Der Olympia-Zweite Gstrein: Ötzi lässt das Eis schmelzen
Fabio Gstrein wird es hoffentlich verzeihen, dass viele Reporter in der Pause des Herren-Slaloms in den Statistiken herumgewühlt hatten. Es war ja auch ziemlich auffällig, wie oft der Ötztaler in diesem Winter schon im zweiten Lauf eine gute Ausgangsposition verspielt hatte.
Von 7 auf 10 (Levi), von 6 auf 15 (Val d’Isère) oder von 4 auf 13 (Alta Badia). Und irgendwie hätte es zu diesen vermurksten Spielen des österreichischen Herrenteams gepasst, wenn Fabio Gstrein als Halbzeitdritter die allseits ersehnte Medaille noch aus der Hand gegeben hätte.
Stiller Genießer
Aber im allerletzten Rennen gelang es den ÖSV-Läufern dann doch noch, den Unlauf bei diesen Spielen zu stoppen, und der „Ötzi“, wie Fabio Gstrein von allen genannt wird, strafte alle Skeptiker Lügen.
Der 28-Jährige fiel im zweiten Lauf nämlich nicht zurück, er machte sogar noch einen Sprung nach vorne und fuhr mit der Silbermedaille den größten Erfolg der Karriere ein. „Das ist eine große Genugtuung. Ich habe eine richtige Gaudi damit.“
Der eher verhaltene Jubel passt irgendwie zu Fabio Gstrein. Bei seinem Teamkollegen Manuel Feller wäre die Medaillenfeier mit Sicherheit exzessiver ausgefallen – sein Fanklub ließ sich auch nach Fellers Aus im ersten Lauf nicht vom Feiern abhalten –, aber Fabio Gstrein ist eher der Typ stiller Genießer, der nicht ins Rampenlicht drängt.
Frustrierter Mitläufer
Auch sportlich hatte der Slalomspezialist aus Sölden in diesem Winter lange Zeit ein Schattendasein geführt. Fabio Gstrein war als österreichische Nummer 1 in die Saison gestartet, fand sich dann aber meistens nur in der Rolle des Mitläufers und Platzfahrers wieder. Als sich Gstrein beim Klassiker in Adelboden nicht einmal mehr für den zweiten Lauf qualifizieren konnte, schien sogar der Olympia-Startplatz in Gefahr. „Die Saison war brutal, ich bin nur mehr in der Gegend herumgefahren“, erinnert sich Gstrein an diese Frustmomente, in denen ihm Ehefrau Lisa nicht nur einmal ins Gewissen redete. „Sie klopft mir auf die Finger und sagt, dass ich nicht nur hinten herumkrebsen soll.“
Frecher Edeltechniker
Die Trendwende zum Guten erfolgte in Kitzbühel. Mit der Bestzeit im zweiten Lauf empfahl sich Gstrein nicht nur für das Olympiaaufgebot, plötzlich war auch die Handbremse gelöst, die ihn zuvor so blockiert hatte. Spätestens mit dem fünften Platz in Schladming kam die Gewissheit zurück, „dass ich wieder vorne mitfahren kann.“
Im ersten Slalom-Durchgang auf der Stelvio brauchte es die Anzeigetafel, um überhaupt erst zu bemerken, dass er sich auf Medaillenkurs befindet. „Ich bin richtig erschrocken, dass ich Dritter war“, erzählt Gstrein, „die Fahrt hat sich nämlich überhaupt nicht gut angefühlt.“
Der zweite Lauf war dann ein echtes Meisterstück in Sachen Skitechnik und Nervenstärke. Die Gstrein’sche Methode mag für einen Laien zwar nicht ganz nachvollziehbar sein – „frech zum Tor hinfahren und der Ski wird schon ums Tor herumgehen“ – der Ötztaler legte jedenfalls die Laufbestzeit hin, die mit Silber belohnt wurde.
Die zweite Medaille kann die Probleme im ÖSV-Herrenteam zwar nicht überstrahlen, sie sorgt aber zumindest für ein wenig Ruhe. „Es ist nicht fein, wenn die Trainer eine auf den Deckel kriegen und ungut geschrieben wird“, sagt Fabio Gstrein. „Diese Medaille ist zugleich aber auch der Beweis, dass wir vieles richtig machen.“
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