Sport | Wintersport
09.02.2017

Eine Rutschpartie mit den Skistars

Ideallinie: Vor den Geländeübergängen fädeln sich die Fahrer wie an einer Schnur auf. © Bild: KURIER/Florian Plavec

Der KURIER nahm Seite an Seite mit den Skistars an der Hangbefahrung teil.

Die Schleife mit der Aufschrift "Inspection Access Media" ist die Eintrittskarte zum Allerheiligsten dieser WM. Zur Super-G-Piste.

Der Sessellift fährt bereits seit 6.30 Uhr. Um 7.00 hat die Jury die Piste besichtigt und das Programm für den heutigen Renntag bestätigt. Fünf Minuten vor neun fängt es an zu wurln, es wird eng beim ersten blauen Tor unter dem Starthaus. Eine Voluntari, wie die Freiwilligen im Oberengadin heißen, verteilt heißen Tee aus einem großen Kanister, den sie auf dem Rücken transportiert. Exakt um neun kommt das Kommando: Strecke frei.

Ski alpin, WM 2017, Streckenbesichtigung Super-G Herren, Ferdinand Hirscher, Marcel Hirscher © Bild: KURIER/Florian Plavec
Ein paar Fahrer machen Probestarts, Lokalmatador Beat Feuz stößt sich aus dem Starthaus – und schwingt sofort wieder ab. Denn hier wird besichtigt, nicht gefahren. Und überhaupt: Der Begriff " Hangbefahrung" ist irreführend. Eigentlich müsste es "Hangberutschung" heißen, oder "Hangbestehung".

44 Richtungstore wurden in das kompakte Gemisch aus Schnee und Eis gerammt, jedes einzelne muss eingeprägt werden. Ganz besonders jene, die hinter Geländeübergängen nicht zu sehen sind. An diesen Kanten sammeln sich die Gruppen von Fahrern und Betreuern. Wie an einer Kette aufgefädelt rutschen sie in gebückter Haltung auf der vermeintlichen Ideallinie in Richtung Kante. Dort stehen die Trainer. Einen Ski haben sie am Bein, den anderen in der Hand. Sie verwenden ihn als Wegweiser, der ihren Fahrern die Richtung vorgibt.

Großer Zusammenhalt

Wer keine Betreuer hat, versucht, von den anderen zu profitieren. Der Ungar Marton Kekesi ist mit dem chilenischen Team unterwegs, und der bolivianische Pitztaler Simon Breitfuss Kammerlander (er sollte schließlich mit 7,89 Sekunden Rückstand Rang 46 belegen) rutscht mit seinen uralten Atomic-Skiern Markenkollege Marcel Hirscher nach.

Der Salzburger braucht besonders viel Zeit für die Besichtigung. Gerade im Super-G. Hier gibt es keinen Trainingslauf, hier fehlt ihm die Routine. Er diskutiert mit seinem Vater und Trainer Ferdinand, dann rutscht er zehn Meter, geht in die Hocke, schaut, geht zurück, schaut wieder, steigt 50 Höhenmeter den Hang seitlich hinauf, schaut, rutscht wieder hinunter, schaut und diskutiert mit dem Vater. Aus seiner Stimme ist der Respekt herauszuhören: "Der geht weit, der Sprung. Oder? Weiter als in der Abfahrt."

Ski alpin, WM 2017, Streckenbesichtigung Super-G Herren © Bild: KURIER/Florian Plavec
Vorne an der nächsten Kante steht der Italiener Mattia Casse mit seinem Trainer. Das Wort "sinistra" ("links") ist zu verstehen. Hier, weit oberhalb der Baumgrenze, gibt es kaum noch Orientierungspunkte. Der Trainer zeigt auf eine Baumgruppe am fünf Kilometer entfernten Gegenhang. Diese soll Casse im Rennen anvisieren, die Richtung sollte passen.

Die Ideallinie auf den vier großen Sprüngen ist mit bunten Zäunen gesperrt, damit die Kante nicht abgerutscht wird. Die fünf österreichischen Starter scheinen perfekt versorgt zu sein. ÖSV-Sportdirektor Hans Pum steht im Mittelteil der Strecke und spricht von "einem schönen Lauf. Allerdings macht die Orientierung Probleme." Deutlich erkennbar ist, wie sehr die blauen Linien an diesem bewölkten Tag helfen, die Konturen der Piste sichtbar zu machen.

Großes Team

An jedem wichtigen Übergang steht ein Trainer des ÖSV, der den betreffenden Streckenteil schon genau analysiert hat. Sobald ein Fahrer zu ihm kommt, beginnt die Diskussion. Max Franz erreicht gerade mächtigsten Sprung des Laufs und bekommt den Rat: "Nit umadum scheiß’n. Du muaßt eam voll außatret’n von oben. Zack, zack bis zum Sprung. Volle Attacke."

Tatsächlich riskiert Franz zwei Stunden später alles. Zu viel: Bei seiner Fahrt kann er einen Sturz nur knapp verhindern.