Mont Ventoux, Radsport, Tour de France, Tom Simpson, Denkmal, Gedenkstätte

© Sigwarth Stefan

Serie über Tour de France
06/27/2013

Mit allen Mitteln zum Erfolg

Ein Zeitungskrieg gebar die Tour de France - und die Tour gebar das Doping.

von Stefan Sigwarth

Es ist wohl die größte Kampfsportveranstaltung der Welt, die alljährlich drei Wochen lang im Juli auf den Straßen Frankreichs abgehalten wird: Bei der Tour de France geht es gegeneinander, gegen die äußeren Umstände, gegen den inneren Schweinehund. Mal mit reinem Gewissen, mal mit unsauberen Methoden, doch immer am Limit, ob nun am legalen oder am körperlichen.

Schon die erste Tour de France vor 110 Jahren wurde aus einem Kampf geboren. Einem verlegerischen: Henri Desgrange, Chef der Sportzeitung L’Auto, lieferte sich ein Duell mit dem Konkurrenzblatt Le Vélo. Dass sich am Ende Desgrange durchsetzte, ist in der Idee seines Mitarbeiters Géo Lefèvre begründet: Warum, so fragte der damals 25-Jährige seinen Chef, warum veranstalten wir nicht auch ein Radrennen, so, wie es die von Le Vélo machen? So ein richtig großes, durchs ganze Land, das war die Idee von Lefèvre an diesem 20. November 1902, und Desgrange ließ seinen Mitarbeiter gewähren – obwohl er die Idee für „verrückt“ hielt.

Vielseitig

Géo Lefèvre arbeitete bei der ersten Tour im Juli 1903 als Journalist, Startrichter, Zeitnehmer, Streckenchef, Zielrichter – und fuhr auf einigen der damals sechs Etappen ... mit dem Zug! Ein Mal freilich waren die schnellsten Sportler schon vor ihm im Ziel. Die Aufgabe, die Desgrange und Lefèvre dem Peloton vorsetzten, war unfassbar: Sechs Etappen, 2428 Kilometer! Zum Vergleich: Heuer sind es 3360 Kilometer, aber 21 Etappen. Immerhin gab es 1903 zwischen den einzelnen Abschnitten bis zu vier Ruhetage – und für Sieger Maurice Garin 6075 Francs Preisgeld für 94:33:14 Stunden Schinderei.

Für Henri Desgrange war es das Geschäft seines Lebens: Die Auflage von L’Auto verdreifachte sich im Juli 1903 auf 65.000 Stück, Le Vélo wurde am 1. November 1904 eingestellt. Und 1913 verkaufte er seine Zeitung schon 320.000-mal.

Experimentierfreudig

Doch schon in den Anfangsjahren der Tour wurde nicht nur sauber gefahren. Waren anfangs noch Champagner und Cognac die Stimulanzien, wurde bald auch Kokain genutzt. Und nachdem die Pharmaforschung noch weit entfernt war von den heutigen Möglichkeiten, wurde so ziemlich alles ausprobiert: Koffein, Amphetamine, Nitroglyzerin und Strychnin. Der erste offizielle Dopingfall war 1911 jener des Paul Duboc, der nach Einnahme einer „zweifelhaften Flüssigkeit“ mit Vergiftungserscheinungen aufgeben musste.

Henri Desgrange waren die Umstände, unter denen seine Helden geboren wurden, egal: „Ich habe nichts dagegen, wenn ein Fahrer sich vorübergehend künstlich stimuliert, wenn es anders nicht mehr geht“, sagte der Tour-Gründer einmal – nicht ahnend, was alles folgen sollte.

1955 kündigte sich an, was Jahre später im Fall des Tom Simpson enden sollte. Der Ort war der gleiche, der Mont Ventoux, dieser 1912 Meter hohe Haufen aus Kalkschotter in der Provence: Jean Malléjac brach bewusstlos am Fuß des Berges zusammen, sein Herz setzte aus, erst der Tour-Arzt konnte den Franzosen wiederbeleben. Öffentlich gemacht wurde das damals nicht.

1966 wurden erstmals Dopingkontrollen bei der Tour de France vorgenommen. Die Reaktion der Fahrer? Sie protestierten – und schoben am Tag nach dieser Entscheidung die Räder auf den ersten 50 Metern der folgenden Etappe. Und am 13. Juli 1967 erlebte die Tour de France ihre Katastrophe: Tom Simpson, 29-jähriger englischer Radfahrer, stürzte wenige hundert Meter vor dem Gipfel des Mont Ventoux vom Rad, stieg noch einmal auf – und kollabierte. Sein Herz setzte aus, Rettungsmaßnahmen brachten keinen Erfolg mehr, Simpson starb an Dehydrierung – und einer Kombination aus Amphetaminen und Alkohol.

Unbelehrbar

Simpson wurde ein Denkmal gesetzt, es ist längst ein Wallfahrtsort für Radsportfans aus aller Welt. Sie bringen Blumen, Trinkflaschen, halten inne, schießen Fotos. Doch die unausgesprochene Mahnung seines Schicksals verhallte ungehört: Die Zeit der Skandale um das Team Festina und die mehr als 50-köpfige Kundschaft des spanischen Doping-Doktors Eufemiano Fuentes sollte erst noch kommen. Und sie kulminierte im Sturz und Geständnis von Siebenfach-Tour-Sieger Lance Armstrong im vergangenen Herbst.

Für L’Equipe ist das alles ein Riesengeschäft: Das Nachfolgeblatt von L’Auto wird noch immer fast 300.000-mal gekauft, Tag für Tag. Und hatten nicht Reporter des Blattes schon 2005 öffentlich gemacht, dass alte Proben von Armstrong von 1999, dem Jahr seines ersten Tour-Sieges, das Dopingmittel EPO enthielten?

Und jährlich grüßt das Murmeltier

Am Wochenende packte Jan Ullrich im deutschen Magazin Focus aus. Ja, doch, er habe Eigenblutdoping betrieben bei Eufemiano Fuentes, dem Macher eines riesigen Dopingnetzwerks in Spanien, dessen Ausmaß noch immer nicht bekannt ist. Auch, weil sich noch niemand gefunden hat, der Fuentes’ Unterlagen kaufen will.

Und am Montag berichtete dann L’Equipe von Laurent Jalabert. Der 44-Jährige, den sie in Frankreich liebevoll „Jaja“ nennen, soll 1998 mit EPO unterwegs gewesen sein, wie eine später nachgetestete Probe ergeben hätte. Der je zweifache Gewinner von Berg- und Sprintwertung der Tour de France wollte sich weder outen noch die Vorwürfe abstreiten, er soll aber laut Le Monde bei einer Anhörung vor der Anti-Doping-Kommission des französischen Senats am 15. Mai mit den Worten „Unser Arzt hatte den Namen Doktor Citroën“ aufgefallen sein.

Eine pikante Nachricht zum Mediziner mit dem Auto-Namen kam am Mittwoch aus Italien: Bei Hausdurchsuchungen bei Lance Armstrongs Arzt Michele Ferrari wurden Unterlagen gefunden, in denen auch ein französischer Rennfahrer geführt ist: Laurent Jalabert.

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