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09/17/2012

Bernhard Ludwig über das Abnehmen

Der Kabarettist und Psycho­therapeut hat schon Hunderte Kilos ab- und zu­genommen. Er war ein Jo-Jo-Opfer, bis er seine eigene Diät erfand.

von Barbara Reiter

freizeit: Herr Ludwig, es ist kurz nach zehn Uhr. Haben Sie heute schon gefrühstückt?
Bernhard Ludwig: Nein, ich habe heute meinen Nulltag. Das bedeutet, dass ich nur Wasser oder eine Tasse Kaffee ohne Milch und Zucker trinke.

freizeit: Das ist die "10-in-2-Diät", die Sie erfunden haben. Einen Tag essen und den nächsten Tag nichts. Was hat es damit auf sich?
Ludwig: Ich war ein Jo-Jo-Opfer und habe "10in2" erfunden, weil keine Diät geholfen hat. Es ist viel mehr ein Lebensstil, weil man es für immer machen kann, so wie ich. Es geht um die Reduktion von Kalorien und das Einhalten einer Zeitspanne, während der man nichts isst. Die Wirksamkeit wurde in Mäusestudien nachgewiesen.

freizeit: Was haben die Experimente an den Mäusen denn ergeben?
Ludwig: Ein Forscher namens Panda hat zwei identen Mäusen die gleiche Menge an sehr fettreicher Kost verabreicht. Eine Maus konnte innerhalb von 24 Stunden fressen, wann sie wollte, die andere bekam die gleiche Menge, musste aber acht Stunden Pause einlegen. Mit dem Ergebnis, dass die Maus, die immer fressen konnte, dick und krank wurde, die Maus, die acht Stunden gefastet hatte, blieb aber trotz fetter Ernährung schlank und gesund.

freizeit: Der Mensch ist aber keine Maus.
Ludwig: Ja, deshalb versuche ich gemeinsam mit Wissenschaftlern, wie dem Biologen Francesco Madeo von der Uni Graz, die Studien auf Menschen zu übertragen – ohne jemanden einzusperren und zu sagen: ‚Du kriegst nur jeden zweiten Tag was zu essen." Dazu fehlen uns aber noch Forschungsgelder und Spenden.

freizeit: Zwischen den Mahlzeiten stundenlang nichts zu essen, widerspricht anderen Ernährungsregeln. Haben die für sie keine Gültigkeit?
Ludwig: In der BBC wurde gerade eine Dokumentation mit dem Titel "Eat, Fast and Live Longer" gezeigt. Der Journalist Michael Mosley hat darin in Selbstversuchen verschiedene Ernährungslehren überprüft. Schauen Sie sich die Doku an! Dann wissen Sie, dass das Konzept fünf Mal am Tag zu essen, wegkommen muss. Es ist einfach falsch.

freizeit: Ich habe die Dokumentation gesehen. Darin kommt auch der 101-jährige Fauja Singh vor, ein britisch-indischer Langstreckenläufer, der als erster Hundertjähriger einen Marathon absolviert hat. Auch da kam Mosley drauf, dass Singh wenig isst.
Ludwig: Der kommt ohnehin nicht in die Verlegenheit, Pommes Frites oder anderen Blödsinn zu essen. Er ernährt sich vorwiegend von Obst und nimmt nicht mehr als 1000 Kalorien pro Tag zu sich. Bei ihm gibt es aber noch einen anderen Grund, warum er mit 101 noch so vital ist. Das Laufen. Nach sechs Kilometern ist der Zuckerspeicher in der Leber leer. Da muss auch der blödeste Körper am Fett weiterrennen. Er schaltet auf Autophagie.

freizeit: Das müssen Sie erklären.
Ludwig: Das ist eine Zellfunktion, bei der die Zelle ihre eigenen überflüssigen Bestandteile abbaut. Dieser "Zellmüll" reicht von fehlerhaften Proteinen, bis hin zu großen Zellorganellen. Studien belegen, dass ein Fehler im Prozess der Zell-Selbstverdauung Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Alzheimer begünstigen kann. Werden Zellen ausgehungert oder anderem physiologischen Stress wie Sport ausgesetzt, wird die Selbstverdauung in den Muskel-, Fett- und auch in den Gehirnzellen gesteigert. Sie regenerieren sich. Das heißt, dass man durch Fasten und Laufen nicht nur gesünder, sondern auch lebenslang schlauer bleibt.

freizeit: Sie essen seit vier Jahren nur jeden zweiten Tag. Was hat sich bei Ihnen verändert?
Ludwig: Statt XXL trage ich heute M. Man merkt es, wenn man den Gürtel enger schnallen kann. Auf die Waage zu steigen, bringt nichts, weil Gewicht nichts über die Muskel-Fett-Verteilung aussagt. Weniger Fett bedeutet mehr Muskeln und damit mehr Kilos. Wer fastet, muss sich bewegen. Das ist wichtig.

freizeit: Ohne Sport geht es also auch bei Ihnen nicht.
Ludwig: Wenn ein Manager ohnehin schon knapp am Burn-out vorbeischrammt, kann ich nicht verlangen, dass er in der Woche noch 15 Stunden joggt. Ich plädiere für mehr Alltagsbewegung – Treppen steigen statt Lift fahren, eine Bus-Station früher aussteigen, generell viel zu Fuß gehen. Ein Berater von Bill Clinton hat festgestellt, dass das Leben pro Woche nur um 30 Minuten verlängert wird, wenn man jede Woche zehn Stunden joggt. Pro Jahr also nur um einen Tag verlängertes Leben. Im Büro häufig aufzustehen, ist zum Beispiel gut, weil es alle Muskeln trainiert. Dauerndes Sitzen ruiniert ohnehin das Sexualleben.

freizeit: Aha, warum das ?
Ludwig: Der Beckenboden wird kaputt, bei Frauen und bei Männern. Schauen Sie sich die ganzen Radfahrer an. Die ruinieren sich die Hoden und die Spermien. Es fängt schon bei den Schülern an. Das sind Sitzlinge. Zuerst sitzen sie in der Schule, dann vor der Hausübung, später vor dem Fernseher. Studien besagen, dass häufiges Aufstehen die Herzkreislauftätigkeit mehr anregt als Joggen.

freizeit: Wollen wir für den Rest des Interviews nicht lieber stehen?
Ludwig: Gerne. Deshalb habe ich auch einen höhenverstellbaren Tisch.

freizeit: Welche Verbesserungen konnten Sie neben dem Gewichtsverlust durch "10 in 2" noch feststellen?
Ludwig: Meine Blutwerte sind sensationell. Man wird gesünder und wie gesagt auch klüger. Es ist auch eine Burnout-Prophylaxe. Stellen Sie sich vor, Sie müssen sich jeden zweiten Tag keine Gedanken machen, was Sie essen oder kochen sollen. Dafür bleibt mehr Zeit, schöne Dinge zu tun. Geld spart man auch.

freizeit: Klingt gut. Ist es für das soziale Leben nicht trotzdem schwierig, wenn man jeden zweiten Tag fastet?
Ludwig: Warum denn? Es ist an den Nulltagen auch erlaubt, ein Glas Wein zu trinken. Bei Essenseinladungen ziehen Sie einen Joker. An diesen Tagen, darf man eine Ausnahme machen. Ich verzichte darauf, obwohl ich oft eingeladen bin. Wenn es jemand nicht schafft, einen Tag zu fasten, gehört er zum Arzt. Wir haben ein All-Inclusive-Setting. Jeder kann rund um die Uhr essen und trinken, was er will. So eine Zeit gab es noch nie. Das Einzige, was die Evolution nicht aushält, ist Überfluss.

freizeit: Nehmen Sie an den Einsertagen sehr viele Vitamine zu sich?
Ludwig: Es gab Zeiten, wo es den Menschen sehr schlecht ging. Trotzdem ist damals ihre Lebenserwartung um sechs Jahre gestiegen. Je schlechter es der Wirtschaft geht, desto gesünder sind die Menschen. Das ist pervers, aber es ist so. Ich kann mir auch im Fernsehen die ganzen Abnehmsendungen nicht anschauen, weil sie alte Konzepte zeigen, die nicht funktionieren. Das kommt mir wie ein Witz von Watzlawick vor. Ein Mann sucht unter dem Lichtschein einer Laterne seinen Schlüssel. Kommt ein Polizist und fragt an welcher Stelle er den Schlüssel verloren hat. Sagt der Mann: "Da drüben. Aber dort ist es so finster, da schaue ich nicht nach."

Info: Mitte Dezember kommt Bernhard Ludwigs neues Buch "Morgen darfst du alles essen" ins Kino. Zeitgleich erscheint das gleichnamige Buch.

www.10in2.at

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