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Unterwegs mit
09/01/2013

Robert Meyer: „Pension ist für mich ein Fremdwort“

Ein Spaziergang im Regen mit dem Volksoperndirektor.

von Maria Gurmann, Jürg Christandl

Mit der U-Bahn kommt der Herr Direktor in den Belvedere Park. Chic im dunkelblauen Anzug, ohne Krawatte, dafür mit Schirm. Ein Spaziergang im Regen macht dem Volksopernchef Robert Meyer nichts aus. „Wir wohnen um die Ecke. Wenn ich am Sonntagabend Vorstellung habe und zu faul bin, in den Prater zu fahren, dann ist das ein sehr schöner Spaziergang. Der Park ist wunderschön, und vor allem ist daneben der Botanische Garten“, erzählt der gebürtige Deutsche.

Seit sechs Jahren leitet er das Haus am Währinger Gürtel. Bis 2017 läuft sein Vertrag. Was kommt dann? „Pension ist für mich ein Fremdwort. Was auch immer danach ist, in Pension werde ich nie gehen.“ Wird man ihn von der Bühne tragen? „Ich hoffe nicht“, sagt Meyer und lacht herzhaft wie ein junger Bursch. „Solange man gesund ist, sollte man, wenn man mit so einer Begeisterung etwas macht, ruhig weiter machen. Ob das die Schauspielerei, die Arbeit als Regisseur oder was auch immer ist, egal.“

Runder Geburtstag

Am 21. Oktober wird der penible Direktor – „ich bin der Prototyp eines Deutschen, sehr exakt“ – 60. Wird gefeiert? „Ich fürchte, ich entkomme der Sache nicht. Ich habe Geburtstage noch nie groß gefeiert, aber eine kleine Feier in der Volksoper wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“

Mit dem Alter hat der Vater zweier Kinder (28, 31) kein Problem. „Früher, als man jung war, hat man immer gelacht, wenn jemand gesagt hat, er wünsche vor allem Gesundheit. Heute weiß ich, dass Gesundheit das Allerwichtigste ist. Mehr wünsche ich mir nicht.“

Jetzt konzentriert er sich einmal auf seine nächste Aufgabe. Am 14. September ist die Premiere des Musicals „Sweeney Todd“, in dem er in die Rolle des Peinigers und Tyrannen Turpin schlüpft. Vor ein paar Jahren noch, als er den gleichnamigen Kinofilm mit Johnny Depp sah, sagte er „nur über meine Leiche“ komme das blutrünstige Stück in sein Haus. Was hat ihn umgestimmt? „Eine Vorstellung im Westend in London. Die geniale Musik hat mich überzeugt. Sie und der makabre Humor kommen im Film nicht wirklich zur Geltung.“

In der Volksoper wird es „ein wahnsinniges Bühnenbild“ mit drei Drehbühnen geben. Auch, wenn es nicht so blutrünstig wie im Film zugehen werde, empfiehlt die Volksoper, Kinder bis zum Alter von 12 Jahren nicht mit ins Theater zu nehmen.

Kein Choleriker

Die Zeiten der Zornausbrüche sind vorbei, versichert der Sohn eines „kleinen, bescheidenen, bayrischen Postbeamten“. Nur noch selten fährt er aus der Haut. „Und ich gebe zu, wenn’s bei mir laut wird, dann wird’s wirklich laut“, gesteht der einstige Ensemblevertreter des Burgtheaters. „Aber inzwischen versuche ich, alles sehr ruhig zu überstehen.“

Absolute Stille herrscht dagegen in der Früh, bis er das Haus verlässt. „Frühstück ist die heiligste Mahlzeit des Tages. Da wird wenig gesprochen.“ Erst, wenn er sich von seiner Frau verabschiedet und in die Volksoper fährt. Dort verbringt der leidenschaftliche Künstler die meiste Zeit. Schon in der Schule gründete er mit seinem Zwillingsbruder, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, eine Theatergruppe. Kaum hatte er mit 17 Jahren den Gesellenbrief nach der kaufmännischen Lehre, ist er ins Mozarteum nach Salzburg abgehaut. Sein Bruder wurde Polizist und leitet nebenberuflich immer noch das Laientheater in Trostberg.

Ohne Hektik, vom Urlaub erholt, spaziert der Chef von 550 Mitarbeitern zwischen den Touristen durch den Park. „Ich bin ein großer Italien-Fan“, sagt der ehemalige Ministrant, der heute noch gerne in Kirchen, „aber nur selten in Gottesdienste“ geht. Diesen Sommer sollte es etwas ganz anderes sein, eventuell die Ostsee. „Nach langem Suchen im Internet ist es wieder Italien geworden. Aber dieses Mal nicht die Toskana, wie in den letzten Jahren, sondern der Lago Maggiore.“ Ein Appartement – „es muss direkt am Wasser sein, das ist ganz klar“ – mit Balkon wurde gemietet.

Penetrante Ordnung

Die Zeit, bevor „die ganze Horde“ nächste Woche wieder ins Theater kommt, nützt der Direktor, um sein Büro aufzuräumen. Was räumt ein „penetrant Ordnungsliebender“ noch auf? „Ich habe Ordner aus 2005, das braucht kein Mensch mehr. Nichts wie weg mit dem Quatsch. Es wird geschreddert und zerrissen“, sagt Robert Meyer voll Inbrunst, bevor er sich auf den Weg zur Volksoper macht.

Info: „Sweeney Todd“, Der Barbier des Grauens aus der Fleet Street, ein Musical-Thriller. Ab 14. 9. 2013 in der Wiener Volksoper.