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02/17/2019

Ruth Westheimer: „Per Handy kein guter Sex“

Amerikas älteste Aufklärerin ("neunzigeinhalb“) über Holocaust, Liebe und Online-Dating.

Holocaust und Sex mag eine ungewöhnliche Kombination sein, aber für Ruth Westheimer, Amerikas berühmteste Sextherapeutin, definieren genau diese beiden Themenkomplexe ihr Leben. Die „90-einhalb-Jährige“ (sie betont stets mit Vorliebe ihr ganz genaues Alter) war beim „Sundance Filmfestival“ zu Gast, um die Doku „Ask Dr. Ruth“ zu promoten. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Besuchern machten ihr weder die Höhe noch die eiskalte, trockene Luft von Utah zu schaffen. Voll Elan absolvierte die 1,45 Meter kleine Große, die als Karola Ruth Siegel in Wiesenfeld (Unterfranken/Deutschland) zur Welt gekommen war, all ihre Pressetermine – wie mit dem KURIER.

KURIER: Sie sind Holocaust-Überlebende. Wie hat Sie das geprägt?

Ruth Westheimer: Ich wurde 1939 mit dem Kindertransport in die Schweiz geschickt, wo ich bis 1945 war. Das ist auch der einzige Grund, warum ich überlebt habe. Wäre ich nach Belgien, Frankreich oder Holland geschickt worden, wäre ich heute nicht da. Meine ganze Familie kam im KZ um. Ich habe ein Problem mit den Holocaust-Leugnern, und – schlimmer noch – mit denen, die es müde sind, darüber zu reden. Wir müssen über die Vergangenheit reden, sonst lernen wir nichts. Ich spreche nie über Politik, weil Sex und Politik sich nicht vertragen. Aber wenn ich sehe, wie kleine Kinder an der mexikanisch-amerikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt werden, kann ich nicht schweigen. Ich habe das am eigenen Leib erlebt. Und wir wurden nicht in Käfigen gehalten, sondern bei guten Familien untergebracht. Jeder von den gut 50 in meiner Gruppe hat überlebt. Keiner litt an Depression, und keiner von ihnen beging Selbstmord.

Kehren wir in die – auch sexuelle – Unterdrückung der 1950er zurück?

Ja. Und darüber schreibe ich auch. Wir dürfen uns die Freiheit nicht nehmen lassen, in allen Bereichen mehr über Beziehungen zu reden. Wie man einen guten Orgasmus erzielt und seine Erektion behält, können Sie in meinen älteren Büchern nachlesen. Aber wie man sexuell offen miteinander redet, muss gelernt werden.

Gibt’s was, das Sie rot werden lässt?

Ja, gewalttätige Sexpraktiken – und bei Sex mit Tieren kenne ich mich nicht aus, darüber kann ich keinerlei Auskunft geben. Ich rede auch nie über mein Sexleben. In der Doku gibt es eine Szene, in der ich dem Kameramann sage, er darf nicht in mein Schlafzimmer. Im aktuellen Buch (Neuauflage des Longsellers „Sex for Dummies“) geht es um Einsamkeit und den Verlust der Konversation, weil jeder dauernd ins Handy starrt. Ohne Konversation gibt’s keinen guten Sex.

Ruth Westheimer

Was halten Sie von Online-Dating?

Ich habe nichts dagegen, aber ich habe etwas gegen One-Night-Stands. Keiner kann mir erzählen, dass das eine gute Sache ist. Ich mache mir Sorgen wegen der Geschlechtskrankheiten. Ich will nicht hören, dass man die heilen kann. Ich will nur wissen, wie man sie verhindert. Ein Wort, das ich in diesem Zusammenhang gelernt habe, ist Ghosting. Wenn man nach so einem One-Night-Stand nie wieder etwas vom Partner hört. Das kann nicht gut sein.

Sie geben ja seit Jahrzehnten gute Ratschläge. Was ist der beste Ratschlag, den Sie je selbst bekamen?

Kennen Sie Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“? – Genau! Ich bereue nichts. Auch nicht meine drei Ehen, weil die ersten zwei zählen nicht. Erst der dritte, der Westheimer, war die große Liebe.