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Sport Wintersport Ski-WM 2019
02/06/2019

Schröcksnadel: "Ich denke konkret über Abschied nach"

Der ÖSV-Präsident spricht über Superstar Hirscher, den internationalen Skisport und seinen Abgang als Big Boss.

von Christoph Geiler

Langeweile kommt bei Peter Schröcksnadel nie auf. Dafür hat der Langzeit-Präsident des Österreichischen Skiverbandes zu viel um die Ohren. Erst die Ski-WM in Åre, die Nordische WM in Seefeld, und dann geht er bei der Senioren-WM ja auch noch selbst auf Medaillenjagd. Im Moment ist er auf dem Weg der Besserung, nachdem er im Training gestürzt war. „Ein Salto rückwärts“, meint er, „das können sie ruhig schreiben.“

KURIER: Macht es überhaupt Sinn, Sie noch nach Ihren WM-Zielen zu befragen?

Peter Schröcksnadel: Es kennt eh jeder die Antwort: Sechs bis acht Medaillen. Ich weiß, das klingt für manche inzwischen langweilig. Aber es ist realistisch. Natürlich können wir  auch zwölf Medaillen machen, im Idealfall. Wenn’s blöd hergeht, schauen aber auch nur zwei, drei heraus. Man darf sich auch als Österreichischer Skiverband die Latte nicht zu hoch setzen. Stellen sie sich vor, was dann los wäre, wenn wir das nicht erreichen.

Mit 21 Saisonsiegen sind die Voraussetzungen aber nicht so schlecht. Marcel Hirscher allein hat zehn Mal gewonnen. Gehen Ihnen langsam die Superlative für ihn aus?

Es ist für mich kein Zufall, dass er da steht. Der Marcel hat sich das alles hart erarbeitet. Weil er härter arbeitet als alle anderen, er ist auch disziplinierter als alle anderen, und natürlich ist er auch ein großes Talent. Aber eben ein Talent, das  sich nicht auf sein Talent verlässt, sondern sehr konsequent ist.  Und daher ist ihm der Erfolg nur zu vergönnen, weil er ihn sicher nicht geschenkt kriegt. Wissen Sie, was ich ihm zuletzt gesagt habe?

Was denn?

Ich habe ihm gesagt, dass man  auch verlieren können muss, damit der Sieg wieder etwas wert ist.

Verlieren? Ist ein zweiter Platz in Kitzbühel wirklich eine Niederlage?

Natürlich nicht, das ist überhaupt keine Niederlage. Aber für ihn persönlich sehr wohl.  Der Marcel ist einer, der immer gewinnen will. Aber manchmal muss man auch kleine Rückschläge einstecken können,  weil so der nächste Erfolg wieder etwas besonderes wird.   Das Problem ist ja das: Wenn einer immer alles gewinnt, dann heißt’s ja gerne einmal: ,Die anderen sind so schlecht.’ Und das stimmt nicht: Die anderen fahren auch gut, nur der Hirscher fährt halt besser.

Sind Seriensieger denn grundsätzlich gut für den Skisport, oder besteht die Gefahr von Langeweile?

Ach, diese Frage hatten wir doch immer schon. Erst war’s der Stenmark, dann der Klammer, dann der Tomba und der Maier, jetzt ist eben der Hirscher an der Reihe. 

Was ist jetzt Ihre Meinung?

Ich behaupte: Der Sport braucht Helden. Nehmen wir früher den Michael Schumacher in der Formel 1, oder den  Roger Federer im Tennis - du brauchst solche Stars, die alles überragen. Stellen Sie Sich einmal vor, was los ist, wenn immer ein anderer gewinnt.

Der Sport wäre abwechslungsreich.

Nein, dann wird der Sport anonym.  Aber wenn der Held gewinnt, dann gibt’s eine große Gruppe an Fans, die ihn gewinnen sehen wollen. Zugleich gibt es aber auch eine Gruppe, die nur darauf wartet, dass er endlich verliert. Das macht’s spannend und interessiert die Leute.

Ist es denn nicht gut für den Skisport, wenn  wie in Kitzbühel mit Josef Ferstl ein Deutscher gewinnt?

Für den Tourismus ist das natürlich super, wenn ein Deutscher gewinnt. Weil dann wird plötzlich in ganz Deutschland über den Skisport gesprochen. Aber als Präsident des ÖSV sage schon klar: ,Wir wollen alles gewinnen.’ Das ist unser Ziel und unser Anspruch. Auch wenn manche damals zu Maiers Zeiten schon einmal gesagt haben, dass der ÖSV den Sport kaputt macht, weil wir zu viel gewinnen. Das ist aber nur der Neid.

Wo steht der Skisport international?

Ich behaupte, der Skisport lebt besser denn je. Und jeder, der ihn tot redet, der muss nur einmal im Oktober auf den Stubaier Gletscher fahren. Da braucht er dann vier Stunden von der Einfahrt Stubaital bis zum Lift. Alle, die sagen, dass der Skisport nicht funktioniert, die wünschen sich das. Aber in Wahrheit geht’s dem Skisport sehr gut. Wir hatten beim Nachtslalom in Schladming zwei Millionen im ORF, früher waren wir bei 1,5 Millionen.

Von Ihnen stammt das Zitat: ,Wir sind ein bequemes Land’. Was meinen Sie damit?

Unsere ganze Lebensart ist irgendwie bequem. In Österreich herrscht schon eher die Mentalität vor nach dem Motto: ,Naja, das wird schon gehen. Wir haben es immer schon so gehabt, warum sollen wir etwas ändern?’ Das ist unser Zugang. In Norwegen zum Beispiel ist das ganz anders.

Wie sind denn die Norweger?

Die haben keine bequeme Lebensart. Die sind viel mehr in der Natur und am Land laufen die Kinder  teilweise noch mit den Langlaufskiern in die Schule. Deswegen sind sie im Sport auch so erfolgreich. Oder Kroatien. Kein großes Land, aber die haben dort einen anderen Zugang zu Ballsportarten.

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Ist Österreich in Ihren Augen eine Sportnation?

Wir waren sicherlich einmal eine. Früher gab es starke Eiskunstläufer, starke Leichtathleten, da haben wir abgebaut. Und unsere Bequemlichkeit mag dabei auch eine Rolle spielen. Denn im Sport ist genug Geld drinnen. Daran scheitert’s sicher nicht.

Was muss sich ändern? Sie haben Sich seinerzeit beim Projekt Rio ja auch einmal im Sommersport engagiert.

Ich glaube, dass wir langsam auf einem guten Weg sind. Indem seit einiger Zeit Athleten gesucht werden, die man gezielt unterstützt. Das ist der richtige Ansatz. Natürlich muss man den Sport in der Breite fördern, aber die Spitze braucht dann eine ganz besondere Förderung.

Wie nahe geht jemandem wie Ihnen eigentlich Kritik?

Man kriegt bei so  was nie eine dicke Haut.  Aber die Frage ist ja immer, wer dich kritisiert. Wenn das kompetente Leute sind, dann nehme ich mir das zu Herzen und denke darüber nach. Kritik von irgendwem ist mir ehrlich gesagt wurscht. Und wenn’s irgendwelche Revanchefouls sind, dann sowieso.

Was treibt Peter Schröcksnadel denn auf die Palme?

Ungerechtigkeit. Das mag ich überhaupt nicht. Wenn man zum Beispiel Leute verleumdet oder sie schlecht behandelt.

Was passiert dann?

Das weckt dann richtig die Energie in mir. Wenn ich mich ungerecht  behandelt fühle, dann werde ich stark.

Haben Sie ein Beispiel?

Die Winterspiele 2006 in Turin. Eigentlich wollte ich ja danach aufhören, weil solche Spiele mit 23 Medaillen kriegst du nie mehr wieder. Und dann kommt diese Dopinggeschichte daher. Und da habe ich für mich entschieden: ,Jetzt kannst du nicht aufhören und gehen: Wer verteidigt denn die Leute und den Verband?’ Wir wären  als größte Dopingnation in der Geschichte dargestellt worden. Wenn das geblieben wäre, dann würden wir heute schlechter dastehen als die Russen. Deshalb bin ich immer noch Präsident. Das erste Mal wollte ich es in den Neunziger Jahren lassen, wie kurz hintereinander fünf Sportler von uns (Anm. Rudi Nierlich, Gernot Reinstadler, Ulli Maier, Peter Wirnsberger, Richard Kröll) gestorben sind. 

Lassen Sie uns noch über Sie sprechen. Sie werden im Sommer 78, woher nehmen Sie Ihre Energie?

Keine Ahnung. Vielleicht liegt es daran, dass der Skisport einfach mein Leben ist. Das hält jung. Mir macht die Arbeit nichts, und wenn es so wäre, dann müsste ich es eh lassen.

Ist es nicht schwierig den richtigen Zeitpunkt für den Abgang zu erwischen?

Natürlich. Ich hoffe nicht, dass ich diesen Zeitpunkt verpasse. Aber ich gebe zu, dass ich darüber  konkret nachdenke, ich bereite meinen Abschied vor. Wenn man so etwas aufbaut, dann muss es auch ordentlich übergeben werden. Die Schwierigkeit ist ja, dass der ÖSV über die Jahre zu so einem komplexen Unternehmen gewachsen ist, dass  die Übergabe sehr gut vorbereitet sein muss. Damit hinterher ja kein Chaos erzeugt wird. Es  ist nicht meine Absicht, dass ich dann sage: ,Ätsch!’

Gibt es schon einen Zeitplan?

Man muss einen guten Zeitpunkt suchen. Aber es steht fest, dass der Zeitpunkt jetzt dann einmal kommen wird. Das hätte ich vor fünf Jahren so nicht gesagt.

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