Benjamin Raich kämpfte mit den Tränen.

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Ski Alpin
09/10/2015

Benjamin Raich beendet seine Karriere

Einer der erfolgreichsten Ski-Sportler aller Zeiten tritt von der großen Ski-Bühne ab.

Mit Benjamin Raich ist am Donnerstag der an Weltcupsiegen (36) erfolgreichste aktive Skirennläufer der Gegenwart zurückgetreten. Mit dem 37-jährigen Tiroler verlässt ein Hochkaräter die Skibühne und Österreich verliert einen seiner absoluten Top-Sportler. Raich ist Doppel-Olympiasieger, dreifacher Weltmeister und Weltcup-Gesamtsieger. Sein Abschied verlief emotional.

Er habe im Sommer hart trainiert und sei fit wie eh und je, berichtete Raich, nachdem er um 14.01 Uhr im Wiener Hauptquartier des langjährigen Sponsors (Uniqa) seine Entscheidung bekannt gegeben hatte. "Ich habe aber gemerkt, dass, wenn ich an Skirennen denke, ich nicht mehr das Gefühl habe, weiterhin voll explodieren und hundert Prozent geben zu können. Wenn das nicht mehr so ist, muss man seinen Hut nehmen. Da hat mich mein Gefühl noch nie getäuscht", erklärte Raich. Er gehe aber mit positivem Blick zurück. "Skifahren hat mir viel gegeben. Skifahren war mein Leben und wird es hoffentlich immer ein bisserl bleiben."

Ein Jahr nach Marlies

Raich verkündete seinen Abschied ein Jahr und eine Woche nachdem seine nunmehrige Ehefrau Marlies ebendort ihren Rücktritt bekannt gegeben hatte. Er tat das mit dem Abarbeiten einer langen, viertelstündigen Liste an Danksagungen, bei dem selbst "die Leute im Büro" nicht vergessen wurden. Typisch für Raich. Am Ende gingen dann selbst beim sonst stets so kontrollierten Pitztaler die Emotionen durch und waren Tränen in den Augen zu sehen. "Das ist auch gut so", meinte Raich.

Benjamin und Marlies Raich werden Mitte Oktober erstmals Eltern. Gattin Marlies, selbst mit 37 Weltcupsiegen höchst erfolgreich im Skirennsport, ist hoch schwanger. "Es ist emotional, aber es ist gut so. Benni hat bisher fast sein ganzes Leben hundert Prozent im Sport gegeben. Jetzt freuen wir uns auf ein neues Leben", sagte Marlies Raich, ehemals Schild.

Neben der Ehefrau hatten auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, Sportdirektor Hans Pum, Atomic-Chef Wolfgang Maierhofer, Herrenchef Andreas Puelacher sowie Bruder und langjähriger Trainer Florian Raich, den Weg nach Wien gefunden. Dass Benjamin Raichs Rücktritt ein weiteres Riesen-Loch in die Ski-Mannschaft reißt, nachdem zuvor schon Slalom-Doppelweltmeister Mario Matt sowie bei den Damen innerhalb von zehn Monaten Schild, Nicole Hosp, Kathrin Zettel, Andrea Fischbacher, Regina Sterz und Alexandra Daum zurückgetreten sind, weiß auch Puelacher. "So schnell werden wir diese Lücke, die Benni hinterlässt, nicht füllen können."

Technik-Spezialist

Der am 28. Februar 1978 in Tirol geborene Raich galt in seiner Top-Zeit als bester Techniker im Skirennsport. Zu Hause in Leins in der Gemeinde Arzl hatte sich der Stamser Ski-Gymnasiast mit 18 Jahren und als fünffacher Junioren-Weltmeister komplett dem Skirennsport verschrieben. Mit dem damals schnellsten Schwung im Weltcup stürmte Raich so vehement in die Szene, dass man ihn alsbald nur noch den "Blitz aus Pitz" nannte. 30 Jahre lang fuhr er stets auf der gleichen Skimarke (Atomic), ein weiterer Beweis für seine Loyalität. An die 700 Renn-Kilometer hat er während seiner Karriere alleine in Torläufen absolviert.

"Gentle-Ben" geht

Heute darf man ihn wohl als "Gentle-Ben" verabschieden. Denn Raich stand vor allem für eines: Ob Sieg oder Niederlage, er blieb stets fair. Böse Worte sucht man vergebens. Dass er in der Ära des großen Hermann Maier zu oft etwas im Hintergrund stand, war und ist für Raich kein Problem. "Wer die meisten Erfolge hat, bekommt eben auch das meiste Rampenlicht."

Dass demnächst sein erstes Kind auf die Welt kommt, sei aber nicht der Grund für den Rücktritt gewesen, versicherte Raich. "Vielleicht unbewusst. Jetzt kommt eine spannende Zeit mit dem Kind, die ich sicher ein bisserl mehr genießen kann, als wenn ich weiter gefahren wäre. Es war aber nicht der Grund. Ich werde nun durchschnaufen, reflektieren, aber mich nun sicher auch mehr in laufende Unternehmungen einbringen und auch meinen Vater entlasten, mit Sponsoren arbeiten, mich weiterbilden."

Als ein Abschieds-Geschenk wurde der Familie Raich ein Zirbenholz-Kinderbett mit dem Namen "Bennis Nest" geschenkt. Dieses wird man sicherlich bald gut brauchen. Zu seinen Fähigkeiten im Windelwechseln meinte der zurückgetretene Skirennfahrer: "Ich kann schnell lernen. Wenn es so weit ist, werde ich es zusammen bringen." Ob es ein Bub oder ein Mädchen wird, wollten aber weder Benjamin noch Marlies Raich verraten.

Benjamin RAICH (37 Jahre)

Geboren am 28. Februar 1978 in Innsbruck
Wohnort: Arzl im Pitztal/Tirol
Größe/Gewicht: 1,81 m/83 kg
Familienstand: Seit April 2015 verheiratet mit Marlies Raich (ehemalige Schild)
Ski, Bindung, Schuhe: Atomic
Verein: SV Leins im Pitztal
Hobbys: Klettern, Lesen, Trial
Homepage: www.raich.at

Erster Weltcup-Start: 10. März 1996 Slalom in Hafjell/NOR (out in Lauf 1)
Erste Weltcup-Punkte: Riesentorlauf Crans Montana 1998 (10. Platz)
Erstes Podium: 6. Jänner 1999 Slalom Kranjska Gora (3.)
Erster Sieg: 7. Jänner 1999 Slalom Schladming
Letzter Sieg: 25. Februar 2012, Super-G Crans Montana
Gesamtbilanz Weltcup: 441 Starts, 36 Siege, 92 Podiums.

Größte Erfolge:
Olympia:
Gold Slalom und Riesentorlauf 2006
Bronze Slalom und Kombination 2002
Teilnahmen 2002, 2006, 2010, 2014

WM:
Gold Slalom und Kombination 2005, Teambewerb 2007
Silber Slalom 2001, Riesentorlauf 2005, Teambewerb 2005,
Superkombi 2007, Riesentorlauf 2009, Teambewerb 2011
Bronze Super-G 2005
Teilnahmen 1999, 2001, 2003, 2005, 2007, 2009, 2011, 2013

Weltcup:
Gesamtsieger 2005/06, Gesamt-Zweiter 2004/05, 2006/07, 2007/08, 2008/09, 2009/10
Gesamt-Dritter 2003/04
Slalom-Gesamtsieger 2000/01, 2004/05 und 2006/07
Riesentorlauf-Gesamtsieger 2004/05 und 2005/06
Kombinations-Gesamtsieger 2009/10
36 Siege (14 Slalom, 14 Riesentorlauf, 6 Super-Kombination,
1 Kombination, 1 Super G)
Europacup: Gesamt-Sieger 1997/98
Junioren-WM: Gold Slalom 1996, Riesentorlauf 1997, Riesentorlauf,
Slalom und Kombination 1998

Auszeichnung: Österreichs Sportler des Jahres 2006

Schröcksnadel: "Auf dich sind wir stolz"

Peter Schröcknadel (ÖSV-Präsident): "Der Benni ist einer der größten Skirennfahrer, die wir je gehabt haben. Nicht nur als Sportler, sondern auch charakterlich. Vor zwei Jahren ist es mir noch gelungen, ihn "umzudrehen". Aber Benni, du hast Recht. Du bist gesund, es ist das Größte, wenn man als Sportler gesund abtreten kann. Ich bin kein stolzer Mensch, aber auf dich sind wir stolz. 20 Jahre Spitzensport zu betreiben ist eigentlich unvorstellbar. Normalerweise macht das nur ein Fußball-Goalie. Wir sind sehr, sehr glücklich, dass wir dich gehabt haben. Du hast bei uns immer eine offene Türe, und vielleicht führt uns die Zukunft wieder zusammen. Einen Menschen wie dich im Skiverband zu haben, wäre eine sehr große Bereicherung."

Marlies Raich (ehemals Schild): "Im Grunde ist es die Entscheidung von Benni. Ich finde die Entscheidung gut. Ich hätte sie auch anders gut gefunden, aber so ist es natürlich schön."

Ob die bevorstehende Geburt ihres gemeinsamen Kindes die Entscheidung beeinflusst hätte: "Nicht vorrangig. Wahrscheinlich hat es in Bennis Bauchgefühl eine Rolle gespielt. Natürlich ist es etwas, das unser Leben sehr verändern wird und auf das wir uns beide gemeinsam jetzt sehr intensiv freuen können."

Gerald Klug (Sportminister): "Benjamin Raich hat mit zwei Olympiasiegen, drei Weltmeistertiteln und 36 Weltcupsiegen alles gewonnen, was es im alpinen Skisport zu gewinnen gibt. Seine natürliche und sympathische Art hat ihm zusätzlich die Konturen eines wahren Champions verliehen. Ich wünsche ihm auch nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn alles Gute."

Hans Pum (ÖSV-Sportdirektor): "Ich habe insgeheim gehofft, dass er doch noch eine Abschiedstournee startet. Irgendwann ist aber eben Schluss und muss man es auch verstehen und sich mitfreuen. Ich habe in den vielen Jahren wenige Athleten erlebt, die menschlich so beeindruckend waren wie er. Er war in jeder Hinsicht immer fair, dankbar, loyal und verständnisvoll. Er ist ein Vorbild in jeder Hinsicht, so wie er mit Siegen aber auch mit Rückschlägen umgegangen ist. Er hat stets Größe gezeigt, auch wenn er verloren hat. Ich hoffe intensiv, dass er im Skisport bleibt, denn er ist in jeder Hinsicht ein ganz ein Großer."

Florian Raich (Bruder und Trainer): "Es war eine schöne Zeit, wir hatten Erfolge und sind gemeinsam auch durch Tiefen gegangen. Aber wir haben uns immer ausgesprochen. Ich werde mich als Trainer dafür einsetzen, dass wir im Riesentorlauf aufholen. Wir wussten natürlich schon einige Zeit, dass er aufhört, das macht es leichter. Im Winter wird er uns aber immer wieder mal abgehen. Benni war zielstrebig, immer ehrlich zu sich selbst und sucht die Fehler nicht gleich wo anders, sondern fängt stets bei sich an. Das hat er hundertprozentig gelebt."

Andreas Puelacher (Herren-Cheftrainer): "Es ist für uns sehr schade, wenn so ein erfolgreicher Sportler und unser zweitbeste Riesentorläufer aufhört. Mit ihm verlieren wir eine Leitfigur. Aber für ihn ist das total richtig. Diese Lücke können wir derzeit sicher noch nicht füllen. Aber vielleicht tritt einer aus dem Schatten und wird auch eine Persönlichkeit. Wir haben nicht die Masse, aber doch einige Junge. Bennis Diszplin, sein Ehrgeiz, seine Herangehensweise sind so, dass ich sehr hoffe, dass er uns bei den Jungen bei deren weiteren Karriereweg hilft."

Aksel Lund Svindal (Skirennläufer/NOR) via Twitter: "Benni Raich beendet seine Karriere. Möglicherweise der fairste Sportsmann, gegen den ich je gefahren bin, ganz egal ob er gewonnen oder mit dem kleinsten Rückstand verloren hat."

Nicole Hosp (Ex-Skirennläuferin/AUT) via Facebook: "Lieber Benni, du warst immer ein Vorbild für uns Alle - nicht nur deine sportlichen Erfolge, sondern auch deine sportliche Fairness und deine nette, bodenständige Art...Ich wünsch dir, deiner Marlies und eurem Baby alles Gute."

Henrik Kristoffersen (Skirennläufer/NOR) via Facebook: "Benni es war eine Ehre. Einer der großartigsten Skirennläufer aller Zeiten."