Im Zeichen der Ringe: In knapp dreieinhalb Monaten wird die Metropole am Schwarzen Meer zum Nabel der Sportwelt.

© FREMD/Stefan Sigwarth

Olympia 2014
10/21/2013

Lokalaugenschein im Tal des Größenwahns

Dreieinhalb Monate vor der Eröffnungsfeier sind die Sportstätten von Sotschi fertig. Doch rund um die Anlagen wird noch immer heftig gegraben, gebaut – und Staub aufgewirbelt.

von Stefan Sigwarth

Eines ist den Olympischen Winterspielen im kommenden Februar gewiss: Sie werden für Rekorde sorgen, auf welche Art auch immer. Das 37-Milliarden-Euro-Projekt (das entspricht dem halben Staatsbudget Österreichs im heurigen Jahr) ist eine Mischung aus Größenwahn und nötiger Modernisierung, aus Umweltfrevel und nachhaltiger Planung – und vor allem Produkt des Wunsches, dass Russland und seine 143 Millionen Einwohner von außen endlich anders wahrgenommen werden als die Sowjetunion in den Zeiten des Kalten Krieges.

Sotschi, das ist einmal die traditionsreiche Sommer-Urlaubsdestination am Schwarzen Meer mit ihren 300.000 Einwohnern, mit prächtigen alten Häusern. Und Sotschi ist die Region, die in Summe 450.000 Menschen Heimat ist. Sotschi ist aber vor allem auch im Oktober 2013 noch Baustelle. Es rattert und knattert, es scheppert, dröhnt, lärmt, kracht – und es staubt.

Es staubt weniger in Sotschi selber, auch nicht mehr so sehr im Olympiapark zwischen Flughafen und Meer. Doch es staubt im Tal von Krasnaja Poljana. Da ist auch eineinhalb Jahre nach dem letzten Lokalaugenschein des KURIER viel Baustelle und wenig Liebreiz.

Ein Grund liegt in der zentralistischen russischen Bürokratie, die die Firmen zuweilen für Wochen zum Nichtstun zwingt. Ein Grund ist aber auch die Geologie des Tals, dessen Ränder einst von Gletschern zerrieben wurden: Bis zu 70 Meter tief mussten manche Verankerungen in die bewaldete Geröllhalde getrieben werden, um festen Fels zu erreichen.

Die Angelockten

Zu Zehntausenden sind die Arbeiter aus allen Teilen Russlands gekommen, sie verdienen mit rund 700 Euro im Monat vergleichsweise gut, freilich wurde in den letzten Tagen auch die Problematik um (illegale) Zwangsarbeiter bekannt, die kein Geld bekommen – und nun ausgewiesen werden.

Was sich getan hat? Die neue Schnellbahn, die die Küste mit den Bergen in 25 Minuten Fahrzeit verbinden wird, wurde teils nur ein- statt zweigleisig ausgeführt (Stichwort: Geologie). Die neue Schnellstraße (während Olympia den Akkreditierten vorbehalten) ist noch nicht eröffnet, um sie vor den Belastungen des Schwerverkehrs zu schützen, der sich durchs Tal wälzt. Und die burgähnlichen Gebilde, die Athleten, Betreuer, Fans und all die anderen beherbergen werden, „sie werden fertig“, sagen die Verantwortlichen.

Fertig sind die Wettkampfstätten, getestet ebenfalls, teils auch entschärft, weil etwas gar übertrieben konstruiert (siehe sturzreicher Weltcup auf der Biathlon-Strecke). Doch wie lange sie halten werden, das ist nicht so klar: Das neue Zentrum der Skispringer und Nordischen Kombinierer ist seit letztem Dezember um 20 Zentimeter abgerutscht, Böswillige sehen die Anlage in fünf Jahren im Tal liegen. Auf die Frage, wie lange die neuen Straßen halten, ist die Antwort oft ein Schmunzeln.

Droben am Berg liegt seit Anfang September der erste Schnee, dort sind auch die Hausaufgaben erledigt; Pläne für den Zusammenschluss dreier noch getrennter Skigebiete liegen in der Schublade. Derzeit haben die Gebiete noch drei Eigentümer – doch Eigentümer wechseln in Russland manchmal schnell.

Die Vertriebenen

Wo jetzt der Olympiapark steht, wo bald Formel-1-Autos kreisen werden, wohnen noch immer Privatmenschen. Doch es waren bis vor einigen Jahren noch viel mehr – jene, die Dorf und Park im Weg waren, wurden zur Umsiedlung eingeladen, und als der zivile Widerstand gar so groß wurde, erließ die Regierung ein Gesetz, das die Enteignung für Olympia legalisierte.

Weil der Fluss aus dem Tal von Krasnaja Polnaja dort sein Delta hat(-te), war der Boden sumpfig. Das ist er heute nicht mehr. Nur ein paar Grünstreifen des ursprünglichen Zustands sind noch übrig. Dafür stehen dort nun schmucke Appartements, die nach dem Sportspektakel verkauft werden sollen. erhoffter Quadratmeterpreis: 5000 US-Dollar.

Ein Vielfaches dieser Summe haben die Straßen- und Hausbauer der Strabag erhalten, ein anderes die Vorarlberger Seilbahnbauer von Doppelmayr für ihre 35 Anlagen, die sie bisher errichtet haben. Der ganze Stolz des Teams ist die Drei-Seil-Bahn, die hinauf zu den Biathleten und Kombinierern führt, mit 5,3 Kilometern die längste ihrer Art, und mit 8,5 Metern pro Sekunde auch die schnellste. Die Seilbahnen sind nicht nur für Sportler, sondern auch für Zuschauer vorgesehen. Mit dem Verkehrskonzept werden teils grüne Ideen umgesetzt.

Die Trauernden

So auch mit dem Olympiastadion, das nicht nur 50 Prozent weniger Energie verbraucht als vergleichbare Anlagen, sondern auch eine Nachnutzung erhält. Für die Fußball-WM 2018 und als nationales Leistungszentrum, und, so munkelt man, als Teil des Formel-1-Kurses. Andere Hallen werden zu Kongresszentren. Weitere Skigebiete sollen im russischen Teil des Kaukasus entstehen – als Teil der Idee „Befriedung durch Wohlstand“.

Ein schwacher Trost für jene, die dem alten Idyll nachtrauern: Der Schnee wird vieles überdecken – und die Erde über der Geröllhalde ist überaus fruchtbar.

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