Stars 05.12.2011

Otto und seine berühmten Ahnen

In persönlichen Gesprächen erinnerte sich Otto Habsburg an einige der wichtigsten Angehörigen des österreichischen Kaiserhauses.

Als ich Otto Habsburg über die Bedeutung seiner Vorfahren befragte, kam bei ihm nicht nur das profunde Wissen des Historikers zum Vorschein, er war auch der Letzte, der persönliche Erlebnisse und Details aus der ihm überlieferten Familientradition weitergeben konnte. Und er war durchaus bereit, einzelne Stationen des Hauses Habsburg kritisch zu sehen.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Otto Habsburg über Kaiser Franz Joseph (1830-1916)
Für mich als Kind war die Autorität, die der alte Mann ausstrahlte, physisch spürbar. Das Besondere war, dass ihm jeder nahekommen konnte. Er hat in seinem Leben Zehntausende Menschen in Audienz empfangen. Und trotz dieser Nähe zur Bevölkerung war er nicht gezwungen, sich ständig beschützen zu lassen. Es wäre heute undenkbar, dass ein Staatsoberhaupt ohne Polizeibegleitung Tag für Tag durch seine Hauptstadt fährt, um den Ort seiner Arbeit zu erreichen.

Aber natürlich, wie jeder Mensch, der handelt, hat Kaiser Franz Joseph Fehler begangen, sicherlich sehr weitreichende Fehler. Ich spreche über den Weg, der zum Ersten Weltkrieg führte. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass die Sache schon sehr weit entwickelt war, ein Krieg lag einfach in der Luft. Die Leute haben im Jahr 1914 nicht gewusst, was ein Krieg wirklich bedeutet, weil's damals schon so lange keinen mehr gegeben hat, und daher sind sie viel leichter in diese Katastrophe hineingeschlittert.

Über Kaiserin Elisabeth (1837- 1898)
Meine Mutter hat mir gesagt, und sie muss es wirklich gewusst haben, dass das eigentlich eine sehr gute Beziehung war zwischen Elisabeth und Kaiser Franz Joseph. Die Ehe war nur deswegen eigenartig, weil die Kaiserin viel in der Welt herumgereist ist. Aber an sich hat sie der Kaiser bis zuletzt geliebt und sie ihn auch. Ihr Tod war einer der härtesten Schläge, die Kaiser Franz Joseph erfahren hat. Besonders, weil es so unerwartet gekommen ist.

Über Kronprinz Rudolf (1858-1889)
Es war eine tragische Entwicklung, die aus seiner Persönlichkeit zu erklären ist. Dahinter stand ganz eindeutig sein charakterlicher Verfall. Er war ein hoch intelligenter Mensch, nicht immer mit dem richtigen Urteil, aber das ist ja bei hoch intelligenten Menschen oft der Fall. Er war außerdem jemand, der in sich nicht gefestigt war. Und daher ist die Logik förmlich drinnen in der Tragödie, die schließlich nach Mayerling führte.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Über Kaiser Maximilian von Mexiko (1832-1867)
Also, er war natürlich schon ein bisschen ein Romantiker. Sein Bruder, der Kaiser Franz Joseph, hat ihm ja abgeraten, auf dieses Abenteuer mit der mexikanischen Krone einzugehen. Ich muss Ihnen auch eine ganz persönliche Erfahrung erzählen, die mich damals tief beeindruckt hat. Ich war einmal in Mexiko, und da haben die Leute, weiß der Himmel woher, auf einmal erfahren, dass ich ein Verwandter von Kaiser Maximilian bin - es war unglaublich, wie alle diese Indianer zu mir gekommen sind und gesagt haben, was er für sie alles getan hat. Ich meine also, dass er in Mexiko doch sehr viel geleistet haben muss. Umso tragischer ist sein furchtbares Ende.

Über Erzherzog Franz Ferdinand (1863-1914)
Er war sicher ein Mann von einer sehr klaren Vision, der aber für einen Thronfolger vielleicht etwas zu aufrichtig in seinen Äußerungen gewesen ist. Er wäre, davon bin ich überzeugt, ein großer Herrscher geworden, hätte er die Möglichkeit dazu gehabt. Wenn er dieses besondere Verständnis für die Slawen und die Liebe zu ihnen nicht gehabt hätte, dann wäre er in Sarajewo nicht ermordet worden.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Über Kaiser Karl V. (1500-1558)
In seinem Reich ging zwar die Sonne nicht unter, aber er war stets von Widersachern bedroht. Er war ein Mensch des Mittelalters, doch seiner Zeit so weit voraus, dass ihm erst unsere Zeit, das 20. und das 21. Jahrhundert, mit dem Ende der nationalstaatlichen Irrwege gerecht wird.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Über Maria Theresia (1717- 1780)
Sie war einfach grandios. Auch wenn an erster Stelle ihrer Handlungen das Bewahren stand, hat sie durch die Nähe zu ihren Völkern Großes bewirkt. Außerdem war sie ja schon aus ihrer Persönlichkeit heraus sozusagen die Mutter von ganz Europa, und sie hat daher weit über unsere Grenzen und über ihre Zeit hinaus gestrahlt.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Über Kaiser Josef II. (1741-1790)
Während Maria Theresia aus dem Barock kam und das in ihrer ganzen Persönlichkeit spürbar ist, war Josef II. ganz anders. Ein sehr rational denkender Mensch, der für das Barocke keinen Sinn hat. Er ist ein Mann seiner Zeit, ein hochgradig talentierter Mensch, einer, der sehr große Ideen hatte, die weit über seine Epoche hinausgingen, der aber einen Grundfehler der Politik gemacht hat, der in den Jahrhunderten immer wieder passiert: Man versucht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Die ganze Tragödie von Josef II. ist, dass er als Kaiser alles überstürzt versucht hat und dass er daher nicht die Gelassenheit hatte, die seiner Mutter gegeben war.

„Sie ist halt sehr viel in der Welt herumgereist“: Im Salon von Otto Habsburgs Haus im bayerischen Pöcking hängt ein Porträt der Kaiserin Elisabeth
© Bild: dpa/Georg Goebel

Über Kaiser Karl (1887-1922)
Es wird immer wieder die nette Legende erzählt, mein Vater sei unerwartet Kaiser geworden. Das ist vollkommen falsch, er war sogar sehr gut vorbereitet. Allerdings hat er als Kaiser eine Funktion übernehmen müssen, die absolut unerfüllbar war. Ein Schriftsteller hat ihn einmal mit einem Piloten verglichen, der in einem Flugzeug sitzt, von dem ein Teil des Flügels schon abgerissen ist, der aber versucht, dieses Flugzeug zu halten, um die Passagiere zu retten. Aber es geht nicht, weil es schon verloren ist. Das ist vielleicht das beste Bild von der Rolle und von der Tragik, die meinem Vater widerfahren ist.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011