Sport | Wintersport
09.10.2018

Anna Gasser: „Ich bin ja kein junger Hupfer mehr“

Im Februar eroberte die 27-Jährige Olympia-Gold. Die Frage nach der Zeit nach dem Sport stellt sich dennoch.

Seit dem 22. Februar 2018 ist im Leben von Anna Gasser nichts mehr so, wie es zuvor war. Im Big-Air-Bewerb von PyeongChang setzte sie ihren Spezialsprung, einen „Cab Double Cork 1080“, in den Schnee und gewann damit die olympische Goldmedaille. Es folgten Ehrungen, Empfänge, aber auch Verletzungen in beiden Knöcheln und eine längere Pause. Im kommenden WM-Winter will die 27-jährige Kärntnerin wieder um Siege und Medaillen fahren. Doch noch ist die Form nicht wie erwünscht.

KURIER: Wie hat sich Ihr Leben seit Olympia-Gold verändert?

Anna Gasser: Es ist stressiger geworden, definitiv. Ich war noch nie so oft in Wien wie in den vergangenen Monaten. Vielleicht habe ich sogar weniger Zeit zum Snowboarden. Jetzt hat die Gletscher-Zeit begonnen und ich würde so gerne ... Aber dann gibt es da einen Termin, dann dort wieder einen ...

Also kommt der Sport zu kurz?

Mir ist es in den letzten Jahren schon aufgefallen: Je besser man im Sport wird, desto weniger Zeit hat man dafür. Auf der anderen Seite habe ich bessere Möglichkeiten. Ich kann es mir jetzt leisten, kurzfristig in ein Trainingscamp zu fahren und ich habe bessere Trainingsgeräte. Aber jetzt muss ich anfangen, mich wieder auf den Schnee zu konzentrieren.

Die Erfolge haben sich also auch finanziell ausgewirkt?

Natürlich. Ich war schon vor Olympia bei Red Bull und Burton unter Vertrag. Aber jetzt springen auch die Mainstream-Sponsoren auf. Ganz Österreich scheint sich jetzt mehr zu interessieren.

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Auf der Straße erkennt man Sie?

Ich kann es mir noch immer aussuchen. Wenn ich mit Red-Bull-Branding draußen bin, werde ich schon sehr oft angesprochen. Deshalb setze ich oft kein Kapperl auf. Das wäre zu stressig.

Wie hat Ihre Zeit seit dem Olympiasieg ausgeschaut?

Es war schon ein extremer Rummel um mich, es hat Ehrungen gegeben. Das war echt schön. Aber es war gut, dass ich dann in die USA gefahren bin, wo ich ein bisschen runtergekommen bin. Leider habe ich mich am Sprunggelenk verletzt. In der Zwangspause habe ich es dann aber genossen, einmal nicht Snowboarden zu gehen. Ich war beim Life Ball eingeladen und bei anderen Events. Durch die Verletzung habe ich auch andere Termine genießen können.

Eine Verletzung als Glücksfall?

Ich habe die Zeit einfach anders genutzt. Aber ich war letztes Jahr um diese Zeit sicher besser vorbereitet.

Welche Verletzungen haben Sie schon gehabt?

Die Sprunggelenke sind meine Schwachpunkte. Bei beiden Füßen habe ich mir die Syndesmose gerissen, das ist das wichtigste Band. Dazu kommen die Innenbänder. In den Knien habe ich eine Kreuzband-Überdehnung und einige Knochenprellungen gehabt. Ausgerenkt habe ich mir schon Ellenbogen, das Handgelenk und Schulter. Am schlimmsten war die Verletzung der Halswirbelsäule und dann gab’s noch ein paar Gehirnerschütterungen.

Wie viel waren Sie in der Vorbereitung auf Schnee?

Ich war zwei Wochen in Australien unterwegs und jetzt eine Woche auf dem Gletscher. Ab nächster Woche ist hauptsächlich Schneetraining angesagt. Darauf freue ich mich, alle weiteren Termine sind abgesagt. Ich muss und ich will jetzt wieder Gas geben und die alte Form finden.

Welche Motivation haben Sie noch nach dem Olympiasieg?

Das fragen mich viele Leute. Und warum ich mir das antue, mit den Jungen mitzuhupfen. Denn mit meinen 27 Jahren gehöre ich ja schon zur mittleren Generation. Aber das Snowboarden macht mir noch so viel Spaß und das Ding ist: Ich sehe selber, dass ich mich noch verbessern kann. Es ist noch Luft noch oben.

Wie lang kann man Ihren Sport betreiben?

Ab 30 wird’s schwer. Meine Gegnerinnen werden immer jünger. Ich hoffe, dass ich mein Level bis Olympia in Peking 2022 halten kann. Ich glaube, Peking wird ein großer Abschluss werden. Aber wenn ich sehe, dass ich keine Chance habe, dann werde ich es mir nicht antun.

Sie werden auch an neuen Sprüngen arbeiten?

Natürlich. Der Trick, mit dem ich 2017 Weltmeisterin geworden bin, hätte bei Olympia 2018 nicht mehr gereicht. Ich denke jetzt schon daran, welchen Sprung ich in diesem Winter brauchen werde. Letztes Jahr waren es die 10er (drei Drehungen; Anm.), mit denen man gewonnen hat. Heuer werde ich sicher 12er (3) brauchen.

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Wie lernt man neue Tricks?

Ich muss sie Schritt für Schritt spüren. Der erste Schritt ist das Vorstellen. Wenn ich es mir im Kopf nicht vorstellen kann, dann probiere ich es gar nicht. Der neue Trick, an dem ich arbeite, wird beim ersten Mal eine riesige Überwindung sein. Denn wenn das nicht funktioniert, kann die Saison ganz schnell beendet sein.

Klingt gefährlich.

Ist es auch. Deshalb trainiere ich seit zirka zwei Jahren Sprünge in den Airbag. Da lernt man das Luftgefühl kennen und die Landung ins Luftkissen ist nicht ganz so gefährlich. Die Japaner trainieren schon seit sechs Jahren so. Da kommen jetzt die ersten Wundererscheinungen raus bei Jungs und Mädels.

Das ist also die neue Konkurrenz?

Ja genau. Die kleinen Japanerinnen, Chinesinnen und Koreanerinnen. Wenn ich mir die anschaue, werde ich jetzt schon ein bisschen nervös.

Wie viele Bewerbe wird es in der Saison geben?

Mit den Big Airs in Modena geht es von 1. bis 4. November los. Dann geht’s nach Peking und danach in die USA. Ich habe ja die FIS-Tour und parallel dazu noch die Dew Tour, die X-Games und die US-Open. Zusätzlich gibt es heuer noch die WM. Ich muss so planen, dass mir die Kräfte nicht ausgehen mit der ganzen Reiserei.

Welche Pläne haben Sie für das Leben danach?

Ich bin ja kein junger Hupfer mehr. Es ist ziemlich schnell gegangen, dass mir die Frage gestellt wird: ‚Was wollen Sie danach machen?’ Ich hoffe, dass ich in der Snowboard-Industrie dem Sport erhalten bleibe. Was danach kommt ist komplett offen.