Sport
29.04.2018

Wie viel Mann darf in einer Frau stecken?

Das Thema Intersexualität - und damit der Name Caster Semenya - beschäftigt wieder einmal die Gremien der Sportverbände.

Sie ist zweifache Weltmeisterin über 800 Meter, sie ist Olympiasiegerin, und damit wäre Caster Semenya schon aus rein sportlichen Gründen immer eine Geschichte wert. Doch die 27-Jährige steht einmal mehr im Blickpunkt, weil ihr Testosteronspiegel seit der WM 2009 in Berlin Konkurrenz und Verbände beschäftigt. Caster Semenya hat für eine Frau eine ungewöhnlich tiefe Stimme, Caster Semenya hat für eine Frau ungewöhnlich viele Muskeln; beides hat man schon zu Zeiten des dopingverseuchten Schwimmwunders in der Deutschen Demokratischen Republik bewundern können (müssen?). Doch anders als in den 1980er-Jahren sind dieses Mal nicht verbotene Substanzen die Ursache – Caster Semenya hat einfach einen für eine Frau ungewöhnlich hohen natürlichen Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron.

Das wurde längst unter Laborbedingungen bestätigt, mehrfach. Das hat freilich auch dazu geführt, dass just für die Mittelstrecke ein Wettlauf um die „besten“ Talente eingesetzt hat, der bereits bizarre Züge annimmt: Bei den Olympischen Spielen 2016 erlebten die Zuschauer ein intersexuelles Siegertrio über 800 Meter, Caster Semenya siegte vor Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Nyairera Wambui aus Kenia.

„Fairness“ mit Folgen

Die Frage „Wann ist eine Frau eine Frau?“ beschäftigt die Spitzen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes seit Jahren. Nach ihrem ersten WM-Titel wurde Caster Semenya von der IAAF einem Geschlechtstest unterzogen, das Resultat gelangte an die Öffentlichkeit, die Südafrikanerin durfte elf Monate lang nicht an Bewerben teilnehmen.

2011 folgte der erste Versuch, dem Thema mit einer Regelung zu begegnen: Ist der Testosteronspiegel zu hoch, muss er mit Medikamenten reduziert werden. Caster Semenyas Zeiten wurden um gut fünf Sekunden langsamer, die Funktionäre sahen sich bestätigt, die Mittelstrecklerin holte 2011 WM- und 2012 Olympia-Silber. Damit hätte alles gut sein können. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick hat die medikamentöse Hormonreduktion aber schwere Nebenwirkungen. Und gegen diesen Zwang zog 2015 die indische Sprinterin Dutee Chand vor den Internationalen Sportgerichtshof, der die Regelung denn auch einkassierte.

Gleichzeitig forderten die Lausanner Sportrichter einen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die Laune der Natur auch wirklich leistungssteigernd ist. Das, so lautet das Resümee einer Studie der IAAF, ist der Fall. Und zwar in den Disziplinen 400, 800 und 1500 Meter. „Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass Testosteron – ob auf natürliche Weise im Körper hergestellt oder injiziert – eine bedeutende Leistungsverbesserung bei Athletinnen hervorbringt“, teilte der Weltverband mit. Just in jenen Bewerben also, die Caster Semenya bestreitet, allerdings auch in Stabhochsprung und Hammerwurf.

Kurioserweise sind die letzten beiden Disziplinen von einer neuen Regelung der IAAF ausgenommen. Ab 1. November dieses Jahres gilt nun ein Grenzwert von fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut bei Frauen, normal sind 0,12 bis 1,79, bei Männern 7,7 bis 29,4. Wer diesen Wert nicht über mindestens sechs Monate einhalten kann, darf entweder nicht mehr starten oder muss zu den Herren wechseln. Bleibt als Ausweg also neuerlich nur der Griff zu den Medikamenten, womit sich einmal mehr die Frage nach der Ethik stellt im Sport, der doch so vorbildhaft, friedenstiftend und völkerverbindend sein will. Sicher ist: Auch diese neue Regelung wird wieder die Richter am Genfer See beschäftigen, das hat Südafrikas Regierungspartei, der Afrikanische Nationalkongress schon angekündigt.

Und was sagt Caster Semenya? „Ich bin mir zu 97 Prozent sicher, dass die (von der IAAF, Anm.) mich nicht leiden können. Und zu 100 Prozent sicher, dass mir das egal ist.“