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18.01.2012

Frühstück mit Thomas Schäfer-Elmayer

Der Ball-Zauberer. Österreichs Instanz in Fragen des guten Benehmens, Thomas Schäfer-Elmayer, über Taktgefühl, sein nicht enden wollendes Geschäftsfeld, die Kritik an seiner Person und den Wechsel vom internationalen Business- auf Wiens glattes Tanzparkett.

Mir fehlt das Elitäre"

Bloß nicht zu spät kommen. Um 9 Uhr ist der Termin im Wiener Café Bellaria angesetzt, und die Straßenbahn steckt im Stau. Wenn man Österreichs Benimmpapst trifft, will man das Gespräch nicht verhauen, noch bevor es begonnen hat – Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.

Es wird eine Punktlandung. Um 8.59 Uhr treffen wir Thomas Schäfer-Elmayer, der gerade erst den Mantel ablegt. "Guten Morgen, Herr Professor." Geschafft.

Das Altwiener Café zwischen Volksgarten, Volkstheater und Naturhistorischem Museum ist einer der Fixpunkte in seinem Leben. Der Fußweg von der Josefstadt in die Tanzschule in der Bräunerstraße im ersten Bezirk führt ihn täglich hier vorbei. Wenig Zeit bleibt ihm zurzeit, mitten in der Ballsaison, für sein Continental Breakfast. Am 19. Jänner steigt der Philharmonikerball, Highlight im Ballkalender, bei dem Elmayer für die Eröffnung verantwortlich zeichnet; am Faschingsdienstag der traditionelle Saisonabschluss, das Elmayer-Kränzchen. Dazwischen wollen Hunderte Debütanten, Hobbytänzer und Ballverliebte in Wiens erster Adresse unter den Tanzschulen ihren 3/4-Takt auffrisiert haben. Wenigstens beim Opernball hat Elmayer seit 2009 seine choreografischen Hände nicht mehr im Spiel.

Immer mit von der Partie des ehemals Verheirateten, des Vaters zweier erwachsener Kinder: Rex, sieben Jahre alt und ein Hund von Welt, wie es sich für einen Elmayer-Zögling gehört. Das Sackerl für sein Gackerl darf da auch nicht fehlen. "Da war ich Vorreiter", sagt Elmayer. Die Benimmfibel für Hundebesitzer, die fehlt noch in seiner Werkschau. Aber: Ist gutes Benehmen ein Geschäftsfeld, das beliebig erweiterbar ist?

 

Das Benimm-Geschäftsfeld

"Ja", lacht er, "das ist wirklich wahr." Der Business-Elmayer, der Kinder-Elmayer, soeben wurde der Schul-Elmayer präsentiert. Der Benimm-Guide für Onlinewelten wie Facebook oder Twitter ist in Arbeit.

Kein Wunder, dass der Tanz-Zampano ein viel beschäftigter Mann ist. Er leitet die wohl bekannteste Tanzschule Österreichs mit 30 Mitarbeitern und hält laufend Benimm-Seminare. "Die vergangenen zehn Tage hatte ich jeden Tag zuerst ein Ganztages-, dann ein Abendseminar." Zeit zum Durchschnaufen bleibt für den 65-jährigen frisch gebackenen Großvater da wenig. Oder gar der Gedanke an Ruhestand? "Nein, ich verspüre keinen Bedarf, mich zurückzuziehen."

Begonnen hat alles als Nachkriegskind im Salzburger Pinzgau. 1945 reiste seine Mutter zu Bekannten nach Kaprun, um den Kriegswirren in Wien zu entfliehen. Ein Jahr später kam er im Krankenhaus Zell am See zur Welt, unter dramatischen Umständen: "Ich wäre fast gestorben, dabei hatte ich dreieinhalb Kilo. Der Chefarzt muss ein totaler Narr gewesen sein, der hat mich für nicht lebensfähig erklärt." Der kleine Thomas Schäfer-Elmayer (sein Vater war ein Adoptivsohn des Tanzschulgründers Willy Elmayer-Vestenbrugg) hat dem Tod und dem Arzt ein Schnippchen geschlagen. 1948 ging es zurück nach Wien, drei Jahre später wieder zurück in die Berge, nach Bregenz. "Ich bin direkt an der Pfänderbahn aufgewachsen", sagt er. Seither liebt er ausgedehnte Waldspaziergänge. Einen Wald-Elmayer, den gibt es selbstredend auch schon.

Der Krocha-Auftritt

Die Ausweitung der Benimmzone auf neue Gesellschaftsfelder, das hat ihm Wiens konservatives Establishment übel genommen: Ein Benimmpapst, der sich an gleichgeschlechtlichen Tanzpaaren nicht stößt, sich für den Life Ball ins Zeug haut und zu Bassgedröhne mit Neon-Kapperl den Krocha gibt, da scheinen viele not amused. Das Erbe seines Großvaters setze er für Publicity aufs Spiel, hieß es. "Mir fehlt vielleicht das Elitäre", sagt er dazu trocken. Vergessen wird dabei gerne, dass schon der Opa großes Engagement abseits des Elitären gezeigt hat: "Allein 1926 hat er 256 Vorträge an Schulen gehalten. Und später hat er Radios in die Gefängnisse gebracht." Eine Tradition, die Elmayer Jahrzehnte später wieder aufleben lässt. Und im Häfen hat selbst der Benimmmeister etwas gelernt: "Ich bin im sportlichen Sakko mit einem alten Polo vorgefahren. Das haben die Sträflinge überhaupt nicht goutiert." Weil man sich von einem Elmayer eben feine Schale und zumindest einen Jaguar erwartet.