Stars 06.04.2012

Frühstück mit Harry Rowohlt

© Bild: Stephan BoroviczenyFotografieWien/ViennaAustriacall: +43 6801314644

Sprachbrillanz. Der Autor, Vorleser und Penner aus der "Lindenstraße" über seine grässliche Kindheit, seine stramme Ethanolkarenz und seinen Schlag bei Weibern.

Nein, ich habe nichts mit dem Rowohlt-Verlag zu tun. Nein, ich habe nicht abgenommen. Ja, ich spiele bei der "Lindenstraße" den Penner", donnert Harry Rowohlt (67), die leibhaftige Pu-der-Bär-Stimme, los, nachdem man feststellte, er sähe schlanker aus. "Ich bin ein phänotypischer Fettsack. Wenn mich jemand zweieinhalb Stunden nicht gesehen hat, glaubt er, ich hab’ abgenommen, hab’ ich aber nicht", brummt der Übersetzer, Autor und Vorlesekünstler, der mit seinen unverwechselbaren Bühnenshows das Publikum in seinen Bann zieht.

Unverändert auch sein Rauschebart. "Mit vier Jahren hab’ ich mir einen Bart gewünscht. Sobald ich einen kriegen konnte, hab’ ich ihn stehen lassen." Geändert hat sich nur sein Haupthaar – unfreiwillig. Aus den dunklen Afrolocken der Hippiejahre wurde ein grau melierter Kurzhaarschnitt. "Ich kann doch nicht mit Glatze und Locken herumlaufen", sagt er und führt durch seine Altbauwohnung im Hamburger Eppendorf.

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

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Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg

Tee und Tschick

Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg
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"Knochenwohnung" nennt er sie. Ein langer Flur, an einem Ende die Schlafzimmer, am anderen Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer. Bilder an allen Wänden. In den zwei Klos – eines Pink-Rot, das andere Blau-Gold –, "zeigt sich der ungestüme Gestaltungswille des Künstlers, der sich farblich ausgetobt hat". In der Küche braut der Autor der legendären Zeit-Kolumne "Pooh’s Corner" seinen Ostfriesentee. Eine Mischung aus schwarzen Blättern, Minze aus dem eigenen Hintergarten, Honig und Limettensaft. Den lässt er richtig lange ziehen. "Dann wird er morastig und schmeckt außer mir nur Russen." Gegessen wird erst, "wenn der Magen unüberhörbar knurrt". Um zehn nach fünf fing er heute an, Berge an Post, die sich während seiner zehntägigen Lese-Tournee stapelten, aufzuarbeiten. "Weil die Wohnung gleich links im Parterre ist, bin ich ehrenamtlicher Hausmeister. Ich nehme die Post der Mitbewohner immer entgegen, bis ich dann richtig laut werde und den Leuten sage, ihr könnt mich am Arsch lecken. Ich kann doch nicht wochenlang durchs Haus stapfen und Pakete verteilen", poltert er. Jeder Satz ein Aphorismus. Jedes Wort: keines zu viel.

Elektrische Schreibmaschine: "Ich bin zu blöd für den Computer".
© Bild: Stephan BoroviczenyFotografieWien/ViennaAustriacall: +43 6801314644

In zwei Wochen wird Rowohlt, der für seine Ken-Bruen- oder Philip-Ardagh-Übersetzungen "nicht viel mehr Geld kriegt als eine Anglistikstudentin im vierten Semester", sein österreichisches Publikum in Graz, Salzburg, Linz und Wien mit seinen verbalen Schmankerln verwöhnen. Ob er aus Kolumnen, Büchern oder Übersetzungen lesen wird, weiß er noch nicht. Sicher ist nur, dass er seine Rowohlt’schen Anekdoten einfließen und sich vom Publikum inspirieren lassen wird.

Und sicher ist, dass er keinen Whiskey mehr trinken wird. "Schausaufen mit Betonung" nannte er früher seine exzessiven Auftritte, die selten weniger als vier Stunden dauerten. Da jetzt ausschließlich Wasser auf dem Tisch steht, nennt er es "Betonung ohne Schausaufen". Seit 26. Juni 2007 hält er "stramme Ethanolkarenz", nachdem die nicht heilbare Nervenkrankheit Polyneuropathie diagnostiziert wurde. "Das kommt vom Saufen. Ich habe immer Leberwerte wie ein kleines Mädchen gehabt. Ich hab’ an der Leber vorbeigesoffen, direkt in die Nerven." Von einem Tag auf den anderen hörte er auf. Entzugserscheinungen blieben aus. "Ich betrachte mich nicht als Alkoholiker. Ich bin ein selten saufender Säufer."

Festnetz: "Ich bin nicht blöd genug für ein Handy".
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Der Neurologe, der ihm das nie zugetraut hatte, sagte ihm, in dem Fall könne er sich "vier Mal pro Jahr gepflegt die Kante geben". Im Vorjahr machte er das nur ein einziges Mal. Wann? "Das darf man gar nicht laut sagen, so peinlich ist das ", sagt er, macht eine Pause und flüstert: "Silvester!" Seine blauen Augen lässt er schelmisch blitzen wenn er dann erklärt, wie Hartsäufer Silvester nennen. "Die lange Nacht der Amateursäufer. Wir lehnen so was ab."

Der sprachbrillante Rübezahl liebt es, von Norddeutsch auf Wienerisch zu wechseln, fließend vom britischen Akzent in schwarzes Amerikanisch umzusteigen. Das hat er mit 25 Jahren als Hilfslayouter bei einem New Yorker Verlag gelernt. "Wenn man einem afroamerikanischen Schichtführer telefonische Satzanweisungen gibt, lernt man eher Englisch als wenn man Anglistik studiert." Der gebürtige Hamburger studierte genau zweieinhalb Stunden Amerikanistik in München. "Immer, wenn ein schwieriges Wort vorkam, musste ich denen erklären, was das heißt. Da dachte ich, wenn das Studieren ist, brauch ich das nicht."

Seit 43 Jahren ist der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper mit Ulla verheiratet. Kinder? "Ne, ich hatte so eine grässliche Kindheit, das wollte ich meinen Kindern von Vornherein ersparen." Im Luftschutzkeller kam er zur Welt. "Gott sei Dank bin ich noch ein Kriegskind. Weil, wenn ich Salat esse, saufe ich immer die Sauce aus. Mit der Begründung: ’tschuldigung, Kriegskind!"

Trottel und Teufel

Im Hintergarten wächst die Minze für den Tee.
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Wenn Rowohlt seine Eltern beschreiben soll, sagt er: "Mein Vater war ein weitgehend unschädlicher, alter Trottel, und meine Mutter war vom Teufel besessen. Sie war wahnsinnig bösartig und – das ist das Schlimmste – dumm. Was nicht weiter schlimm ist, sie war Schauspielerin, das gehört zur Jobbeschreibung." Seine Eltern konnten sich "völlig zu Recht" nicht leiden. "Der Ehekrieg war immer während der Mahlzeiten. Im Grunde fand ich das nicht schlecht. Wenn unten getobt wurde, wusste ich, ich hab’ jetzt meine Ruhe und kann ungestört meine Bücher lesen. Sobald es still wurde, wurde ich wieder erzogen."

Luxus: "Ich habe linke und rechte Socken".
© Bild: Stephan BoroviczenyFotografieWien/ViennaAustriacall: +43 6801314644

Und auf das konnte er verzichten. "Meine Mutter hat sich’s besonders einfach gemacht und mir einfach alles verboten, damit sie keinen Fehler macht." Freunde, die ihn zu Feten einladen wollten, wimmelte sie mit dem Satz ab: "Harry braucht im Augenblick sehr viel Kraft." Knutschen war ebenso verboten wie Schallplatten von Chris Howland hören. "Ich bin eine halbe Stunde nach dem Abitur ausgezogen."

Wie viele Frauen hat er seither mit seiner Stimme verführt? "Ich hab’ in der Tat einen ungeheuren Schlag bei Weibern. Aber das ist vorbei, sobald sie drei oder vier Jahre alt werden und nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. Das fängt dann erst wieder bei 68 Jahren an. Aber es gibt durchaus erwachsene Frauen, die mit meinem Pu der Bär aufgewachsen sind und neugierig auf den Typ sind, dessen Stimme sie auswendig können."

43 Jahre Eheglück: "Ulla war weit und breit die beste Tänzerin".
© Bild: Stephan BoroviczenyFotografieWien/ViennaAustriacall: +43 6801314644

Ulla lernte er in Frankfurt bei einem Ball kennen, als er Lehrling beim Suhrkamp Verlag war. "Sie fiel mir auf, weil sie weit und breit die beste Tänzerin war und ich neigte damals auch zu ausschweifendem Tanzen." Sie überzeugte er damit, "dass ich als völlig abgerissener, magerer junger Mensch formvollendet die Hacken zusammenknallte und sagte: Fräulein, darf ich bitten?"

Rowohlt, ruhendes Mitglied der SPD und Agnostiker in dritter Generation, der es bedauert, nicht katholisch zu sein, weil er dann schon oft aus der Kirche austreten hätte können, schreibt seine Texte auf einer elektrischen Schreibmaschine. Er schreibt Briefe, keine eMails. Das Faxgerät bedient seine Frau. Handy verweigert er. Auf seinem Schreibtisch steht ein altes, schwarzes Festnetztelefon mit Wählscheibe. "Ich bin zu blöd für den Computer und glücklicherweise nicht blöd genug für ein Handy."

Frühstück mit Harry Rowohlt in seiner Wohung in Hamburg
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Auf keinen Fall kann er auf Rauchen, Armbanduhr und Fernsehen verzichten. Zwei Packerln Gauloises sind es pro Tag. Kulturzeit, die Serie Scrubs und "den ganzen politischen Kram" schaut er sich an. Als seinen Luxus bezeichnet er den Kerbel aus dem Wintergarten und seine mit L und R (links, rechts) markierten Socken.

Rowohlts Lieblingsfilme sind "Help", der Beatles-Film, "Indien" von Paul Harather, "Bashu – Der kleine Fremde" und "Heimat, süße Heimat". Ins Theater geht er schon seit 30 Jahren nicht mehr. "Weil das so entsetzlich ist. Ich bin unter Gründgens aufgewachsen und verwöhnt."

Briefschreiber und eMail-Verweigerer.
© Bild: Stephan BoroviczenyFotografieWien/ViennaAustriacall: +43 6801314644

Für sein eigenes Schaffen, darunter Platin für 250.000 verkaufte Pu-der-Bär-CDs, wurde er vielfach ausgezeichnet. Arm kann der Vielbeschäftigte doch nicht sein? "Ja, ja, ich komm’ auch so ganz gut mit dem Arsch an die Wand. Wie ich immer sage, nur schwer Vermittelbare und Minderbegabte müssen den väterlichen Laden übernehmen." Er habe zwar seine Anteile am Verlag (49 Prozent) verkauft, "aber den Nießbrauch, die Kohle zu Deutsch, hat meine Mutter geerbt. Die hat das ganze Geld durchgebracht. Geerbt hab’ ich zwei Ruinen, ein kaputtes Auto und ein Bankschließfach voller Motten", erzählt der Vorleser gelassen und zufrieden wie in einem Märchen.

INFO:

Bücher, Bilder und ein Bart: In der Hamburger Wohnung im Gespräch mit der KURIER-Redakteurin.
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"Harry Rowohlt liest und erzählt"

14.4. Salzburg, republic; 16. 4. Graz, Orpheum;

17.4. Linz, Posthof; 18.4. Wien, Konzerthaus

Karten: Ö-Ticket Tel.: 01/96 0 96

Erstellt am 06.04.2012