Adi Hirschal vor dem Wiener Lustspielhaus, am Hof am 25.06.2013 in Wien

© KURIER /Gruber Franz

Interview
07/06/2013

Adi Hirschal über Schauspiel

Adi Hirschal ist der „Parade-Strizzi“ aus Wien. Dabei ist er in Tirol geboren und war auch sonst sehr viel unterwegs. Bis er Schauspieler wurde, hat es deshalb etwas gedauert. Vorerst ließ er sein Engagement am Burgtheater sausen, schaufelte Schotter, lieferte Hühner aus und begegnete zum Glück seiner Frau.

von Barbara Reiter

freizeit: Herr Hirschal, Sie sind für mich der Wiener schlechthin. Das Wienerlied ohne Adi Hirschal: Unmöglich. Dabei sind Sie in Innsbruck geboren.

Adi Hirschal: Mein Vater war Zahnarzt und hat in Innsbruck studiert. Drei Jahre nach meiner Geburt sind wir nach Linz gezogen. Der Wienbezug stammt bei mir hundertprozentig aus meiner Zeit bei den Sängerknaben. Ich bin wie ein kleines Pflänzchen entwurzelt nach Wien gekommen und habe in diesen vier Jahren das Wienerische in mir aufgesogen. Das geht als Kind ganz leicht.

Heute betreiben Sie das Wiener Lustspielhaus Am Hof und feiern zehnjähriges Bestehen. Was sehen Sie als Ihre größte Errungenschaft?

Es hat eine Zeit gegeben, da ist das kulturelle Wien ein bisschen verdorrt gewesen. Es hatte sich theatermäßig viel nach Deutschland verlagert, und es hieß ungefähr: „Sollen die Wiener ihr Kuscheltheater machen und ihre kleinen Komödchen spielen.“ Das wollte ich mir nicht gefallen lassen. Deshalb mache ich wieder Volkstheater, um die Sprache, Musik und Lebensart dieser Stadt zu pflegen.

Bei aller Wien-Liebe waren Sie in jungen Jahren ein Abtrünniger und sind trotz Engagements am Burgtheater auf Wanderschaft ins Ausland begeben. Warum?

Ich war einfach nicht der Meinung, Schauspieler geworden zu sein, um kleine Rollen zu spielen. Das war absolut nicht mein Ziel. Deshalb habe ich mich umorientiert und bin sozusagen in die „große, weite Welt“ aufgebrochen.

Was sind die stärksten Erinnerungen?

Ich habe mir in den vier Jahren in einem umgebauten Lkw keinen Luxus gegönnt, obwohl ich Jahre später den Komfort einer schönen Wohnung sehr genossen habe. Ich erinnere mich daran, in Italien Schotter geschaufelt zu haben, um als Gegenleistung in einer kleinen Hütte schlafen zu dürfen. Mein Vater konnte das überhaupt nicht verstehen. Er hätte es lieber gesehen, wenn ich am Burgtheater geblieben wäre.

Verständlich. Waren Ihre Wanderjahre sozusagen eine Rebellion?

In gewisser Weise bestimmt. Ich habe als Schauspieler aber auch gespürt, dass mir zum Anspruch ans Schauspiel noch etwas fehlt. Ich war der Meinung, dass ein Schauspieler das, was er spielt, in sich tragen und erlebt haben muss. All das haben mir diese Wander-Jahre gebracht. Ich war damals auch der Meinung, den falschen Beruf ergriffen zu haben und noch einmal neu ins Leben starten zu müssen.

Ist Schauspieler nicht viel eher Berufung als ein Beruf?

Bei mir kam damals noch die 68er-Geschichte dazu. Meine Freunde und ich haben unendlich viel diskutiert – in jeder Hinsicht, auch politisch. Wir wollten die bescheidene Frage lösen, was der „wahre Mensch“ sei. Damals war die Antwort für uns: Der wahre Mensch ist eher Arbeiter als neurotischer Künstler. Deshalb habe ich mich ins Arbeitsleben gestürzt. Meine Frau war da zum Glück anderer Meinung.

Wie haben Sie wieder zur Schauspielerei zurückgefunden?

Das hat etwas gedauert. Ich habe mit meiner Frau und unseren beiden Kindern neun Monate in einem selbst eingerichteten Wohnmobil gelebt und habe in Wien als Lastwagenfahrer gearbeitet und zum Beispiel Hendln für einen Geflügelhof ausgeführt. Bis meine Frau meinte, dass ich nicht vor etwas davonlaufen kann, das mir bestimmt ist und das ich eigentlich liebe, nämlich die Bühne. So hat sie mich in den Beruf zurückgeprügelt.

So viele Menschen wollen als Schauspieler reüssieren. Warum sind Sie trotz Talent davongelaufen?

Ich weiß es nicht. Wenn mich jemand fragt, seit wann ich Schauspieler bin, sage ich immer. „Langsam, langsam. Ich habe mich noch nicht entschieden.“ Ich will mir Optionen offen halten. Vielleicht aus Angst, etwas Wesentliches zu versäumen – den lieben Gott vielleicht oder das Leben und den Tod.

Im Wiener Lustspielhaus spielen Sie dieses Jahr im „Jedermann“ den Tod. Sie meinten vorhin, ein Schauspieler müsse Dinge erlebt haben, um sie darzustellen. Beim Tod wird das schwer, da Sie recht lebendig wirken.

So intensiv, wie ich lebe, steht auch der Tod daneben und schaut mir zu. Ich bin Skorpion im Sternzeichen. Skorpione bewegen sich immer ein bisserl nahe am Abgrund und neigen zur Ekstase. Es heißt ja auch in der Liebe, dass nach der Ekstase der kleine Tod folgt. Irgendwie glaube ich, das Thema zu verstehen.

Wie Angst einflößend ist der Tod, den Sie spielen?

Er ist ein wienerisches Schreckgespenst. Unser Jedermann ist ein blutjunger Modeschöpfer, der dennoch das Leben schon bis zur Neige ausgekostet hat. Er konfrontiert den Sensenmann mit seltsamen Schlussfolgerungen aus diesem Lotterleben. Der Tod muss um seine Reputation besorgt sein. Wien ist anders. Autor Franzobel hat das in eine wunderbar musikalische Sprache gebracht. Für mich ist er zu hundert Prozent der neue Nestroy.

Ihr Jedermann ist mit einem prominenten Namen besetzt. Ben Marecek tritt in die Fußstapfen seines Vaters Heinz.

Das wollen wir vermeiden. Er geht seinen eigenen Weg. Er ist der jüngste Jedermann aller Zeiten und feiert sein Debüt – und das halt gleich in einer so großen Rolle. Da musste ich ihn schon fragen, ob er das auch wirklich will.

Sind Sie sehr streng mit ihm?

Nicht streng, aber genau. So wie mit allen anderen. Das gibt es keinen Unterschied. Theater heißt: Klar denken. Das ist auch außerhalb des Theaters nicht immer einfach. Wir sind auf einem guten Weg.

Apropos guter Weg: Sie werden heuer 65. Was tun Sie, um sich fit zu halten?

Alles Gute kommt von meiner Frau. Deshalb habe ich vergangenes Jahr auch aufgehört, zu rauchen. Mir wäre es egal gewesen, aber ihr nicht. Sie meinte: „Lass dich nicht gehen, oder willst du ein ungepflegter schlecht riechender alter Mann sein?“ Ich selbst, neige dazu, mich gehen zu lassen und bin eher einer, dem was passiert, kein Aktivist. Mir passieren in meinem Leben immer die Geschichten. Die Sängerknaben sind mir damals auch passiert. Man hat mich nicht gefragt.

Und das mit ihrer Frau ist auch passiert? Sie sind seit 35 Jahren zusammen.

Das war die berühmte Ausnahme, eine der wenigen Sachen, die ich in meinem Leben aktiv angegangen bin. Ich habe sie gesehen und gewusst: Das ist sie! Ich habe sie um drei Wochen gebeten, damit ich sie kennenlernen kann und habe ihr die Option gegeben, danach zu gehen.

Warum ist sie geblieben?

Ich glaube, meine Frau findet mich spannend und sie berührt mein Herz. Wir reisen gerne und lieben es, ohne Ziel im Auto zu fahren. Das ist vom Rock’n’ Roll unserer Lebens die Roll-Seite. Wir rollen so dahin, sind immer „busy“. Jetzt haben wir uns ein kleines Haus im Burgenland gekauft. Damit sind wir sicher längere Zeit beschäftigt. Da gibt es immer was zu bauen, streichen oder einzurichten.

Wird das ein Wochenenddomizil?

Das weiß ich nicht. Wieso wollen Sie mich immer festnageln? Das ist genau das, was ich nicht will und kann. Meine Schauspieler sagen immer: „Bleibt das jetzt so?“ Und ich antworte: „Das kann ich noch nicht sagen. Jetzt einmal ist es nicht schlecht.“ Morgen kann ich aber noch einen Schritt weiter gehen.

Es ist also alles im Fluss?

Immer. Alles fließt im Strom zum Meer. Manchmal gibt es Wirbel, manchmal Schlingen, dann geht es wieder geradeaus. So empfinde ich mein Leben. Gegen allen Anschein bin ich im Innersten meiner Seele ein trauriger Mensch. Mein intensivstes Lebensgefühl ist der Blues. Kommen Sie einmal in eines meiner Konzerte wenn ich den Blues singe. Der Blues ist mein Weinen. Und sie werden lachen: Diese Trauer ist wahnsinnig erholsam.

Finden Sie?

Der Schriftsteller August Strindberg hat einmal gesagt: „Es ist gut, immer wieder mal zu weinen. Die Tränen waschen die Augen und danach sieht man wieder klarer.“ Das kann ich nur bestätigen.

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