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Olympiasiegerin Flock: "Manchmal haue ich richtig auf den Putz"

Das Leben von Janine Flock hat sich seit ihrem Olympiasieg schlagartig verändert. Sie genießt die Aufmerksamkeit und kritisiert die Sportnation Österreich.
Janine Flockphotographed by Chris Singer@chrissingerme

TV-Auftritte bei Willkommen Österreich und Stöckl, Ehrungen, Empfänge und Einladungen – Janine Flock ist gerade eine gefragte Frau. 

Vor 100 Tagen gewann die 36-jährige Tirolerin in Cortina Olympiagold im Skeleton und erfüllte sich damit einen Lebenstraum.

KURIER: Haben Sie sich schon daran gewöhnt, Olympiasiegerin zu sein?

Janine Flock: Ich weiß schon, dass es real ist, aber  irgendwie fühlt es sich für mich immer noch komisch an, zu sagen: ,Hey, du bist Olympiasiegerin!’ Ich bin stolz, dass ich das durchgezogen habe und in den letzten Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen habe.

Wie hat die Goldmedaille Ihren Alltag verändert?

Ich bin viel präsenter. Und ich merke: Wenn ich ein Thema anspreche, dann hören mir die Leute zu. Es ist schön, wenn die Wertschätzung zurückkommt.

Das wäre als Silbermedaillengewinnerin anders, oder?

Mit Sicherheit. Ich bin richtig schockiert, welchen Unterschied die Gesellschaft macht zwischen den Farben der Medaillen. Für uns Athleten zählt jede Medaille, ich wäre auch mit Bronze überglücklich gewesen. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung dreht sich alles nur um den Sieger oder die Siegerin.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich an das Olympia-Rennen denken?

Dass ich mental über mich hinausgewachsen bin. Es war der perfekte Zeitpunkt, es war vollkommen, ich war reif und bereit für den Olympiasieg. Früher wäre es eher ein Glückstreffer gewesen. Aber in Cortina hat sich alles stimmig angefühlt. Wobei es kein leichter Weg war.

Die wenigsten wissen, dass Sie einen Monat vor den Spielen in St.Moritz eine Gehirnerschütterung erlitten haben. 

Und das hätte mich früher mit Sicherheit aus der Bahn geworfen. Im Nachhinein war es sicher auch riskant, was ich gemacht habe.

Weil Sie trotz Gehirnerschütterung beim Weltcupfinale in Altenberg an den Start gegangen sind. 

Es ist um die Startnummer für Olympia gegangen. Wenn ich St.Moritz und Altenberg verpasst hätte, wäre ich aus den Top 6 gefallen. Wären keine Winterspiele gewesen, dann hätte ich das vermutlich so nicht gemacht.

Janine Flock genießt das Leben als Olympiasiegerin

Janine Flock genießt das Leben als Olympiasiegerin

Wie beeinträchtigt waren Sie wirklich? 

Ich bin heuer schon in Igls mit dem Schädel links schwer gegen die Bande gekracht. In St.Moritz ist mir das noch einmal passiert. Mein Sichtfeld war eingeschränkt, ich war brutal lichtempfindlich. Mir war ständig schlecht, sobald ich aufgestanden bin, ist mir schwindlig geworden. Ich hatte Kreislaufprobleme und Panikattacken, man hat festgestellt, dass ich einen brutalen Eisenmangel habe. Da ist vieles zusammengekommen. Ich bin vor Olympia einen Monat lang nicht am Schlitten gelegen. Und seit Olympia auch nicht mehr.

Was haben Sie in den 100 Tagen gemacht?

Ich habe im Hier und Jetzt gelebt, ohne große Pläne und genieße es. Wobei ich schon merke, dass ich jetzt langsam ein bisschen ausgebrannt bin. Gar nicht körperlich, sondern eher geistig.

Fehlt Ihnen das Training?

Nicht wirklich. Ich hätte im Moment nicht einmal die Zeit, ein gescheites Training zu machen. Aber das ist okay so, ich halte meinen Körper auf einem Level, dass ich jederzeit fähig bin, wieder ins Training einzusteigen.

Olympiasiegerin Flock

Janine Flock mit ihrer Goldmedaille

Nehmen Sie in so einer Phase eigentlich zu?

Im Gegenteil. Ich habe abgenommen. Ich bin mit 70 Kilo in die Saison gegangen, bei den Spielen war ich dann bei 68, jetzt bin ich auf 63, 64 Kilo. Dabei haue ich manchmal richtig auf den Putz.

Wie sieht das dann aus?

Ich ernähre mich nicht so gesund wie sonst und esse viele Süßigkeiten. Eine Freundin von mir hat daheim so ein Spaßglas, das voll mit Süßem ist für die Kinder. Es kann dann schon vorkommen, dass ich das leer esse.

Sie haben es hoffentlich wieder aufgefüllt.

Im Supermarkt gab es eine Aktion 2+1 gratis, aber ich habe es nicht geschafft, dass ich es der Freundin vorbeibringe und das Spaßglas auffülle. Das ist alles in meinem Magen gelandet. Ohne schlechtes Gewissen.

Während diesem Gespräch ziehen Sie die Blicke auf sich, manche Menschen sprechen Sie direkt an. Wie geht es Ihnen damit? 

Ich hätte nicht gedacht, wie oft das passiert. Viele erzählen mir ihre Wohnzimmergeschichten. Und manchmal bin ich echt erstaunt, was sie alles von mir wissen. Viele erinnern sich noch an die Spiele 2018, als ich im letzten Lauf vom ersten Platz auf den vierten Rang zurückgefallen bin. Da merkt man erst, wie sehr man Menschen emotional berühren kann.

Sie finden als Olympiasiegerin auch Gehör. Welche Botschaften sind Ihnen wichtig?

Mich beschäftigt vor allem das Thema Frauen und Mädchen im Leistungssport. Ich war selbst jung und weiß, dass es in diesem Alter Themen gibt, die man nicht so einfach anspricht. Und wenn man dann einen männlichen Trainer hat, dann tut man sich noch einmal schwerer. Oder wenn er nicht sensibilisiert ist auf gewisse Themen. Ein anderes Thema, das mich beschäftigt, ist das Sportsystem in Österreich.

Was bemängeln Sie?

Es ist schwierig, wenn es so viele verschiedene Ebenen und Strukturen gibt, die alle verwaltet werden müssen. Beim Athleten, der ganz am Ende der Kette ist, kommt dann nicht wirklich was an. Wir sind es aber, die dann Leistung bringen sollen. Es stellt sich sowieso die Frage, welchen Stellenwert der Sport in Österreich hat.

Seit ihrem Olympiasieg ist Janine Flock nicht mehr auf dem Schlitten gelegen

Seit ihrem Olympiasieg ist Janine Flock nicht mehr auf dem Schlitten gelegen

Darf sich Österreich eine Sportnation nennen?

Absolut nicht. Und aktuell schon überhaupt nicht. In Österreich wird schon wieder das Sportbudget gekürzt. Da stehst du mit einer Goldmedaille da und das erste, was du zu hören kriegst, ist: Minus 30 Prozent. Danke für die Glückwünsche, aber davon habe ich nichts.

Sie sprechen Probleme klar an. Sehen Sie sich als Vorbild und Vorreiterin?

Ich finde es schön, wenn ich Menschen erreichen und inspirieren kann. Und mir ist auch wichtig, dass ich Verantwortung übernehme und versuche, junge Menschen abzuholen. In dieser Hinsicht ist auch Julia Scheib ein extrem großes Vorbild für Mädchen.

Worauf sind Sie stolz?

Darauf, dass ich eine reife Athletin bin, die ihren Weg gefunden hat. Ich weiß, wer ich bin - mit oder ohne Goldmedaille. Ich wäre der gleiche Mensch ohne diesen Olympiasieg. Mit diesem Gedanken habe ich mich ja natürlich auch auseinandergesetzt. Die Antwort war klar: Dass ich gleich stolz auf meine Karriere wäre.

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