Sport | Wintersport
05.12.2011

Der Aufstand der alpinen Athleten

"Mit uns hat keiner geredet", empören sich die Athleten über FIS-Änderungen, die nach Aktionismus riechen.

Hin, her, vor, zurück - der Internationale Skiverband fährt im Slalom in die Alpin-Zukunft.

Allerdings in einem eigenwilligen, und das sorgt für einen Aufschrei der Athleten. Fast 200 haben inzwischen eine Petition an die FIS unterschrieben; sie sind vor allem mit dem neuen Reglement in Sachen Riesentorlauf ganz und gar nicht glücklich.

Die Trainingslager auf der Südhalbkugel nutzten einige, um mit dem ab 2012/'13 vorgeschrieben Material Bekanntschaft zu machen - Freundschaften haben sich keine entwickelt. "Ein Rückschritt in die frühen Neunzigerjahre", sagt Athletensprecher Kilian Albrecht zu den Herren-RTL-Skiern mit 40-Meter-Radius, deren Einführung im Juli beschlossen wurde. Zum Vergleich: Derzeit liegt das Limit bei 27 Metern.

"Mit uns hat keiner geredet", sagt der 38-jährige Vorarlberger, "es gab nur eine Sitzung der FIS mit Firmenvertretern in Salzburg." Dort wurden die neuen Spezifikationen besprochen, die anhand einer Studie der Universität Salzburg zustandegekommen sind. "Aber die Studie kennt keiner, es hat immer nur geheißen, es gebe ein paar interessante Aspekte." Entschieden wurde trotzdem. Und vergangene Woche zurückgerudert - 35 statt 40 Meter sollen es nun sein, 42 der besten 50 Riesenslalom-Herren sind dagegen.

Viele Möglichkeiten

Andere Aspekte des komplexen Skisports würden ignoriert, sagt Albrecht. "Kurssetzung, Präparation, da gäbe es viele Möglichkeiten. Oder dickere Anzüge, das brächte eine Temporeduzierung um drei Stundenkilometer. Oder das verpflichtende Tragen schnittfester Unterwäsche."

Dabei wollen die Athleten keineswegs als Blockierer verstanden werden, etwa, was schmalere Skier angeht. "Die Reduktion der Standhöhe aber ist ein Problem für Leute mit großen Füßen, sie können dann schneller auf den Schuhen wegrutschen, das ist nicht fair."

Und noch eines spricht Albrecht, der nach Ende seiner aktiven Karriere künftig als Sportmanager arbeitet, an: "Den Skifirmen geht's finanziell sowieso nicht gut. Wenn sie jetzt noch Millionen in neues Material investieren müssen, wird weniger für schwächere Athleten übrigbleiben. Vom Nachwuchs red' ich da noch gar nicht."

Ein Politikum

Head-Rennsportleiter Rainer Salzgeber versteht die Anliegen der Sportler: "Wenn ich alle anderen Parameter belasse und diskutiere, ob 40 oder 35 Meter Radius - da stell' ich mir schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Das Ganze ist ein Politikum geworden. Dass die Sportler keine Freude damit haben, ist klar: Mit ihnen hat ja keiner geredet, viele haben nur durch ihre Ausrüster erfahren, was da geplant ist. Oder überhaupt erst durch die Medien."

Durch die Reduktion des Radius' auf 35 Meter seien die finanziellen Folgen für die Skihersteller etwas reduziert worden. "Damit können wir leben, 40 Meter wären dramatisch gewesen" - zu viel hätte neu entwickelt und getestet und weiterentwickelt werden müssen.

Doch auch so werden es allein bei Head zur Saison 2013/'14, wenn sich die Spezifikationen erneut (dann aber nur noch geringfügig) ändern, an die 2000 Paar Speed-Ski sein, die nicht mehr verwendet werden können. Für den Riesenslalom werden pro Jahr rund 1000 Paar Rennskier hergestellt, "wir werden dann rund 500 Stück mehr bauen müssen."

High Speed

Die Studie an sich steht freilich außer Diskussion. "Allerdings", sagt Rainer Salzgeber, "hat's geheißen, es würde 18 Monate dauern, bis alles ausgewertet ist. Die letzten Tests waren Anfang April - und im Juli kamen schon die neuen Regeln..."

Das klingt nach Aktionismus, zumal Salzgeber darauf hinweist, dass in den letzten Jahren schwere Verletzungen im Riesenslalom die Ausnahme waren - und die Unfallursachen nicht im Materialbereich lagen. "Es waren bei den Herren genau drei: Thomas Fanara hat an einem Tor angehängt, Marcel Hirscher ist in ein Loch in der Piste gefahren und Benjamin Raich hat sich ohne Fremdeinwirkung in diesem komischen Teambewerb bei der WM in Garmisch verletzt." Den Pitztaler lasse er aber "so nicht gelten", sagt Salzgeber, "das war eine Mischung aus Slalom und Riesenslalom mit unterschiedlichen Spuren von Damen und Herren, manche sind Slalom-, manche Riesenslalomski gefahren."

Was tun also?

"Irgendwann muss jeder Beteiligte zur Einsicht kommen, dass man etwa bei der Präparation viel mehr machen kann", sagt Salzgeber. Und Kilian Albrecht verweist auf einen Weltcup-Riesenslalom vor vier Jahren in Bad Kleinkirchheim: "Ein direkt gesteckter Kurs auf einer glatten und zum Teil aggressiven Piste, da gab es etliche Verletzte (einen Haarriss im linken Oberarmkopf und Prellungen am ganzen Körper bei Rainer Schönfelder, eine Knieblessur beim Norweger Lars Elton Myhre sowie Serienrippenbrüche beim Franzosen Raphael Burtin, Anm.). Als ich dort tags darauf den Slalom gefahren bin, hab' ich mich die ganze Zeit ang'schissen."

Dass es auch anders geht, zeigen Rennveranstalter immer wieder. "Beaver Creek im letzten Jahr etwa, da gab es keine Kritik. Aber du musst zur Präparation halt den richtigen Schnee verwenden. Gefährlich wird es immer dann, wenn griffige und eisige Bedingungen einander abwechseln, so wie etwa in Chamonix im heurigen Frühjahr, wo einzelne Kurven vereist waren. Dann gibt es immer Probleme mit dem Material-Set-up."

Für Kilian Albrecht und seine Mitstreiter bleibt somit vorläufig nur eines im Kräftemessen mit der FIS: Abwarten, was noch kommt. Und sich freuen, dass wenigstens die alte Regel vom "acht Athleten haben zehn Meinungen" nicht mehr gilt.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund