Sport
29.05.2018

Wie Margareten zur Handball-Hochburg wurde

Die Fivers verzichten auf Legionäre, setzen dafür auf ihren Nachwuchs - und sind zum dritten Mal Meister.

„Eigentlich“, sagt Thomas Menzl, „eigentlich wollte ich das nur kurz machen.“ Mittlerweile ist er 26 Jahre im Amt. Seit 1992 lenkt der ehemalige Spieler als Manager die Geschicke beim Wiener Arbeiter-Turnverein Margareten, seit 2003 auch offiziell Fivers genannt.

Der 51-Jährige hat viel miterlebt und vor allem viel mitgestaltet. Es ist auch sein Verdienst, dass die Handballer aus dem fünften Wiener Gemeindebezirk so etwas wie der Vorzeigeklub im österreichischen Sportgeschehen sind. Seit 2005 haben es die Fivers elf Mal in die Finalserie der HLA geschafft. Und das, obwohl bei den Margaretnern die Jugendarbeit im Vordergrund steht. Vielleicht ist aber genau das der Grund für den Erfolg.

Seit sich der Serbe Stefan Jovanovic im Oktober verletzt hat, spielen die Wiener ohne Legionär. Finalgegner Hard ist eines von sieben Liga-Teams, die sich vier leisten. Die Fivers ändern ihre Philosophie deshalb nicht: Eine knappe Million Euro beträgt das Budget, ein Drittel davon wird in die Nachwuchsarbeit investiert. „Mit diesen 300.000 Euro könnten wir locker drei Top-Legionäre finanzieren.“

Stattdessen wird in der Jugend knallhart das ausgearbeitete Konzept verwirklicht. 17 Mannschaften führt der Klub, 200 Nachwuchsspieler sind am Ball, 16 Trainer setzen eine vor zehn Jahren ausgearbeitete Spielphilosophie um. Geprägt wurde diese von Anatoli Jewtuschenko. Der 83-Jährige war als Trainer der Sowjetunion zweifacher Olympiasieger (1976, 1988), seit rund 15 Jahren ist er bei den Fivers Sportlicher Berater für die Jugend. „Die einheitliche Spielphilosophie macht sich bemerkbar“, sagt Menzl. „Ich kann einen 15-Jährigen zur ersten Mannschaft holen, ihm einen Spielzug ansagen – und er weiß, was zu tun ist.“

Ziel Schulabschluss

Die Arbeit macht sich auch auf nationaler Ebene bemerkbar: Die Hälfte aller Spieler im Unter-20-Nationalteam kommt aus Margareten. Ein Baustein der Nachwuchsarbeit ist die Zusammenarbeit mit dem Oberstufenrealgymnasium Maroltingergasse, die es den Sportlern ermöglicht, täglich auch in der Früh zu trainieren. Menzl: „Die optimale Kombination von Bildung und Sport.“

Auf einen Schulabschluss legen die Fivers Wert. Deshalb investiert man seit Jahren auch in einen eigenen Lern- und Förderklub. Vier Mal pro Woche können die Nachwuchsspieler in der Halle lernen und Nachhilfe beziehen. „Die Pädagogen spielen bei uns Handball“, erklärt Menzl. Markus Kolar etwa unterrichtet im Gymnasium Mathematik, David Brandfellner studiert Geschichte und Mathematik. „Das ist geil, wenn ein Zwölfjähriger die erste Mannschaft anfeuert und am nächsten Tag mit seinem sportlichen Vorbild lernt.“

Mit oder ohne Titel wird sich an der Philosophie bei den Fivers nichts ändern. „Wir verzichten supergern auf einen Titel, wenn wir im Gegenzug unsere Mittel wieder richtig einsetzen. Wenn wir einen Legionär holen, dann im Alter von 20 oder 22 Jahren, wo wir ihn noch formen können.“

Einen Legionär für den schnellen Erfolg wird es nicht geben. Auch dann nicht, wenn die Fivers einen Hauptsponsor an Land ziehen sollten, der bereit ist, rund 150.000 Euro bereitzustellen.

Ziel Europacup

Wie Menzl das Geld investieren würde? „Wir könnten uns endlich wieder eine Europacupteilnahme leisten.“ Auf diese Erfahrung verzichten die Wiener seit Jahren zugunsten einer in der Zweiten Liga agierenden Nachwuchsmannschaft. 15.000 bis 20.000 Euro würde jede Runde mit Hin- und Rückspiel kosten. Geld seitens des europäischen Verbandes EHF gäbe es erst im Falle des Erreichens der Gruppenphase der Champions League. Und selbst diese Prämie ist mit 60.000 Euro überschaubar. Somit bleiben den Fivers der Weg der eigenen Jugend – und die Gewissheit, dass die besten Spieler immer wieder das Weite suchen werden. Dem Abgang von Nikola Bilyk vor zwei Jahren folgt heuer jener von Ivan Martinovic. Beim deutschen Traditionsklub Gummersbach kann der Rückraumspieler seine Profi-Karriere starten und vermutlich das Vierfache verdienen. Die Fivers werden die Lücke wieder mit dem Nachwuchs schließen. „Uns wurde schon vor zwei Jahren prophezeit, dass wir abstürzen werden“, sagt Thomas Menzl.

Das Ergebnis ist bekannt.

Thomas Seidl mit dem Meisterpokal

Die Entscheidung

Und wie kam er nun zustande, dieser dritte Titel? So: Eine kleine Gemeinheit hatten sich die Gäste aus Hard ja ausgedacht für das vierte Finalspiel der Handball Liga Austria am Dienstagabend: Die Vorarlberger hatten Dominik Schmid in die Wiener Hollgasse mitgebracht und zum Aufwärmen geschickt – doch auf dem Spielberichtsbogen schien der zuletzt von einem Bänderriss gehandicapte Teamspieler nicht auf.

Ein kleiner Psychotrick auf dem Weg zum erhofften 2:2-Ausgleich in dieser Best-of-five Serie, der nach 39 Sekunden Wirkung zeigte, denn da gingen die Harder  aus dem ersten Angriff gleich einmal mit 1:0 in Führung. In der 3. Minute glichen die Fivers aus – es entwickelte sich eine muntere Partie. Als eine Viertelstunde absolviert war, hatten sich die Wiener eine Drei-Tore-Führung erarbeitet. Hard drängte zwar, doch mit konsequenten Tempogegenstößen wussten sich die Fivers vorn zu halten. 13:10 stand es zur Pause nach fünf Treffern allein von Ivan Martinovic.

Aufholjagd

Aggressiv gingen die Harder auch in der zweiten Hälfte zu Werke, doch es waren erst zwei Minuten gespielt, als Vytas Ziura die erstmalige Vier-Tore-Führung der Hausherren herstellte. Bis zur 44. Minute aber arbeiteten sich die Vorarlberger bis auf einen Treffer Rückstand heran, worauf die Fivers den Tormann tauschten, Boris Tanic kam für Wolfgang Filzwieser.

 In der 45. Minute war es dann passiert – Hard glich aus, 17:17, lag aber zwei Minuten später wieder zwei Tore zurück. Sechs Minuten vor dem Ende führte Hard zum zweiten Mal an diesem Abend, kassierte aber postwendend den Ausgleich zum 22:22, das 22:23 und das 22:24. Zu viel für Herburgers Nerven, der Rot sah (57.), auch Doknic musste gehen (59.). Den derart geschwächten Gegner besiegten die Fivers schließlich mit 26:24.

Das zehnte HLA-Finale der Fivers endete übrigens mit einem Novum: Erstmals wurde der Titel nicht gegen Bregenz geholt, der dritte Coup der Vereinsgeschichte gelang gegen den zweiten großen Klub aus dem Ländle.