Musik
06/04/2016

Hannah aus Tirol: Alpin & ausgeflippt

Hannah aus Tirol mischt mit provokanten Texten und punkigem Look die Schlagerszene auf

von Barbara Reiter

Hannah, man kennt Schlagerstars wie Helene Fischer und Vanessa Mai. Eine ausgeflippte Sängerin wie Sie ist in der Schlagerwelt aber selten. Hat man Sie trotzdem herzlich aufgenommen?

Naja, in der medialen Welt werden Sängerinnen mit blonden Haaren, Extensions und Glitzerkleid sicher leichter aufgenommen als ich. Ich bin von meiner Erscheinung her sehr provokant und passe eigentlich nicht ins Schlagerklischee. Das ist Segen und Fluch zugleich. Wenn ich eine Fernsehanfrage bekomme, heißt es sofort: "Bitte, schick uns deinen Outfit-Vorschlag." Es gibt öfter Bedenken, was ich wohlwieder anhaben werde.

Weil Sie anders sind uns man Sie nicht einordnen kann.

Ich hab’ in den letzten Jahren gemerkt, dass die Leute immer eine Schublade für mich gesucht haben. Einmal war ich der weibliche Gabalier, dann die Volksmusikerin, Schlagersängerin oder Rockerin. Ich selber brauche keine Schubladen, aber für die Leute draußen ist es wichtig. Deshalb nenne ich das, was ich mache, Alpenpunk. Ich mische traditionelle Gstanzln und Volksmusik mit Schlager, Pop und Rock. Ich lebe den Alpenpunk aber auch von der Gesinnung her, bin eine Kämpferin und der Heimat sehr verbunden. Für manche bin ich auch der weibliche Andreas Hofer.

Auf dem Cover Ihrer ersten CD „Es muss außa“ aus dem Jahr 2011 tragen Sie noch Dirndl, die Haare sind blond und ordentlich frisiert. Welche ist die echte Hannah?

Also ein ausgeflippter Typ war ich schon immer, aber als ich vor einigen Jahren als Sängerin begonnen habe, wollte mich die Plattenfirma anders haben. Es hieß, sie würden mich umstylen. Welche Frau sagt da nein? Danach habe ich mich nicht mehr wieder erkannt und habe mir mein wahres Ich dann peu a peu zurückerobert.

Und haben sich den Tiroler Adler auf den Kopf tätowieren lassen ...

Zuerst habe ich ihn mir nur auf die Haare aufgemalt und erst später tätowieren lassen. Er war ein richtiges Wiedererkennungsmerkmal und hat sicher zu meinem Erfolg beigetragen. Mittlerweile brauche ich das aber nicht mehr. Die Leute erkennen mich nicht mehr deshalb, weil ich den Tiroler Adler am Kopf habe. Sie wissen mittlerweile, dass ich die Hannah bin.

Ein Tattoo am Kopf ist ein sehr radikales Markenzeichen, finden Sie nicht?

Der Kopf ist doch die beste Stelle für ein Tattoo, weil man sich die Haare wieder drüber wachsen lassen kann. Aber abgesehen davon wollte ich das wirklich. Ich laufe privat auch in zerrissenen Jeans herum. Nur die Haare trage ich anders, weil ich auf der Straße nicht immer auffällig sein will.

Sie kommen aus einem kleinen Ort in Tirol, in dem zufällig auch ich aufgewachsen bin. Irgendwie scheint Mils bei Hall ein Schlager-Mekka zu sein. Ihr Kollege Semino Rossi lebt auch dort.

Semino Rossi wohnt zwei Straßen über mir. Er hat sich in Mils ein großes Haus mit Riesenzaun herum gebaut. Ich wohne in einer Vier-Zimmer-Wohnung und fühle mich dort auch sehr wohl. Man trifft sich schon, aber jeder von uns geht seine eigenen Wege. Die Harmonie auf einer Ebene ist da jetzt nicht zu finden.

Das klingt, als ob Sie sich mit den Akteuren der Schlagerwelt nicht immer leicht tun würden.

Es ist schon oft schwierig, das kann ich ganz offen sagen. Dass wir die, von den Medien oft kolportierte große Familie sind, kann ich nicht behaupten. Ich habe es zumindest nicht erlebt. Es gibt einzelne Kollegen, die sehr nett sind. Das sind meistens die wirklich Erfolgreichen, die Möchtegernsternchen haben hingegen die Nase oft ganz oben. Das ist schwierig, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme.

Aber muss man das nicht, um Erfolg zu haben?

Ich bin in erster Linie Mutter und Familienmensch. Erfolg ist wichtig, aber nicht alles im Leben. Ich habe Jus studiert und mir fehlt nur noch eine Prüfung. Ich war Gesangslehrerin und hatte meine eigene Gesangsschule in Tirol. Irgendwas gibt’s immer, was man machen kann.

Sie haben zwei Kinder. Lässt sich diese Aufgabe mit einer Musik-Karriere überhaupt vereinbaren?

Sicher gibt es Leute, die mir einreden wollen, dass ich eine schlechte Mutter bin, weil ich viel unterwegs bin. Ich finde das sehr anmaßend. Die Wenigsten wissen, dass ich von Montag bis Freitag daheim bin und wahrscheinlich mehr Zeit für meine Kinder habe als manch andere Mutter, die 40 Stunden pro Woche arbeiten muss. Am Wochenende sind die Kinder bei meinen Eltern, aber ich glaube nicht, dass sie deshalb einen Schaden davontragen. Im Gegenteil. Sie genießen das sehr.

Wie muss man erzogen werden, dass man so ausgeflippt wird wie Sie?

Ich konnte mit meiner Mama immer sehr gut reden und sie ist bis heute meine beste Freundin. Ich bin aber sehr konventionell und traditionell erzogen worden. Meine Eltern hatten den Anspruch, dass es das Beste ist, eine Ausbildung zum machen, Arbeit zu haben und ein Haus zu bauen – wie man das halt kennt. Da musste ich ein bisschen ausbrechen, weil mir das viel zu eng und engstirnig war.

Und Ihre Eltern?

Die können mittlerweile gut damit leben, obwohl gerade meine Mama in dem kleinen Dorf oft auf mich angesprochen wird. „Warum ist Deine Tochter so geworden? Du bist doch ganz anders.“ Meine Mama hat ständig Tiroler Lokalradio gehört. Ich habe nie verstanden, wie sie sich das anhören konnte. Ich musste irgendwann weg und habe in Deutschland eine Ausbildung zur Gesangslehrerin gemacht. Ich war damals öfter im Ausland. Dadurch habe ich die Heimat wieder schätzen gelernt.

Dahoam is dahoam ...
Genau, wir haben einfach ein sehr harmonisches Familienleben. Das schätzt man wieder mehr, wenn man einmal weg war. Ich liebe die Berge und bin kein Society-Typ. Da gehe ich lieber mit den Kindern in die Natur. Und was mich im Endeffekt wahnsinnig geprägt hat, war, dass mich der Vater meiner Kinder verlassen hat und bis heute unauffindbar ist.

Wie kann jemand unauffindbar sein?

Er war Deutscher und immer auf Auslandsmontage. Durch die vielen Auslandsaufenthalte war er nirgendwo gemeldet. Ich hätte aber einen Wohnort gebraucht, um ihn aufzuspüren. Dann hätte man zum Beispiel in Berlin beim Meldeamt nachfragen können.

Wie haben Sie mit ihm gelebt?

Ich habe ihn früher oft begleitet und war mit den Kindern ein Monat bei ihm in Süditalien oder in den Arabischen Emiraten. Er war ein dominanter und eifersüchtiger Mann, der mir schon in der Ehe gedroht hat, dass er für nichts mehr da sein wird, wenn wir uns einmal trennen. Das war dann auch so. Als er gegangen ist, hat er unser gemeinsames Konto leer geräumt. Mein Sohn Noah war fünf, meine Tochter Salome zweieinhalb Jahre. Ich war noch in Karenz.

Kann man nach so einem Erlebnis überhaupt noch klar denken?

Als Mutter macht man einfach nur. Mir ist zugute gekommen, dass ich ein positiver Mensch bin, der zwar vielleicht einen Tag ganz unten ist, sich dann aber fängt. Aber das Erlebnis hat mir viel von meiner Naivität genommen. Ich bin mit zwei Kindern dagestanden und musste schauen, wie es weitergeht. Wenn meine Eltern und später mein Mann Willy nicht gewesen wären, hätte ich ins Frauenhaus gehen müssen.

Hat es sich denn nicht angekündigt, dass Ihr damaliger Mann geht?

Nein, das war nicht absehbar. Er ist einmal noch aufgetaucht und hat seine Wertgegenstände mitgenommen. Da dachte ich mir schon, dass er nicht mehr zurückkommen wird. Ich musste auch eine Scheidung in Abwesenheit machen, weil er nicht auffindbar war. Bei der letzten Verhandlung war er plötzlich wieder da und hat den armen Mann markiert. Er sei krank und habe nichts. Er wollte dann noch die Kinder sehen. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Er hat auch nie Unterhalt gezahlt.

Hat das Ihre Einstellung zu Männern verändert?

Viele sagen, dass ich männerfeindlich bin. Aber das sehe ich anders. Ich schätze Männer sehr. Aber man muss ihnen manchmal ein bissl auf die Finger klopfen. Deshalb spreche ich auch gerne die Problematik von Mann und Frau in meinen Texten an.

So wie in Ihrem Lied „Scheißegal“ auf Ihrem neuen Album „Aufstieg“.

Ja, es geht um eine betrogene Frau, die zwar verletzt ist, sich aber nicht unterkriegen lässt. Das Lied wollen viele aber wegen dem Wort „Scheißegal“ im Text nicht spielen. Dabei haben Tic Tac Toe schon vor 20 Jahren „Ich find dich scheiße“ gesungen.

Tic Tac Toe hatten auch einen Hit namens „Verpiss dich“.

Und das neue Album von Heino heißt „Arschkarte“. Aber es ist schon so, dass bei vielen Radiosendern Leute sitzen, die dann bestimmen, dass so was nicht gespielt werden darf.

Sie könnten eine radiofreundliche Version texten – ist mir doch schnurzegal.

Das will ich nicht. Ich hatte schon einmal ein Lied namens „Ich halt’s nicht aus, das Scheißgefühl“. Es hatte über zwei Millionen Klicks. Das ist in Tirol gepiept worden: „Ich halt’s nicht aus, das Piep-Gefühl“ ...

Tirol das heilige Land und die heile Schlagerwelt. Da gibt’s kein Scheiß-Gefühl.

Ich finde halt, dass Musik etwas bewegen und nicht nur zur Berieselung dienen soll. Wenn sie volksverblödend ist, kann ich damit nichts anfangen. Aber ich lasse jedem seinen Geschmack.

Das klingt fast so, als müssten Sie noch einige Schlachten schlagen, ehe Sie den Schlager-Olymp erobern, Frau Hofer ...

Womöglich. Aber ich kämpfe weiter.

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