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Stars
12/05/2011

Frühstück mit Robert Meyer

Penibel. In der Früh braucht der Direktor der Volksoper Stille. Da darf nicht gesprochen werden. Zu Mittag isst er mit Kollegen in der Kantine, am Abend nichts. Unordnung macht ihn wahnsinnig, sein Publikum beglückt ihn.

von Maria Gurmann

Unmöglich ist es, mit dem Herrn Direktor der Wiener Volksoper bei ihm zu Hause zu frühstücken. Der Grund: "Es herrscht absolute Stille, bis ich das Haus verlasse", erklärt Robert Meyer. "Frühstück ist die heiligste Mahlzeit des Tages. Da wird nicht gesprochen. Ich will Ruhe. Ich kann es nicht ausstehen, mich in der Früh unterhalten zu müssen." Verabschiedet er sich wenigstens von seiner Frau, mit der er im vierten Bezirk wohnt? "Ja, sicher. Aber ich rede nur das Notwendigste."

Ein "Silent Breakfast" wäre kontraproduktiv. Deshalb empfängt uns der Schauspieler, Regisseur und Herr über 550 Mitarbeiter zum "zweiten Frühstück" in seinem Büro im dritten Stock der Volksoper und führt erst einmal hinter die Kulissen. Treppauf, treppab über verwinkelte Gänge zur Galerie. "Ich hab' auch eine Weile gebraucht, mich hier nicht zu verirren." Im Orchestergraben versammeln sich gerade die Musiker zur Probe. Stolz zeigt er die neuen Garderoben. In Grün sind die der Herren gehalten, in Violett die der Damen. Auf den Lift verzichtet er. Denn Stiegen steigen, im Prater spazieren gehen und ab und zu schwimmen sind die einzigen sportlichen Aktivitäten des schlanken Antisportlers.

Sein Beruf hält ihn ohnehin fit. In sechs Produktionen spielt der Chef in dieser Spielsaison selbst mit. Ab 9. November steht er in dem Soloprogramm mit Orchester "Volksoper Tierisch" alleine vor seinem Publikum. Zwischendurch wird schon für neue Stücke, wie "Die spinnen, die Römer!", geprobt oder nach Japan zu Gastauftritten gereist. Stillstand gibt es beim Bayern, der seit 37 Jahren in Wien lebt, nicht. "Pension ist für mich ein Fremdwort. Solange ich gehen, denken und Texte lernen kann, werde ich irgendetwas machen", versichert der Schauspieler, der vor zwei Tagen seinen 58. Geburtstag feierte. Die Ensemblemitglieder versammelten sich nach der Vorstellung "Hello, Dolly!" auf der Bühne und sangen mit dem Publikum "Happy Birthday".

Vor fünf Jahren wagte er den Schritt von der Ringstraße an den Währinger Gürtel. "Im Nachhinein gesehen ist es ein einziges Glück. Ich bin hier so wahnsinnig gerne." Seitdem er das Burgtheater verlassen hat, war er bei keiner Premiere mehr dort. "Meistens stehe ich selbst auf der Bühne."

Teamplayer

Auf dem großen Holztisch im Direktionszimmer ist gedeckt. Schinken, Käse, Weckerln und Fruchtsäfte. Der schwarze Tee wird aus dem Service vom Sponsor Meinl getrunken. Die Volksoper ist sein zweites Zuhause. "Ich hab' auch G'wand da. Anzug, Hemden, Socken. Ich könnte hier einziehen", scherzt Meyer. Das schwarze Ledersofa vor dem Schreibtisch hat er sich selbst geleistet, "weil ich, wenn ich abends eine Vorstellung hab', immer ein Nachmittagsschläfchen mache". Während er zum Wandschrank, hinter dem sich der Eiskasten verbirgt, geht, erzählt er von Theaterdirektoren, die auf den Regalen ihrer Büros ihre Fotos mit Stars wie Netrebko & Co zur Schau stellen. "Ich hab' meine Egowand versteckt", sagt er und zeigt seine Bildergalerie auf der Innentür des Schranks.

Penibel ist der Direktor. "Ich bin der Prototyp eines Deutschen, sehr exakt." Er liebt die Ordnung. "Es würde mich wahnsinnig machen, wenn ich Sachen ewig und drei Tag' suchen müsste." Auf die Minute genau wird alles geplant. "Pünktlich um 10.45 Uhr kommt der erste Kaffee, wenn ich Probe habe, dann um 11.30 Uhr. Mein Tag ist ist fast ekelhaft genau eingeteilt." Zu Mittag isst er meistens in der Kantine. Da darf geredet werden, allerdings nicht über Berufliches. Am Abend isst er nicht.

Wie hält das die Familie aus? "Meine Frau sagt, sie ist noch ordentlicher geworden. Es sei ihr nichts anderes übrig geblieben. Und meine Kinder haben den Ordnungssinn von mir geerbt", so der Vater eines 26-jährigen Sohnes und einer 29-jährigen Tochter, die nicht in Papas Fußstapfen getreten sind. "Ich bin auch gar nicht traurig darüber. Kinder, die den gleichen Beruf wie ihre Eltern haben, werden immer an ihnen gemessen."

Für ihn, den Sohn "eines kleinen, bescheidenen, bayrischen Postbeamten, war immer klar, dass er auf die Bühne gehört. Schon in der Schule gründete er mit seinem Zwillingsbruder eine Theatergruppe. Kaum hatte er mit 17 den Gesellenbrief nach der kaufmännischen Lehre - "ich musste ja erst einen anständigen Beruf erlernen" -, ist er ins Mozarteum nach Salzburg "abgeschwirrt". Sein Bruder wurde Polizist. Er leitet nebenberuflich immer noch das Laientheater in Trostberg.

Fiele es auf, wenn der Zwillingsbruder in der Volksoper einspringen müsste? "Bei einer kleineren Rolle wie dem Frosch in der Fledermaus, wenn er den Text draufhätte und sich das Video von mir anschaut, käme keiner drauf, dass das nicht ich bin."

Bescheiden spielten sich die Wochenenden bei den Meyers ab. "Auto hatten wir keines und auch lange keinen Fernseher. Wir gingen zu den Nachbarn fernschauen." Mit den Eltern und den beiden Brüdern ging man wandern. "Und ich war viel in der Kirche. Als Ministrant und im Kirchenchor. Zuerst Sopran, dann Alt und zum Schluss Bass."

Zornbinkerl

Vor langer Zeit sei er cholerisch gewesen. Das habe sich gebessert. Heute gibt es nur noch selten reinigende Donnerwetter. "Aber ich versöhne mich recht schnell." Seine Blitze und Donner wünsche er niemandem. "Wenn mir der Kragen platzt, dann geht es los." Vier Mal sei ihm das in fünf Direktionsjahren passiert. "Ich weiß ganz genau, wann und mit wem, aber das sage ich ganz sicher nicht." Bis zum Jahr 2017 wurde seine Amtszeit verlängert. Und er ist überzeugt, "dass sich keiner vor mir fürchtet".

Meyer ist gläubig. Vor dem Tod habe er keine Angst. "Wenn sie mich einmal hinaustragen, kann man von mir sagen, dass ich tausend Mal mehr erlebt habe als die meisten." Glücksmomente, wenn er auf der Bühne steht, das Publikum begeistert ist und applaudiert, genießt er. Diese Momente nimmt er nach der Vorstellung mit nach Hause. "Dann mache ich mir ein Bierchen auf, sitze sehr lange am Schreibtisch, setze die Kopfhörer auf und höre Musik. Symphonisches, Kammermusik, Paolo Conte oder Herbert Grönemeyer. So reflektiere ich den Tag still, so wie ich ihn beginne."

www.volksoper.at

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