Die Angst vor dem Versagen: Wie Olympiastars ihre Gedanken lenken

Wie Spitzenathleten durch mentales Training am Tag X die Ruhe bewahren, um ihre Leistungen abzurufen. Es helfen Experten, Tricks und Vorbereitung. Aber nicht immer.
Absturz bei Olympia: Eisläufer Malinin

Druck, Angst, Furcht vor dem Versagen. Keine Medaille ist leicht zu gewinnen. Und am schwersten jene, die jeder erwartet.

Davon kann Julia Scheib nach ihrem fünften Platz im Olympia-Riesentorlauf von Cortina wohl ebenso ein Lied singen wie der US-Eiskunstläufer Ilia Malinin.

Milano Cortina 2026 Winter Olympic Games - Figure Skating

Ängste vor einer Passage, vor einer Schanze, vor dem Scheitern oder vor einer Verletzung spielen in den Karrieren von Spitzensportlern immer wieder eine Rolle.

Viele Athleten und Athletinnen arbeiten mit Mentaltrainern zusammen, um diese Emotionen in die richtige Bahnen zu lenken. Mikaela Shiffrin etwa hat vor allem vor ihrem Lauf zu Slalom-Gold mit ihrer Mentaltrainerin gearbeitet.

Milano Cortina 2026 Winter Olympic Games - Alpine Skiing

Das Wichtige ist, diese Emotion richtig einzuordnen, sagt ÖOC-Mentaltrainer Patrick Bernatzky.

Der Athlet kann die Angst nicht verhindern. Sie ist ein Aktivierungszustand – er kann sie für sich nutzen. „Man gibt der Angst eine hilfreiche Bedeutung“, sagt der Mentalcoach, der bei diesen Winterspielen in Predazzo stationiert ist.

Angst als Antrieb

Spitzenathleten haben nicht weniger Angst als andere Menschen, sie schaffen es aber, Angst als Antrieb zu interpretieren und in Leistungsenergie zu übersetzen.“

In einer Angstsituation werden neurochemische Prozesse im Körper in Gang gesetzt, die den Körper wachsam machen, den Blick schärfen. In jahrelangem mentalem Training üben sie, diese Energie zu nutzen, um ihre Aufmerksamkeit zu bündeln.

„In dem Moment des Starts überwiegt der Fokus und nicht das Kribbeln“, sagt ÖSV-Abfahrer Stefan Babinsky zum KURIER.

SKI ALPINE-OLY-2026-MILANO CORTINA

Angst ist ein großer Teil unseres Sports. Jeden Tag über die Angst hinwegzukommen, ist ein wichtiger Part, das macht unseren Sport aber auch so lohnend“, sagt ÖSV-Buckelpistenfahrerin Avital Carroll.

Versagensangst

„Es gibt die Angst, wenn du einen Trick zum ersten Mal auf Schnee machst“, erklärt Snowboarder Clemens Millauer. „Und dann gibt es die Angst, einen Trick, den du kannst, nicht zu landen, wenn es darauf ankommt.“

Versagensangst – insbesondere bei Großereignissen – ist für viele Athleten Realität. Man dürfe sich nicht davor fürchten, dass Gedanken aufkommen wie: „Was, wenn ich heute keine Medaille mache?“ Vielmehr kann man sich im Vorhinein mentale Notfallpläne überlegen, für den Fall, dass gewisse Dinge passieren oder gewisse Gedanken aufkommen, erklärt Bernatzky.

Skeleton-Olympiasiegerin Janine Flock hat das in ihrem Goldlauf selbst erlebt. Erinnerungen an den Absturz von 2018 von Rang 1 auf 4 im entscheidenden Lauf kamen hoch, als sie in Cortina ins Finale startete.

„Es ist ok, wenn die Gedanken kommen. Ich war schon drauf eingestellt“, sagt Flock. Sie habe die Energie aus dieser Nervosität aufgenommen und für sich genutzt, obwohl die beiden Deutschen, die vor ihr starteten, noch den Angriff auf Gold starteten. „Wenn vor mir jemand einen geilen Lauf runterlegt, ist das gut! Denn dann weiß ich, die Bahn ist gut, ich kann noch einen drauflegen.“

OLYMPIA 2026: SKELETON / MIXED TEAM / FLOCK, MAIER (AUT)

(Selbst-)Gespräche

Wenn im entscheidenden Moment der Bammel kommt, helfen etwa stabilisierende Selbstgespräche, die man sich schon in der Vorbereitung aneignet. Auch Psychologen können in diesem Moment Akuthilfe bringen, oft helfe es schon, die Gedanken auszusprechen.

Generell helfen Routinen, um mit herausfordernden Rennen bei Großereignissen umzugehen, weil sie die Sorge vor Kontrollverlust minimieren, sagt Bernatzky: „Musik, Aufwärmroutinen, gewohnte Abläufe, Atemtechniken geben Sicherheit.“

Auch wenn das bei Olympia oft eine Herausforderung ist. Das sagte auch Mikaela Shiffrin vor ihren Rennen. „Die Wege sind länger, optisch sieht es anders aus aufgrund der Dekoration, und die Aufmerksamkeit ist viel größer.“

Die Athleten trainieren, den Fokus zu verschieben. Weg von den Erwartungsgedanken, hin zum bekannten Ablauf, zum nächsten Schritt. Vom ergebnisorientierten zum erlebnisorientierten Denken.

Damit auch Winterspiele ohne gewonnene Medaille oder erreichte Ziele in ihrer Karriere später einen Sinn ergeben.

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