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05.12.2011

Anklopf-Zeremonie war früher unbekannt

Dass ein Habsburger nur als "sündiger Mensch" in die Kapuzinergruft eingelassen wird, ist eine Erfindung unserer Zeit.

Wie bei der Bestattung seiner Mutter, Kaiserin Zita, wird der Leichnam Otto Habsburgs erst nach Durchführung eines komplizierten Anklopf-Zeremoniells in die Kapuzinergruft eingelassen. Immer wieder hört und liest man, dass diese feierliche Handlung einer jahrhundertealten Habsburger-Tradition entsprechen würde. Doch dafür gibt es keine Belege.

Sündig

"Wer begehrt Einlass?", wird Kapuziner-Pater Gottfried Undesser Samstag gegen 19 Uhr am Portal der Kaisergruft fragen, ehe Ulli Lipp, ein Vertrauter der Familie Habsburg, antworten wird: "Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen …" - Es folgt eine lange Liste sämtlicher Titel, die der Kaisersohn bis 1918 getragen hat. Nun wird Pater Gottfried mit den Worten "Wir kennen ihn nicht" seine Aufnahme in die Gruft ablehnen. Das Tor der Kapuziner öffnet sich erst, sobald unter Weglassung seiner Titel für "Otto, einen sterblichen und sündigen Menschen" um Einlass gebeten wird.

"Es ist eine Legende", sagt Pater Gottfried auf meine Frage, "dass diese Zeremonie einer alten Tradition entspricht". Der Kapuziner hat alle Protokolle im Haus-, Hof- und Staatsarchiv studiert, aber weder bei Maria Theresia noch bei Kaiser Franz Joseph oder anderen Habsburgern einen Hinweis gefunden, dass bei ihren Bestattungen ein derartiger Ritus angewendet wurde.

Wunsch der Familie

Dass die Zeremonie bei der Beisetzung Kaiserin Zitas im März 1989 so gehandhabt wurde, "entsprach einem Wunsch der Familie Habsburg", sagt der Kapuziner, und bei Otto werde es ebenso sein.

Eva Demmerle, die Sprecherin der Familie Habsburg, bestätigt, dass der Ritus in dieser Form und mit diesen Worten erstmals bei der Bestattung der Kaiserin Zita erfolgt sei. "Allerdings sind einzelne Details aus der Barockzeit überliefert, es gibt auch Grabinschriften, die Verstorbene als sündige Menschen bezeichnen. Aber dieses Zeremoniell gab es bisher nur bei Kaiserin Zita."
Auch wenn die Tradition gar keine ist, hält Pater Gottfried den Vorgang aus religiöser Sicht für richtig, da es "durchaus sinnvoll ist, bei Eintritt des Todes alle Titel abzulegen". Otto Habsburgs Frau Regina wird bei den Kapuzinern übrigens ohne dieses Zeremoniell Einlass finden.