzem in einem Wiener Innenstadthotel die weltweit erste Schmuckkollektion, die aus Gold, Silber und Platin gedruckt und mit Steinen veredelt wurde, im schönen Licht präsentiert.

Die "Schmuck-Architektin" überschreitet nicht nur Grenzen bisheriger Machbarkeit, sie ist auch viel in der Welt unterwegs: In den vergangenen beiden Jahren hat sie ihre Firma von Berlin aus geführt. Es war ihr dabei ein Anliegen, aus Österreich rauszukommen und etwas Neues kennenzulernen.

Wien – Berlin – Zürich

Berlin bot ihr dazu die Chance: "Dort gibt es viele Start-ups, in denen man ganz anders denkt." Inzwischen hat sie auch öfters in Zürich zu tun, weil dort einer ihrer Geschäftspartner zu Hause ist.

Ist ihr Beruf ein Privileg? Marie Boltenstern nickt und strahlt. Dann sagt sie dankbar: "Die Möglichkeit, meine eigene Kreativität nützen zu können, ist auf jeden Fall schön. Auch wenn es dazu viel Mut und auch Durchhaltevermögen braucht."