Frostbewältigung

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Die Sportler leiden unter den tiefen Temperaturen. Wie Skifahrer, Langläufer und Fußballer der Kälte trotzen.

Die einen kleben sich bunte Folie übers Gesicht, andere schmieren sich zentimeterdick Fett-Cremen auf die Wangen, manche nehmen gar Anleitung bei Bankräubern und vertrauen auf die Wollhaube mit den engen Sehschlitzen – Willkommen beim Maskenball namens Weltcup.

Je tiefer die Temperaturen, desto größer der Einfallsreichtum der Sportler. In Garmisch zeigen die Ski-Damen so wenig Haut wie noch nie in diesem Winter, wenn sie am Donnerstag das erste Training für die Speed-Bewerbe am Wochenende absolvieren. In Chamonix, wo sich die Herren mit einem einzigen Training für das Abfahrts-Doppel begnügen, zittern nicht nur die Läufer, sondern auch der Veranstalter – aufgrund der gewaltigen Neuschneemengen.

Asthma-Spray

Vermummte Skifahrerinnen.
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Der Frost werde auf keinen Fall ein Absagegrund sein, weiß ÖSV-Sportdirektor Hans Pum und erinnert sich: In Lake Louise sei man seinerzeit sogar bei minus 27 Grad gefahren. Das war noch zu den aktiven Zeiten von Hermann Maier, der wie etliche gegenwärtige Top-Athleten (u. a. Romed Baumann) an kälteinduziertem Asthma litt, das auch behandelt werden muss. Mit 2012 hat die WADA (Welt-Anti-Dopingagentur) die meisten Anti-Asthma-Sprays freigegeben. "Ein guter Schritt, weil dadurch gesundheitliche Spätfolgen verhindert werden", erklärt ÖSV-Arzt Peter Baumgartl.

Im Langlauf- und Biathlonlager gibt es mittlerweile kaum einen Athleten mehr, der nicht zum Spray greift. Den Ausdauersportlern machen die tiefen Temperaturen besonders zu schaffen. "Man muss sich besonders gut aufwärmen, sehr viel trinken und ja immer in Bewegung bleiben", so der Rat von Peter Baumgartl.

Feuer-Schutz

Lars Berger mag keine Handschuhe.
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In Rybinsk (Rus), wo die nächsten Weltcuprennen stattfinden, wurden zuletzt minus 29 Grad gemessen. Offiziell müssen Bewerbe abgesagt werden, wenn die Temperatur unter 20 Grad minus fällt. Doch damit nimmt man es nicht so genau. ÖSV-Direktor Markus Gandler kann sich an kein Rennen erinnern, das abgesagt wurde. Notfalls wird beim Messen nachgeholfen. "Dann geht man an die wärmste Stelle messen oder macht ein Feuer", schmunzelt Gandler.

Doch immer wieder fordert die Kälte ihre Opfer. Der slowenische Biathlet Jakov Fak leidet heute noch unter den Erfrierungen an den Fingern, die er sich im Vorjahr zugezogen hatte. Umso bewundernswerter und naiver erscheint da der norwegische Biathlet Lars Berger, der sich beharrlich weigert, Handschuhe zu tragen.

Atem-Not

Kältewelle in der Ukraine: Das Schwarze Meer bei Jewpatorija.
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Auch Rodel-Olympiasieger Wolfgang Linger verzichtet auf Spezialschutz und die lange Unterhose. Bei den Rodlern tagt die Jury, wenn die Temperaturen die Minus-25-Grad-Grenze unterschreiten. "Dann wird’s gefährlich, weil der Atem im Visier anfriert und du nichts mehr siehst", erklärt Bruder Andreas Linger.

Anders als im Langlauf (ab 20 Grad) und im Biathlon (Absage ab minus 15 Grad möglich, wenn zusätzlich starker, kalter Wind herrscht) wurden im alpinen Rennlauf und im Profi-Fußball Kälteschutzbestimmungen gar nicht erst eingeführt bzw. aufgelassen. Aber diesbezügliche Diskussionen könnten wieder laut werden, wenn Salzburg in 3 Wochen zum Europa-League-Spiel in Charkow (Anpfiff 22 Uhr) antritt. Am Donnerstag werden in der ukrainischen EM-Stadt zur Anpfiffzeit (22 Uhr Ortszeit) 25 Grad minus erwartet, in Donezk haben Schulen und Kindergärten wegen der Kälte geschlossen.

Schicht-Betrieb

Ungleich mehr Sorgen als um Red-Bull-Profis machen sich Eltern um ihre kickenden Kinder, zumal viele Klubs schon während der Energieferien den Trainingsbetrieb im Freien starten. Arzt Michael Enenkel, im Fußballbund für die medizinische Betreuung des Nachwuchs zuständig, beruhigt. "Bis minus fünf, sechs Grad schadet einem gesunden Sportler ein Training im Freien überhaupt nicht." Der ÖFB-Doktor empfiehlt freilich "schichtweise ausziehbare Kleidung". Zudem sei im verschwitzten Zustand vor Dehnungsübungen im Freien dringend abzuraten. Eine Warnung, die so manchem Trainerfeldwebel der alten Schule gilt.

Und trotzdem – die Eiseskälte kann auch einen kleinen Vorteil haben. Glaubt jedenfalls der österreichische Langlauf-Direktor Markus Gandler. "Man wird weniger schnell krank." Der Grund: "Diese Kälte tötet nämlich alle Bakterien ab."

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Erstellt am 01.02.2012