Prominenz im Wandel: Falco

Für ihn geigten nicht nur die Goldfische im U4: Hans Hölzel war als Österreichs einziger internationaler Popstar auf Platz 1 der US-Charts. Sein Leben aber geriet zur Berg- und Talfahrt.

Der Blitz schlug ein. Der Himmel stürzte als Bach auf die Donauinsel. Aber der einzige Wiener Sängerknabe von Weltruf, Hans Hölzel, vulgo Falco, hielt das Mikro eisern umklammert und fetzte seine Rap-Hits auf die triefend nasse Meute von mehr als 100.000 Pop-Fans nieder. Donauinsel 1993, live: "Junge Römer", "Der Kommissar", "Ganz Wien", "Jeanny", "Titanic", "Vienna Calling" bis "Helden von heute". "Nur 'Amadeus" haben wir nicht mehr geschafft, weil nach dem Blitzschlag bei 'Nachtflug' die Bühne unter Wasser stand", resümiert Bandleader Thomas Rabitsch, "es war höchst gefährlich. Und ein Teil des Equipments hatte per Kurzem den Geist aufgegeben." Rabitsch hat inzwischen "Falco – Donauinsel Live" neu als DVD produziert, umwerfend die begossene Verschmelzung von dem Star auf der Bühne, den Musikern und der Menschenmenge, die sich vom Regen nicht vertreiben ließ. ". . . Because er hatte Flair", titelte später Musikexperte Christian Schachinger im "Standard" über den ehemaligen Jazz-Bassisten, der von der "Hallucination Company" von "Wickerl" Adam kam und an einem Abend bat: "Geh, sag heut net, am Bass der schönste Mann Wiens – Hans Hölzel, sondern Falco Gottehrer", und tags drauf "den Gottehrer lass ma wieder weg". So blieb er Falco. "Er vermanschte breiten Hackler-Slang mit weißen Naseweisheiten des anglophilen Jet-set. Heraus kam eine tonlose, dandyhafte und verschnupfte Kunstsprache, die keiner Karikatur bedurfte. Sie nahm sich selbst gehörig auf die Schaufel: "Er war ein Superstar, er war so populär. Er war so exaltiert, because er hatte Flair." Falco selbst sagte mir, als er im weißen Rolls Royce am Hamburger Palais d'Amour vorbeifuhr und die Busenmädchen aus den Fenstern hingen und schrien: "Herr Kommissar, schau doch mal rein bei uns!", er aber ein Haus weiter, vor der "Ritze", Deutschlands berühmtester Zuhälter-Kneipe, ausstieg: "Hier wollte ich schon immer einmal feiern" und Gold für 268.000 Exemplare seiner "Emotional"-LP kassierte."Sonst fahr' ich selber einen Mercedes 280, und Rolex is a klasse Uhr. Aber für mich kein Statussymbol und", sagte Falco, "i iss am liebsten eh a Beuschl." Ausgerechnet in den Wiener Sofiensälen – damals noch nicht abgebrannt – hörte Markus Spiegel, Chef der GIG-Records, zum ersten Mal die "Drahdiwaberl"-Showformation. Ausgerechnet bei einem Konzert mit dem Motto "Selbsthilfe gegen die Sucht". Denn da sang der exaltierte Typ im eleganten Designer-Anzug, Gel im Haar, seinen Hit "Ganz Wien" mit dem Refrain: "Im U4 geigen die Goldfisch, alle Teuferln, weißes Gwandl, weiß wie Schnee wie Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin machen uns hin, hin, hin . . ." 

Im Bild: Falco mit Hansi Lang. Noch am gleichen Abend sprach Spiegel mit "Drahdiwaberl"-Chef Stefan Weber: "Die muss ich haben, die Partie. Samt diesem zu gut angezogenen Typ", tönt der GiG-Chef noch heute als Falco-Entdecker, "dann hab' ich den Robert Ponger angerufen und hab' ihm von diesem exaltierten, medienwirksamen Bassisten erzählt. Ein Showtyp für eine Single-Karriere." 

Im Bild: Falco und Peter Maffay. Extra betont Spiegel: "Lyrics und Musik von 'Ganz Wien' hat Falco selbst geschrieben. Es war, wie der Refrain beweist, ein Anti-Drogen-Song. Damals in den Achtzigern war Koks einfach Mode, galt als Bewusstseins-Erweiterung, ohne abhängig zu machen wie H. Das wirkliche Problem, das Falco ein Leben lang hatte, war der Alk. Er war ein begnadeter Sturztrinker." Spontan komponierte Robert Ponger für Falco, der dann ebenso spontan die Lyrics schrieb, den "Kommissar". Da haben sie zum ersten Mal probiert, auf Deutsch zu rappen. "Er hat Deutsch auf eine englische Art und Weise benutzt", analysiert Produzent-Komponist Ponger. 

Im Bild: Falcos Mutter Maria Hölzel. Alles klar, Herr Kommissar? Der "Kommissar" landete in Österreich auf Platz 1, ebenso in Deutschland – ohne Fernsehauftritt. An seinem 29. Geburtstag unterzeichnete Falco einen neuen Vertrag mit der deutschen Plattenproduktion Teldec. Insider schätzen, dass die Garantiesumme dafür drei bis vier Millionen DM dabei zum Klingen kam. Leicht wehmütig seufzte damals GIG-Spiegel, der aus Falco den Hitparaden-Stürmer machte: "Ich hab's kommen sehen. Der Falke ist mir entwachsen", gab er beim Austern-Schlürfen mit mir in der legendären "Oyster"-Bar zu, "immerhin bleiben mir seine Österreich-Rechte und 64 metallene Scheiben, Gold und Silber, die wir mit GIG für ihn errungen haben." Dass ausgerechnet in Amsterdam die große Szene wechselte, galt als bescheidene Geste für die Brüder Rob und Ferdi Bolland, Komponisten und Produzenten von Hits wie "Rock Me Amadeus", damals noch Platz 29 der US-Charts, "Vienna Calling" und "Jeanny": "Alles auf meiner 'Falco III', für mich ein grandioser Ausstieg." Ich war auch dabei, als Falco erfuhr, dass "Amadeus" auf Platz 1 in den USA gelandet sei. Zelebriert wurde das mit einer Magnum-Flasche Champagner bei "Oswald und Kalb", mit von der Partie allen voran Freund Billy Filanowski, Markus Spiegel etc. "Fünf Minuten nach zwölf ruft mich mein Manager Bork aus München an und sagt: Gratuliere, du bist die Nummer 1 in Amerika. Sag i: Oida, ruaf mi späta an. I hab' andere Surg'n. I hab' nämlich grad mei Tochter Katharina gewickelt." Damals war er ja noch ganz stolzer Papa. Und es zählt zu den tragischen Seiten, dass dieser Hans Hölzel, der seinem Margaretener Stammbeisl, dem "Fassl" stets die Treue hielt, in punkto Frauen nie in den Charts landete. "Als Bella, die schöne Steirerin Isabella Vitkovits schwanger wurde, war Falco vor Freude aus dem Häuschen. "Wenn's a Bua wird", warf sich der Falke damals noch in die Brust, "dann heißt er Stefan Fidelius Federico Falco." Es wurde eine Katharina Bianca, bei der Taufe in der Grinzinger Pfarrkirche dreieinhalb Monate jung, 5,5 Kilo schwer und 61 cm groß. Als wir nach der Taufe mit Bellas Verwandtschaft beim Heurigen Friedl Schöll landeten und der Chmela Horstl sein "Ana hat immer des Bummerl" sang, achtete der damals stolze Papa nur auf die Zukunft des Babys: "Ich habe jetzt die Pflicht übernommen, dass meine Tochter jungfräulich in den Stand der Ehe tritt." Umso härter traf ihn die Realität. Ende April 1989 wurde die Ehe mit Bella nach knapp einem Jahr geschieden. Sie hatten nach der Geburt von Katharina Bianca in Las Vegas mit der schlichten Formel "I do" geheiratet. Stürmisches Auf und Ab gab's ja schon vorher. Der absolute Keulenschlag traf den stolzen Vater – er hat seine Tochter zutiefst geliebt – drei Jahre später. Da ergab ein Vaterschaftstest, zu dem die geschiedene Bella ihre Zustimmung gab, dass Hans Hölzel nicht der Vater war.
Freund Billy Filanowski – die beiden waren seit alten "Voom Voom"-Tagen, als sie 16 waren, ein Herz und eine Seele – warnte schon früh: "Jetzt hast du erst vor ein paar Wochen die Bella nach deinem Grazer Konzert in einer Disco kennengelernt und scho is sie schwanger. Des geht sie net aus. Er hat nicht auf mich gehört. Erst als ich ihm zum Vaterschaftstest geraten hab, es ging ja schließlich um viel Geld, wollt' er's selber wissen." Im Filmatelier Wien-Sievering war die Nielsen los: Brigitte Nielsen, mit Verlaub, geschiedene Stallone. 1,84 Meter blonde Hollywood-Dänin, jüngst bei Gottschalk mit Strapsen in "Wetten, dass . . ?" zu bestaunen. Eine Germanin, die nach kurzer Hollywood-Ehe mit "Rambo"-Superstar Sylvester Stallone rund 60 Millionen Schilling reicher ist. Mit Falco kurbelte sie in Wien den Video-Clip für die gemeinsame in Berlin aufgenommene LP "Body Next To Body" – Musik: Hollywood's "Oscar"-Südtiroler Giorgio Moroder, Text von Falco: "Die Zeile Body Next To Body hab' ich geschrieben, bevor wir uns getroffen haben. "I waaß net, die Alte", urteilte Sangesbruder Falco nasal, "is halt scho a bissl z'vül. Eine überragende Frau – die hört nie auf. Sie ist jedenfalls in jeder Hinsicht eine gewaltige SIE!" Aber der wirkliche Hammer ist die Zeile: "von Rambo zu Falco" – das is wie von John Wayne zu Wolf Albach-Retty. Besser als jedes Duett mit Peter Alexander." Brigitte Nielsen war am Samstagvormittag aus Rom angeflogen und fuhr sofort ins Sieveringer Wien-Film-Atelier. Bis halb zwei Uhr früh werkten Rudi Dolezal und Hannes Rossacher, die internationalen Clip-Spezis, mit den beiden Stars. Obwohl die Nielsen erst um drei ins Bett kam, war sie Sonntag pünktlich um neun im Atelier. Sie drehte bis zur letzten Minute, um 17.40 Uhr ging bereits ihre Maschine nach Stockholm. Dazwischen blieb noch Zeit für einen Quickie. Da verschwanden die zwei. Die Aufregung um die Strapse, die sie bei der Gottschalk-Show trug, versteht sie überhaupt nicht. Die nordische Walküre: "Ich bin ja schließlich nicht wie 'ne biedere Hausfrau." Und der Falke gestand später im intimsten Freundeskreis: "Der Body-Song war flach, aber die Nielsen flach zu legen, war"s wert." Als geschiedener Junggeselle war Falco nicht zu bremsen, inzwischen auch kein Solist. Als er mit seiner Pretty Woman Sylvia "Süwerl" Wagner auf US-Trip ging, trat er eine Gerüchtewelle – "Wedding Bells nicht ausgeschlossen" – los. Diese traute Zweisamkeit dauerte knapp drei Jahre. "An der 'Süwerl' lag's nicht", urteilt Intimus Billy, "die hat ihn wirklich gern gehabt. Sie war für ihn die Beste . . ." Nach der Wiener Oper wollten die Japaner auch den Wiener "Amadeus"-Star nach seinem US- Charts-Success auf Platz 1 hören. Auf nach Tokio. Mit Falco, Bandleader Thomas Rabitsch und GIG-Produzent Markus Spiegel flog auch ich 1986 als alter Japan-Experte mit. Doch die japanischen Fans verwirren den Wiener "Amadeus"-Star, der sein volles Programm von "Jeanny", bis zum "Kommissar" bietet: "Man überhäuft mich mit Husten- und Reiszuckerln. Und in einem Brief war'n zwa Mädchenslips. Funkelnagelneu, noch mit dem Yen-Preispickerl. Sehr erotisch, denk' i ma, weil außen stand drauf: 'For Falco – meine Lippen sagen nein, aber mein kleines Herz sagt ja'. Dazu war'n zwei Fotos von einem sehr siaßn Girl im Kimono und im Auto. Und a Briaferl, dass die heißen Höschen für die Isabella san. Nau, packst des?" "An sich bin i a weltoffener Mensch", sagte Falco. Mit Sushi und Sashimi kannst mi vertreib'n. Kobe-Beef von de massierten, biergefütterten Küah, ja, aber bitte, kan rohen Fisch. Und scho gar kan Fugu, des is der giftige Fisch – a falscher Schnitt, und sie trag'n di auße. Jeder zehnte geht beim Fugu drauf. Burschen, hab'i zu meine Musiker g´sagt, mia san zehn – ana kratzt ab." Dann brach Hans Hölzel seine Wiener Zelte – die Wohnung im Siebenten, mit dem Klavier, mit den Gitarren und den knallroten Nitsch-Schüttbildern an den Wänden – vorerst ab. Obwohl ihn ein ganz neues Gebiet faszinierte: "Die Schule der Dichtung", für Falco eine neue Herausforderung: Sprache. Bei seinen Lesungen hießen die Autoren Ernst Jandl, Gerhard Rühm, H. C. Artmann, Joe Berger und Charles Bukowski. In der Dominikanischen Republik wollte er musikalisch neu durchstarten. Zufall, dass dort in Puerto Plata Serien-Produzent Carl Spiehs eine neue Folge von "Klinik unter Palmen" drehen ließ, Grund genug zum Dreh zu jetten und auch noch Falcos Geburtstag mitzufeiern. Seinen 40. ohne Verlobung. Seine schöne Kanadierin Caroline, 23, sitzt im kühlen Montreal. Die Wiener Freunde von Niki Lauda bis Attila Dogudan flogen mit Nikis Lauda-Air dazu ein. Die Mama ist schon vorher eingetrudelt. Aber was ist mit Caroline? "Frag sie selber", sagt Falco mit seinem frischen, argen Cherokesen-Haarschnitt und wählt die Nummer in Montreal. Nicht ohne vorher einen seelischen Offenbarungseid abzulegen. "Ich leide wie ein Tier, dass sie nicht hier ist, und weiß, dass ich selber schuld bin. Ich bin manchmal so deppert, sauf mi nieder." Und dann ist da Caroline am Handy. Sanfte Stimme, aber resolut: "Ich habe Falco nicht "head over heels" – Hals über Kopf – verlassen. Da gab's endlose Gespräche vorher. Immer nur ein Thema – Alkohol. Und der ist einfach schlecht für ihn. Er ist ein wundervoller Mann, wenn er nichts trinkt. Und ich musste einfach ein Signal setzen, weggehen, um ihn zu überzeugen, wie ernst es mir ist. Aber wie soll ich mich verloben, wenn ich fürchten muss, dass er sich in drei, vier Jahren zu Tode säuft." Caroline schwört: "Ich würde mit ihm in einem Indianer-Reservat leben, wenn er ohne Alkohol auskommt. Er ist die Liebe meines Lebens." Der Schock der Trennung scheint gewirkt zu haben. Falco ist derzeit absolut "clean". Aber der Wiener Schmäh kam ihm nicht abhanden. "Chérie, hab ich zu ihr gesagt", grinst er, "wenn ich so früh abkratze, dann bist du eine reiche Witwe. Sie hat nur bös gefaucht: Ich will keine reiche Witwe werden!" Am 6. Februar 1998 fährt Hans Hölzel, vulgo Falco, mit seinem Mitsubishi Pajero vom Parkplatz einer Disco, auf dem er etwa eine Stunde geschlafen hat, zwischen Puerto Plata und Sosúa frontal gegen einen Autobus. Er ist sofort tot. Der Obduktionsbericht: 1,5 Promille Alkohol, samt einer Kokain- und Marihuana-Melange. Busfahrer Cornelio Batista, 31, Vater zweier Kinder, wird freigesprochen. Falcos letztes Album "Out Of The Dark" verkauft eine Million Exemplare. Darauf sein letzter Song: "Muss ich denn sterben, um zu leben . . ."
(kurier / Roman Schliesser) Erstellt am
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