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12.01.2014

Gery Seidl trägt sein Herz auf der Zunge

Der Kabarettist über Lebenstempo, eine fast kitschige Beziehung und seinen Tick.

Ein kleiner verwaister Kiesstrand an der Donau bei Höflein. „Unser Lido“, nennt ihn der Kabarettist. „Aber Caorle ist es nicht.“ Dafür knüpft Gery Seidl umso schönere Erinnerungen an seine Kindheit, in der er hier jede freie Minute verbrachte – wenn er nicht gerade als Trompeter in der Blaskapelle spielte. Damals war er auch im Paddelverein. Heute teilt er sich mit sechs Freunden ein Motorboot, mit dem er in Kritzendorf Wasserski fährt.

Gery Seidl

Gery Seidl

Gery Seidl

Gery Seidl

Gery Seidl

Ein verkohlter Baumstamm, den der 38-jährige Niederösterreicher stemmt, erinnert an die Lagerfeuer lauer Sommernächte. Jetzt liegt der Nebel über der Donau. Auf dem Treppelweg kommt ein Spaziergänger mit seinem Hund vorbei. „Servas Karl“, grüßt ihn Seidl. „Servas Gery.“ Hier kennt jeder jeden.

Traumhaus

Auf dem Weg zu seinem Haus, oben auf dem Hügel, kehrt Alex, sein Nachbar und Bruder, die Blätter im Vorgarten. Vor einem Jahr ist der Kabarettist mit seiner Freundin Petra und der gemeinsamen Tochter Lilly in seine Heimatgemeinde zurückgekehrt. Die Hochzeit wurde bisher von einem zum anderen Sommer verschoben, weil man sich noch nicht einigen konnte, wie geheiratet wird.

Das moderne Niedrigenergiehaus auf dem ererbten Grund plante Petra, sie ist Architektin. Ein großer offener Koch-Wohn-Essbereich mit Panoramafenster Richtung Donau und Fernblick bis zur Burg Kreuzenstein. „Bitte die Schuhe ausziehen, die Kleine spielt immer auf dem Boden.“ Der Lieblingsplatz der Vierjährigen ist allerdings der graue Holzofen, auf dem sie liegt und zeichnet.

Harmonie liegt in der Luft. Gestritten wird hier nicht, versichert Petra. „Fast kitschig, wir sind für viele das Vorzeigepaar.“ Über Gerys schlechte Eigenschaften muss sie lange nachdenken. Manchmal sei er halt, wie bei Künstlern üblich, unruhig, ungeduldig. „Und das Pedantische hab ich von ihm gelernt. Als ich das erste Mal in seine Wohnung gekommen bin, hab’ ich gedacht, da wohnt niemand, weil es so aufgeräumt und sauber war.“

Vor neun Jahren traf der gelernte HTL-Techniker die Architektin auf einer Vernissage. In seine Ausstrahlung, seine Spontanität, seinen Humor und seine Hartnäckigkeit verliebte sie sich. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, versichert er. Laut wird er nie. „Ich bin ein grundlustiger Mensch.“

Depressionen kennt er nicht. Ärgern kann er sich schon. Über das Paradebeispiel des Rolltreppen-links-Stehers und Autobahn-links-Fahrers. „Warum muss ich mir mein Lebenstempo aufzwingen lassen?“. Oder über den „Müll vom Villacher Fasching“. Der sei eine schmerzerregende Unerträglichkeit. Die Clownnase dürfe sich nicht jeder ins Gesicht picken. Sein Schauspiel-Lehrmeister Herwig Seeböck bläute ihm ein: „Die Bühne ist ein heiliger Ort. Und wenn du nichts zu sagen hast, dann geh wieder runter.“

Seidl geht nicht runter. Ab 29. Jänner tritt er mit seinem neuen, fünften Soloprogramm „Bitte. Danke.“ im Orpheum auf. Er schreibt in seinen Kabarett-Programmen eine Geschichte rund um den Menschen, der dort steht, wo er gerade in seiner Entwicklung steht. In „Wegen Renovierung geschlossen“ war es der Bauleiter, der Künstler werden will. Damals arbeitete der Sohn eines Sachverständigen der Landesregierung als Bauleiter bei der Strabag. „Techniker ist ein spannender Beruf. Als Bauleiter ist man weit weg von Kreativität. Ab Mittwoch kommen die Leute und sagen schönes Wochenende, ab 10 Uhr sagen sie Mahlzeit.“

„Bitte. Danke.“

Bei seinem neuen Programm geht es um die Kommunikation mit seinem inneren Ich. „Wie scheine ich und wie bin ich wirklich. Wo lasse ich mich verbiegen.“ Verbiegen lässt er sich nicht, versichert sein bester Freund Martin Gurdet, mit dem er sieben Jahre – beide blieben zwei Mal sitzen – die verhasste HTL-Schulzeit verbrachte. „Er trägt sein Herz auf der Zunge.“ Lustig sei Gery schon mit 15 gewesen, als sie, ausgerüstet mit einer Filmkamera, in der Stadt Leute à la Mikromann aufs Glatteis führten.

Gery Seidl, der ab und zu auch mit seiner Band „Austrotop“ auftritt und Austropop singt, „damit dieses wertvolle Liedgut nicht ausstirbt“, ist beflügelt von seinem Beruf, seinem Publikum und seiner Musik. „Ich möchte nie mehr was anderes machen.“ Der große, blonde Kabarettist hat keine Träume, er lebt sie.

Info: Gery Seidl hat mit seinem neuen Soloprogramm "Bitte. 'Danke." am 29. 1. 2014 im Orpheum Premiere.

6 Fragen - 6 Antworten

Mein größter Tick ist Ordnung. Chaos im Kopf – Ordnung rund um mich.

Ein geflügeltes Wort meiner Mutter: Hast du zugesperrt? Ich drehe mich heute noch um und schaue, ob zugesperrt ist.

Peinlich ist mir, mit offenem Hosentürl auf die Bühne zu gehen.

Wenn ich einen Hänger habe, ist es fürchterlich. Da ist nichts mehr da, null.

Komisch finde ich Loriot.

Zu Tränen rührt mich meine Tochter Lilly, wenn sie mir einen Orden bastelt.