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21.01.2012

Frühstück mit Elisabeth Kulman

Tiefgründig. Wenn es um die Musik geht, ist die Mezzosopranistin kompromisslos. Privat lässt sie sich mit einem Ständchen, das ihr Freund Georg Breinschmid für sie schrieb, gerne verführen.

Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will: Auf der Opernbühne lebt die Mezzosopranistin ihre Wandlungsfähigkeit aus. Ob als Waltraute in der "Götterdämmerung", als Prinz Orlofsky in der "Fledermaus" oder als erotische Puffmutter in "Mahagonny" (Premiere am 24. 1. in der Staatsoper). Heute zeigt sich Elisabeth Kulman von ihrer ganz privaten Seite. In einem roten T-Shirt und Jeans öffnet die 38-Jährige die Tür ihrer Mietwohnung in Hernals. Die langen dunklen Haare zur Seite gebunden – sehr sexy.

Im Wohnzimmer biegt sich der Frühstückstisch. "So kulinarisch ist es bei uns selten, wir kochen nicht viel", sagt die gebürtige Burgenländerin. Normalerweise reichen ihr Joghurt mit Nüssen und Obst, dazu Kräutertee. Ihr Freund hat eingekauft – Nussbrot, Lachs, Paprika, Nüsse, Joghurt, Früchte, Käse, Oliven und eingelegten Knoblauch. "Den isst nur er, schrecklich!" Er, das ist Georg Breinschmid, Kontrabassist, Komponist und ehemaliger Philharmoniker. Der 38-jährige Jazzer ist seit fünf Jahren "der Mann" im Leben der begehrten Opernsängerin.

Sie ernährt sich g’sund nach der Walleczek-Methode. Er nach der Bernhard-Ludwig-Diät "Ein Tag essen, ein Tag Sex" . "Heute ist ein Einsertag, da kann ich Gott sei Dank essen. Am Nullertag, so wie zu Silvester, esse ich gar nichts", sagt Breinschmid während er auf seinem Kontrabass "Musette pour Elisabeth", das Lied, das er für seine Liebste komponierte, spielt. "So hat er mich rumgekriegt. Am erotischsten ist es, wenn man ein Ständchen gespielt kriegt."

Welche Musik wird für erotische Schäferstündchen aufgelegt? "Keine", sagt sie. "Warum probieren wir es nicht einmal? Die Frage ist nur, was wir dann spielen. Ist vielleicht eine Inspiration", sagt der humorvolle Musiker lachend.

Schock

Ja, sie können wieder miteinander lachen. Vorbei ist der Schock nach Kulmans Unfall im Vorjahr, bei dem ein Kollege unabsichtlich ihren Kehlkopf mit dem Ellbogen traf. "Meine Stimmbänder waren dunkelrot und schwarz. Ich konnte einige Wochen überhaupt nicht sprechen, musste alles aufschreiben, was ich sagen wollte", erinnert sich die Künstlerin. "Mit einem Schlag ist alles vorbei, was man sich jahrzehntelang aufgebaut hat."

Damals dachte sie, "entweder versinke ich in Depressionen oder ich mache das Beste draus". Sie machte das Beste draus. "Nach zwanzig Jahren hab’ ich endlich wieder Urlaub gemacht, ich habe viel gelesen und meine Gedanken aufgeschrieben. Ich muss immer funktionieren, immer eine Leistung bringen. Das war eine Zeit, in der niemand etwas von mir erwartet hat. Ich war befreit. Jetzt bin ich noch klarer und gelassener."

Comeback

Nach drei Monaten stand sie wieder auf der Bühne. "Ich musste mit Anfänger-Stimmübungen beginnen. Es war nicht klar, ob ich mein Weltklasseniveau wieder erreichen werde." Sie hat es wieder erreicht. Ex-Operndirektor Ioan Holender schwärmt von ihr. "Sie hat Humor und Witz. Wenn sie sagt, das kann ich nicht, dann glaube ich ihr das. Und wenn sie sagt, sie kann eine Partie singen, dann weiß ich, sie kann es. Sie ist eine der interessantesten Sängerinnen, ihre Stimme hat eine tolle Farbe – und außerdem fährt sie mit dem Fahrrad zur Probe."

Kulmans braune Augen werden noch größer vor Staunen. "Das ist wirklich ein Kompliment." Unter Holenders Direktion stand sie 2006 erstmals in einer großen Rolle auf der Staatsopernbühne. "Es war Silvester. Der Anruf kam um 14 Uhr, dass ich in der Fledermaus einspringen soll. Am Abend hab’ ich gesungen. Die Rolle hab’ ich drauf."

Wodurch unterscheiden sich Holender und der neue Direktor Dominique Meyer? "Na ja, durch den Umgangston, das ist kein Geheimnis. Hart in der Sache sind beide. Man unterschätzt Meyer, weil er so leise und delikat spricht. Er nimmt sich aber kein Blatt vor den Mund." Meyer habe auch einen anderen Geschmack als sein Vorgänger und das Wiener Publikum. "Er sagt selbst, Paris ist anders als Wien."

Kaum zu glauben, dass Elisabeth Kulman erst mit 20 Jahren das erste Mal in der Oper war. "Sie spielten Salome und ich bin rausgegangen. Ich mag nicht, wenn Stimmen scheppern, ich hab’s nicht ausgehalten. Jetzt versuche ich, es besser zu machen", sagt die Perfektionistin, die mit lauter Einsern maturierte und dann Russisch und Finno-Ugristik studierte. "Mein Vater hat mit mir Ungarisch gesprochen und Russisch hab’ ich in der Schule gelernt. Englisch war mir zu fad, das kann jeder. Ich wollte etwas, was mich herausfordert."

Naturtalent

Doch vor der zweiten Diplomprüfung stieg sie aus, da sie parallel Musik studierte und im Chor sang. "Zwei Studien und jeden Abend Chorproben, das war zu viel." Eigentlich wollte sie ja schon in der Oberstufe weg von Oberpullendorf nach Wien. "Nichts wie weg." Ihre strenge Mutter, Hausfrau und Masseuse, habe es nicht leicht mit ihr gehabt. "Ich bin genauso stur wie sie. In der Pubertät haben wir ziemlich gefetzt."

Kulmans verstorbener Vater, ein Beamter, hat sich in Erziehungsfragen zurückgehalten. "Er war schwerhörig und hat sein Hörgerät gern herausgenommen", erzählt die ehemalige Sopranistin, die zu Mezzosopran und Alt wechselte. "Seine Liebe zum Sichzurückziehen habe ich auch. Er war ein Bücherwurm." Gesungen wurde immer in der pannonischen Familie Kulman.

Als tiefgründig bezeichnet sie sich. "Ich hasse alles, was oberflächlich ist. Und ich bin ehrgeizig, das muss man in meinem Beruf sein. Gleichzeitig muss man als Künstler sensibel sein. Das ist eine Gratwanderung. In unserem Job braucht man die harte Schale, damit man die ganzen Dinge aushält. Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft."

Sie ist eine der Fleißigsten unter den Sängerinnen. "Meine Bandbreite ist so groß, ich habe so viele Ideen." Von ihrer Liszt "Roots & Routes"-CD, über gemeinsame Projekte mit Freund Breinschmid bis zu Auftritten im Ausland. Ihr Terminkalender von 2017 füllt sich bereits. "Ich habe so eine Lust, mich künstlerisch auszutoben. Eines Tages wird man sagen, pfau, was die Kulman alles gemacht hat, und das alles mit hoher Qualität."

Kinderlos

Mit Georg Breinschmid hat sie den kongenialen Partner gefunden. "Die Musik, der gemeinsame, irrsinnig hohe künstlerische Anspruch, verbindet uns. Da sind wir beide kaum oder gar nicht kompromissbereit", sagt er. Geheiratet wird trotzdem nicht. Kinder sind nicht geplant. "Wir sind so Feuer und Flamme für unseren Beruf. Da wäre kein Platz für Kinder", ergänzt die Sängerin gleich.

Auf die Frage, was ihn an ihr nervt, fällt ihm selbst nach langem Nachdenken nichts ein. Für sie hat er das Rauchen aufgegeben. Sie hat ihm, der ein eifersüchtiger Mann sein kann, dafür die Treue versprochen. "Ich hab’ genug Erfahrungen mit Männern gehabt, da hab’ ich mir das Eifersüchtigsein abgewöhnt."

Bevor sie Georg vor fünf Jahren kennenlernte, war sie lange Single. "Das heißt frei für verschiedene Beziehungen. Künstler sind eben Freidenker", sagt sie selbstbewusst und offen. Die Sturm-und-Drangzeit ist vorbei. "Ich habe es zu schätzen gelernt, dass treu zu sein etwas Besonderes ist."

Noch immer nicht schätzen kann die Perfektionistin den nicht vorhandenen Ordnungssinn ihres Partners. "Mich nervt, wenn du die Butter so zerstörst." Aber sie nimmt es ihm nicht übel. "Ich kann darüber lachen", versichert sie – zumindest vor den Frühstücksgästen.