Sport | Wintersport
26.02.2015

Selbstversuch Bobfahren

Der KURIER-Redakteur wagte sich in die Bobbahn von St. Moritz und erlebte Einmaliges.

Die Worte sollen beruhigen. Doch beruhigen sie wirklich? "Sie müssen ja nicht, aber eigentlich kann nichts passieren."

Eigentlich.

11.21 Uhr. Wir befinden uns im Restaurant am Start der Olympia-Bobbahn in St. Moritz. Ein frühes Mittagessen. Henkersmahlzeit. Der Schweizer Uhrenhersteller Omega hat in den feinen Wintersportort eingeladen, um den neuen Monobob-Bewerb zu promoten (siehe Abschnitt unten). Ich "darf" einmal eine Fahrt im Viererbob ausprobieren. Ins Plaudern gekommen ist Erich Schärer, der Bob-Olympiasieger von 1980. Der heute 68-jährige Schweizer ist 19 Jahre lang Bob gefahren. 19 Mal ist er gestürzt. "Nur" ein paar Wochen musste er im Spital verbringen.

11.32 Uhr. Bahnbesichtigung. Wir schreiten den Weg entlang der Natur-Eisbahn ab. "Hier ist ein Österreicher aus der Bahn geflogen", erzählt Schärer. "Dabei hat er sein Bein verloren." Hundert Meter weiter in der Horse-Shoe-Kurve bleibt er wieder stehen, zeigt in Richtung eines Baumes: "Dort oben ist einmal ein Bob gehangen. Und die Fahrer sind irgendwo dort unten im Wald gelegen."

11.49 Uhr. Letzte Anweisungen im Restaurant am Start. "Einsteigen, hinsetzen, anhalten, genießen". Mehr brauche ich nicht zu tun - und passieren, kann "eigentlich" nichts. Okay, das hatten wir schon. An der Wand hängen Fotos von mehr als 100 Jahren Bob-Geschichte in St. Moritz. Auf jedem zweiten Foto sieht man Menschen stürzen.

11.57 Uhr. Gleich ist unser Bob an der Reihe. Ich sitze drinnen. Ganz vorne der Steuermann, vor mir eine Dame, ebenfalls ein Gast. Hinter dem schweren Gefährt steht der Bremser. Gebremst wird aber prinzipiell erst im Ziel.

11.59 Uhr.Der Bremser müsste eigentlich Anschieber heißen. Dann springt auch er in den Bob. Langsam aber beständig beschleunigen die (inklusive der vier Insassen) etwa 550 Kilogramm. Die erste Kurve geht noch gemächlich, die zweite, nach rechts, hat es schon in sich. 105 km/h. Wie auf eine Wand rasen wir auf die nächste 180-Grad-Kurve zu. Mein behelmter Kopf klappt nach unten, zu hoch sind die g-Kräfte, die vierfache Erdbeschleunigung wirkt in diesem Moment auf den Körper. Kurvenausfart, der Helm schlägt links an den Bob, dann rechts. Wieder eine Kurve, klapp. Wieder sehe ich nur den Boden des Bobs. Die Zielgerade. 134 km/h. Die letzte Kurve. Klapp. Dann geht es viele Meter bergauf. Der Bremser macht seinen Job.

12.01 Uhr. Wir stehen. Ruhe kehrt ein. Der Fahrer schüttelt mir die Hand und gratuliert. Wozu eigentlich? Ich war im wahrsten Sinne des Wortes nur Passagier.

Doch das soll sich heute noch ändern.

14.08 Uhr. Wieder sitze ich in einem Bob. Diesmal alleine. Omega hat einen Monobob zur Verfügung gestellt. "Ausnahmsweise" darf ich den vom sogenannten "Damenstart" ausprobieren. Die Anweisungen: "Im Kurveneingang leicht einlenken, dann die Seile locker halten, im Kurvenausgang wieder leicht einlenken." Wenn man keine groben Fehler macht, kann eigentlich nichts passieren. Schon wieder: "wenn" und "eigentlich".

14.10 Uhr.Ein mir unbekannter Mann schiebt mich in die Bahn. Sanft lenke ich den Bob in die Spur. Es funktioniert. Die erste echte Kurve ist gleich das Highlight, die Horse-Shoe-Kurve. Die Geschwindigkeit ist deutlich geringer als im Viererbob, die g-Kräfte sind nicht so hoch. Ich komme durch die Kurve, danach touchiere ich die Bande. Heftig. Verliere Geschwindigkeit. Hätte ich im Viererbob den Kopf heben können, würde ich jetzt die Strecke kennen. "Hätte". Wieder Konjunktiv. Doch irgendwie komme ich durch die Kurven. Exakt gemessene 104,394 km/h im Zielschuss. Nach der letzten Kurve und dem Ziel geht es wieder den Berg hinauf, ich habe nicht genug Schwung, schaffe es nicht bis oben, trete auf das Bremspedal, damit ich nicht auf der Strecke zurück rutsche. Ein Mitarbeiter kommt mir mit einem Seil entgegen. Ich werde hinaufgezogen. Steige aus. Ziehe den Bob seitlich aus der Strecke.

14.12. Uhr. Ich bin ein Held.

Die Schweiz sucht den Bob-Star

15.000 Kubikmeter Schnee; 7000 Kubikmeter Wasser; drei Wochen Schufterei. Das sind die Zutaten für die größte Schneeskulptur der Welt – die Bobbahn in St. Moritz. 14 Arbeiter aus Südtirol reisen Jahr für Jahr im November an und modellieren das 1722 Meter lange Gebilde mit den 14 Kurven an den Hang. Irgendwann, wenn die März-Sonne auf den Hang brennt, wird die Bahn dem Verfall preisgegeben. Spätestens im Juni ist auch der letzte Batzen Schnee geschmolzen.

Die älteste Bobbahn der Welt wurde 1904 erstmals aus den Schneemassen geformt; 1924 und 1948 war sie Schauplatz olympischer Entscheidungen; heute ist sie die letzte übrig gebliebene Natureispiste der Welt. Und zugleich ist sie Sinnbild für Tradition und Verschwendung im noblen Schweizer Wintersportort, wo Geld noch immer keine Rolle zu spielen scheint.

Günstiger Einstieg

Hierher hat der Schweizer Uhrenhersteller Omega geladen und alle Kosten übernommen, um seinen "Omega-Monobob"-Bewerb zu promoten. Der Formel-1-Rennstall Sauber war maßgeblich an der Entwicklung der baugleichen Einer-Bobs beteiligt, sowohl Bobs als auch Kufen werden vor dem Rennen unter den Teilnehmern ausgelost, über Sieg oder Niederlage entscheidet einzig das Fahrkönnen der Piloten. Jungen Athleten soll der günstige Einstieg in den sonst so teuren Bobsport ermöglicht werden.

"Eine Saison im Zweierbob kostet rund 300.000 Euro", sagt Erich Schärer. "Wer kann sich das leisten?" Der 68-Jährige schüttelt den Kopf. 8000-mal fuhr er die Bahn in St. Moritz mit dem Bob hinunter, bei Olympia 1980 in Lake Placid holte er Gold für die Schweiz im Zweierbob, dazu kommen drei weitere olympische Medaillen und acht WM-Titel. Vor vier Jahren hatte Schärer die Vision, mit Monobobs eine Plattform für den Nachwuchs zu schaffen. Im Uhrenhersteller fand er einen Unterstützer.

In St. Moritz gehen 22 junge Sportler aus acht Nationen in den letzten von drei Läufen dieser Saison, die Kosten wurden für die meisten von ihnen übernommen. Unter anderem für Robin Neukom aus Liechtenstein, der im Trainingsanzug den 130 Kilogramm schweren Bob anschiebt, oder für Jessica Victoria, eine Gewichtheberin aus Brasilien. Im Fitnesscenter des Hotels macht sie mit 150 Kilogramm auf den Schultern Kniebeugen, Männer verlassen beschämt den Raum. Im Rennen der Mädchen belegt sie Rang fünf, verloren hat sie nur bei der Wahl der Schuhe; bei der Siegerehrung zittert sie bei minus zehn Grad in Ballerinas ohne Socken.

Das erste Mal Schnee

Zum echten Abenteuer wird der Bewerb für Shomoy McNaughton. In ihrer Heimat Jamaika wurde die 17-jährige Leichtathletin gefragt, ob sie sich im Bob versuchen wolle. Ein Reisepass wurde gelöst, zum ersten Mal verließ sie die Heimat. In der Schweiz erlebt sie zum ersten Mal Temperaturen unter 15 Grad, zum ersten Mal sieht sie Schnee, zum ersten Mal einen Bob.

Eine Woche lang durfte sie vor dem Bewerb am Sonntag trainieren. Am Renntag schiebt sie den 130 Kilogramm leichten Bob behutsam in die Bahn, springt hinein, touchiert gleich die Bande – ein Mal, zwei Mal, drei Mal, immer wieder. Durchgeschüttelt und mit 16 Sekunden Rückstand auf die Siegerin fährt sie durchs Ziel. Stolz und voller Euphorie. Bei den Jugendspielen in Lillehammer 2016 wird Monobob erstmals olympisch sein. Vielleicht mit Shomoy McNaughton an den Steuerseilen. Ihr Ziel, ein Traum: "Gold!"