Rollstuhl-Star Nico Langmann: Und plötzlich singen sie deinen Namen

Inklusionsbotschafter und Rollstuhl-Spieler von Weltformat: Nico Langmann über die besonderen Erlebnisse im Rahmen der Erste Bank Open in Wien.
Rollstuhl-Ass Nico Langmann schreibt im KURIER Tennis Magazin

Von Nico Langmann

Die Tribünen sind voll. Es ist laut. Nicht dieses höfliche Tennis-Klatschen, sondern echtes Raunen, echtes Mitgehen. Menschen stehen rund um den Court. Manche lehnen an der Bande, andere beugen sich nach vorne, als könnten sie den Ball mittragen. Ich rolle zur Grundlinie. Für einen Sekundenbruchteil nehme ich alles gleichzeitig wahr – die Ränge, das Licht, die Stimmen. Und dann weiß ich: Das hier ist größer als nur ein Match. Rollstuhltennis im Mittelpunkt der Erste Bank Open. 

Keine Nebenanlage. Kein Vormittagsslot. Kein „halt auch“. Sondern Sprechchöre. Applaus. Spannung. Ich schlage auf. Und für einen Moment fühlt sich alles selbstverständlich an. Doch das ist es nicht. So etwas passiert nicht von selbst. Es braucht Menschen, die den Mut haben, Strukturen zu verändern. Die bereit sind, Budget in die Hand zu nehmen. Die verstehen, dass Inklusion kein Risiko ist, sondern eine Chance.

"All in" gegangen

Turnierdirektor Herwig Straka und sein Team haben genau das getan. Sie haben nicht nur ein Rollstuhltennisturnier „dazugestellt“, sondern sind „all in“ gegangen. und haben mich als Inklusionsbotschafter installiert – auf Augenhöhe. Und das deutlich gemacht. Bei der offiziellen Pressekonferenz war ich gemeinsam mit Sebastian Ofner als Spieler geladen. Bei Interviews im Vorfeld mit Turnierbotschafter Thomas Muster. Egal, wo über die Erste Bank Open gesprochen wurde – Rollstuhltennis war Teil der Geschichte.

Und das ist bei den Menschen angekommen. Noch vor Turnierbeginn durfte ich das schon sehen, bei einem ganz normalen Training in der Marx Halle. Für gewöhnlich schaut bei so einer Einheit mein Coach zu – vielleicht meine Oma. Diesmal standen plötzlich Zuschauer am Court. Blieben stehen. Beobachteten. Stellten Fragen. Für viele Tennisspieler ist das Alltag. Für  uns Rollstuhltennisspieler ist es das nicht.

Keine Selbstverständlichkeit

Sichtbarkeit ist im Behindertensport keine Selbstverständlichkeit. Sie ist selten. Und genau deshalb ist sie so wertvoll. Dann kam das Match. Volle Tribünen. Gänsehaut. Energie.

Sportlich lief es nicht nach Wunsch. Ich habe verloren. Natürlich schmerzt das. Gerade, wenn man liefern will, wenn so viele Menschen zusehen. Wenn man zeigen will, dass man diese Bühne nicht nur symbolisch verdient, sondern sportlich. Aber während ich mich nach dem letzten Punkt bei den Zuschauern bedanke, wird mir klar: Dieses Event ist größer als ein Ergebnis. Denn es ging nicht nur um dieses eine Match. Es ging um das Business Breakfast in der Marx Halle, bei dem über Rollstuhltennis als Wirtschaftsfaktor diskutiert wurde. Es ging um „Nico Langmann and Friends“, um den Austausch innerhalb der Para-Sport-Community. Es ging um den Rollstuhl-Parcours, bei dem Besucher selbst erfahren konnten, wie anspruchsvoll Bewegung auf Rädern ist.

Es ging auch um den Stand der Nico Langmann Foundation, um Gespräche mit Eltern, mit Kindern, mit Menschen, die plötzlich verstanden haben, was man im Sport alles erreichen kann. Dieses Turnier hat nicht nur eine Woche Programm gefüllt. Es hat ein Zeichen gesetzt. Ein lautes. Wenn das Einzelfinale in der Wiener Stadthalle gespielt wird, dann ist das mehr als ein sportlicher Höhepunkt. Dann ist das ein Bild, das bleibt. Rollstuhltennis im Zentrum der größten Tennisbühne des Landes. Als kleiner Bub mit Behinderung saß ich selbst auf der Tribüne dieser Halle. Begeistert vom Sport. Aber ohne echte Vorstellung, dass ich einmal dort unten spielen würde.

Heute weiß ich: Vorstellungen ändern sich, wenn Realitäten geschaffen werden. Inklusion passiert nicht leise. Sie braucht Bühne. Sie braucht Mut. Und sie braucht Menschen, die sie umsetzen. Was in Wien begonnen hat, darf kein einmaliger Versuch bleiben. Der Impact dieses Events reicht weiter als eine Turnierwoche. Er reicht in Köpfe. In Kinderzimmer. In Trainingshallen. In Entscheidungsetagen. Vielleicht sitzt beim nächsten Turnier wieder ein Kind im Rollstuhl auf der Tribüne. Und vielleicht denkt es nicht mehr: „Das ist schön anzusehen.“ 

Sondern: „Das ist mein Platz.“ Und dann sind wir wirklich einen Schritt weiter.

KURIER Tennis Magazin 2026: Tennisspieler posieren vor Tennisnetz.

Kommentare