Rundblick: Die Rennstrecke an der Schwarzmeerküste führt vorbei an Medal Plaza und Olympiastadion mitten durch den Olympiapark.

© APA/EPA/SRDJAN SUKI

Sotschi
10/12/2014

Putins Palast: Was von Olympia blieb

Die Formel 1 profitiert von den Strukturen der Winterspiele. Die olympischen Sportstätten haben hingegen keine Zukunft.

Infrastruktur. Immer wieder fällt das Wort "Infrastruktur". Auf kaum einer anderen Formel-1-Rennstrecke der Welt sei die Infrastruktur so perfekt wie rund um das Sotschi Autodrom.

Das Konzept der Veranstalter geht auf. Sie pflanzten eine Rennstrecke mitten in den Olympiapark von Sotschi und bauen so auf die enormen Ressourcen der Winterspiele. Und Präsident Wladimir Putin verwirklichte mit der Grand-Prix-Premiere in Russland sein nächstes Prestigeobjekt. Die 260 Millionen Euro teure sportliche Bühne wird er am Sonntag besteigen.

"Wir wissen alle, weshalb wir hier ein Rennen haben", sagt Ex-Formel-1-Fahrer Karl Wendlinger. "Ecclestone bekommt sein Geld und Putin seine Propaganda. Andererseits kenne ich keine andere Strecke, auf der die Wege so kurz sind. Nirgendwo sonst kann ich vom Hotel direkt ins Fahrerlager gehen."

Viel Geld

Tatsächlich stehen unmittelbar an der Strecke Hotelanlagen mit mehr als 9000 Betten. Alle sollen an diesem Wochenende belegt sein. 55.000 Zuschauer werden am Rennsonntag erwartet, 5000 davon aus dem Ausland. Ausverkauft. Und die Fans bringen Geld, viel Geld. 20.000 flanierten bereits am Donnerstag über das weitläufige Areal des Olympiaparks, viele drängten sich vor den Merchandising-Ständen und blätterten für ein Team-Shirt mehr als 100 Euro (!) hin.

Rockstar Lenny Kravitz gab ein Gratiskonzert vor dem Olympiastadion, das 2018 ein Schauplatz der Fußball-Weltmeisterschaft sein wird. Eine Eishalle wurde zum Tenniszentrum umgebaut. Was mit den anderen Bauten passiert, ist unklar. Ob sie jemals wieder gebraucht werden, ebenso.

Als Sotschi 2007 den Zuschlag für die Winterspiele erhielt, brach ein Bauboom aus, 37 Milliarden Euro wurden investiert. Die Stadt verwandelte sich in eine einzige Baustelle, der Flughafen wurde fertiggestellt, ebenso die Bahnlinie nach Krasnaja Poljana. In 50 Minuten erreicht man nun vom Olympiapark mit modernen Nahverkehrszügen von Siemens das einstige Gebirgsdorf.

Hier ließ Putin das modernste Skigebiet Russlands bauen – samt einer neuen Stadt. Was dem Präsidenten womöglich gefällt, ist in den Augen des Mitteleuropäers eine künstliche Welt. Doch es täuscht der Eindruck, dass es sich bei den Fassaden der Hotels nur um Kulissen für einen Low-Budget-Film handelt. Angeblich, so hört man von der Sprecherin einer Hotelkette, seien die Quartiere für den bevorstehenden Winter bereits gut gebucht. Auch im Sommer lag die Auslastung bei 50 Prozent.

Zumindest am Formel-1-Wochenende spazieren Menschen am Fluss entlang, russische Touristen trinken im "Alpe Pub O’Hara" ihr irisches Bier. Die "Ginja Noodle Bar – since 2013" hat hingegen geschlossen. Für immer?

Trübe Aussichten

Ob die Hotels und Gaststätten Zukunft haben, wird der Winter zeigen, die olympischen Sportanlagen haben keine. Sie werden in Vergessenheit geraten und vor sich hin vegetieren als hochmoderne, sündteure, seelenlose Einweg-Sportstätten.

Noch im Februar waren Sotschi und sein beeindruckendes Hinterland rund um Krasnaja Poljana der Nabel der Sportwelt. Noch im Februar schwärmten die Biathleten, Abfahrer, Freeski-Artisten und Eishockey-Cracks von den einzigartigen olympischen Sportanlagen.

Doch kaum war das olympische Feuer erloschen, da konnten und wollten sich die Sportler, Funktionäre und vor allem auch die russischen Olympia-Verantwortlichen nicht mehr für weitere Wettkämpfe in Sotschi erwärmen. Schon im Jahr eins nach den Winterspielen bleiben die meisten Sportstätten verwaist. Lediglich das Sliding Center Sanki wird von den Athleten noch beehrt: Die Kunstbahnrodler ermitteln im Februar 2015 auf der Olympiabahn ihre Europameister, die Bobfahrer beenden dort ihre Weltcupsaison.

Aber sonst? Nichts. Skifahrer, Biathleten, Skispringer, Snowboarder, Langläufer, Freestyler, Eisschnellläufer, sie alle machen mit dem Weltcup einen weiten Bogen um die Olympiastadt. Und das liegt keineswegs daran, dass die Weltcup-Planer Russland wegen des Ukraine-Konflikts etwa boykottieren würden. Sotschi sei, und darin waren sich etliche Wintersport-Experten schon vor den Winterspielen einig, schlicht nicht als dauerhafter Weltcupstandort geeignet.

Als Argument wird gerne auf die geografische Lage von Sotschi verwiesen: Die Region an der Schwarzmeerküste gehört zu den Ausläufern der Subtropen, Sotschi befindet sich auf dem selben Breitengrad wie Nizza. Die Wetterlage ist ein Hindernis. Hinzu kommt, dass der Weltcup-Kalender gefüllt ist mit Klassikern und Sotschi auch deshalb in Zukunft kaum berücksichtigt werden wird.

Da nützen selbst die besten Sportstätten nichts – wie am Beispiel Biathlon: Alle Athleten waren regelrecht verschossen in "Laura", die attraktive Loipenanlage mit ihrem modernen Stadionareal, den steilen Tribünen und der beeindruckenden Aussicht. Für weitere Wettkämpfe reicht es aber dann doch nicht, da Russland mit dem sibirischen Chanti-Mansijsk bereits einen traditionellen Biathlon-Weltcuport stellt.

Noch weniger Zukunft haben die olympischen Sprungschanzen. Denn die Gegend rund um Esto-Sadok, wo die Anlage aus dem Berg gesprengt wurde, ist ein schlechter Boden für Schanzen. Der Hang hat sich in den letzten Jahren um Dutzende Zentimeter verschoben, das Areal wurde mittlerweile umzäunt. Betreten verboten! Gian-Franco Kasper, wortgewaltiger Präsident des Internationalen Ski-Verbandes, unkt bereits: "Ich sage immer scherzhaft: Die Schanzen werden in zehn Jahren nicht mehr oben am Berg stehen, sondern unten am Meer."

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