Stars
05.01.2013

Vom Himalaya nach Hollywood

Nach seiner Everest-Expedition dreht Dyhrenfurth mit Clint Eastwood und Sean Connery.

Wir schreiben das Jahr 1963, als Norman G. Dyhrenfurth mit seiner Filmkamera am Südostgrat des Mount Everest auf 8650 Meter Höhe steht – der Höhepunkt seines Lebens, wie er immer wieder betont. In Anerkennung seiner Verdienste als Organisator und Leiter dieser US-Expedition bekommt er von Präsident John F. Kennedy die Hubbard Medaille überreicht. Seine Doku „Americans on Everest“ wird in den USA zum Straßenfeger. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood auf den Filmemacher und Kameramann aufmerksam wird.

US-Schauspieler Steve McQueen („Die glorreichen Sieben“) ist der Erste, der Dyhrenfurth verpflichtet; doch das Projekt zu einem Film, der in der Eiger-Nordwand spielen soll, verläuft letztlich im Sand.

Realisiert wird dagegen ein anderer Spielfilm, dessen dramatische Szenen in der Eiger-Nordwand gedreht werden: „The Eiger Sanction“. Dafür arbeitet Dyhrenfurth 1974 als technischer Berater und Koordinator mit keinem Geringeren als mit Schauspiel-Star und Regisseur Clint Eastwood zusammen. „Ich habe Eastwood damals mit meinem Cabrio in Zürich vom Bahnhof abgeholt“, erinnert sich Dyhrenfurth noch heute. „ Eastwood war kein Bergsteiger, aber er war ehrgeizig und wollte so viel wie möglich selbst klettern.“ Nur bei extrem schwierigen Szenen kommen Stuntmen zum Einsatz – dabei stirbt gleich am zweiten Drehtag ein junger Engländer durch einen Steinschlag.

Eastwood war kein Bergsteiger, aber ehrgeizig und wollte so viel wie möglich selbst klettern.“ Norman Dyhrenfurth

Clint Eastwood spielt in „The Eiger Sanction“ einen Kunstprofessor, der sich mit Auftragsmorden seine teure Sammlerleidenschaft finanziert. Bei den Dreharbeiten ist sich der Superstar nicht zu schade, selbst die Filmausrüstung zu schleppen.

Der Streifen läuft 1975 unter dem Titel „Im Auftrag des Drachen“ in den deutschsprachigen Kinos an. Die Kritiken sind geteilt: Einige befinden, der Film sei eine „aufregende Reise in die Welt der Spionagethriller im James-Bond-Stil“; die Actionszenen in den Schweizer Alpen seien „gut gemacht“. Das Lexikon des internationalen Films schreibt hingegen, der Film sei „langweilend“ und biete lediglich „einige reißerische Effekte“ sowie die „üblichen Klischees“.

Dyhrenfurths Eltern sollen den Film nicht mehr zu sehen bekommen: Mutter Hettie starb 1972 in Kalifornien, Vater Günter Oskar im April 1975 im Alter von 89 Jahren in der Schweiz.

Mit Regie-Altmeister Fred Zinnemann („Verdammt in alle Ewigkeit“) verbindet Dyhrenfurth seit den 1950er-Jahren eine Freundschaft – beide waren vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigriert. Im Jahr 1981 arbeiten die beiden erstmals gemeinsam an einem Spielfilm: „Am Rande des Abgrunds“ („Five days one summer“) heißt der für Warner Brothers im Schweizer Engadin produzierte Streifen. Dyhrenfurth ist Second Unit, also zweiter Regisseur, und für die Regie und Kamera der Bergszenen verantwortlich. „Damals habe ich sehr gut verdient“, erzählt Dyhrenfurth. 26 Monate habe er an dem Zinnemann-Film gearbeitet und pro Monat 4000 Dollar erhalten. „Damals hatte ich einen Porsche. Jetzt einen Mazda.“

Die Hauptrolle in „Am Rande des Abgrunds“ spielt 007-Darsteller Sean Connery; er verkörpert einen alternden Mann, der sich in seine Nichte verliebt und mit ihr ins Engadin reist.

Anerkennung findet Dyhrenfurth auch mit seinen eigenen Werken, die sich der Kultur und dem Leben der Himalaya-Völker widmen. Der auch im ORF ausgestrahlte Dokumentarfilm „Tibetische Totenfeier“ gewinnt 1981 bei den Bergfilmfestivals in Trient ( Italien) und les Diablerets ( Schweiz) erste Preise.

1986 begleitet der fast 70-jährige Dyhrenfurth Karl-Maria Herrligkofer, den legendären, aber umstrittenen deutschen Expeditionsführer für eine Dokumentation in den Karakorum. Für Dyhrenfurth bedeutete diese Reise den Schlusspunkt seiner bergsteigerischen Laufbahn.

Sechs Jahre später präsentiert Dyhrenfurth beim Bergfilmfestival in Trient seine Doku „Samsara – Ein tibetisches Erbe“ und erhält dafür den Preis für die beste Kamera. Der Streifen behandelt den Kreislauf des ewigen Lebens. Es soll Dyhrenfurths letzter Film sein .

Heute lebt der 94-Jährige mit seiner gleichaltrigen Freundin Maria Sernetz in einer Wohnung in Bahnhofsnähe in Salzburg inmitten von alten Filmrollen und Fotoalben, und fragt sich, was mit den unzähligen Erinnerungen nach seinem Tod passieren wird. „Es würde mir eine Befriedigung geben, wenn sich die Menschen einmal an mich erinnern werden und ich nicht nach fünf Minuten vergessen bin.“

Ende der Serie