Sportstadt Wien zwischen Nostalgie und Schildbürgerstreichen

Der Wiener Sport-Club bezog sein schmuckes neues Stadion. Die Stadt Wien investiert wieder Geld in die Infrastruktur, doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Wolfgang Winheim
Das neue Sport-Club-Stadion

Endlich. Wien wird dem von der Politik gern verbreiteten Ruf einer Sportstadt gerecht:

49.000 Anmeldungen für den City-Marathon, darunter mit 25 Prozent über die 42-Kilometer-Distanz und 44 Prozent für den Halb-Marathon ein hoher Frauenanteil wie noch nie;

5.600 Zuschauer in Hernals bei der Eröffnung der neuen Sport-Club-Heimstätte, die auf Premierengäste einen ungleich besseren Eindruck machte als Sport-Clubs Regionalliga-Truppe beim 0:1 gegen Horn;

Die Sport Arena Wien

Die Sport Arena Wien

38.000 Nutzungsstunden jährlich sind Turnen und Leichtathletik plus weiteren 18 Sportarten in der neuen, drei Hallen umfassenden Sport-Arena gleich neben der U-2-Station Stadion garantiert;

75 Millionen Euro scheinen, beigesteuert zu je einem Drittel von Gemeinde, Bund und Fußballbund, gut investiert zu sein in den neuen ÖFB-Campus nördlich der Donau, wo das Nationalteam ab 27. Mai für die WM trainieren wird.

Wenn manch sportskeptischer Bürger empört aufschreit („Warum mit unserem Steuergeld?“), dann soll er wissen: Nicht zuletzt dank der vier Spielfelder (wovon eines auch dem Schulsport dient) werden in der betondominierten neuen Seestadt die Umwelt-Vorgaben für Grünflächen erfüllt.

Wien wäre freilich nicht Wien, gäb’s nicht doch was zu Meckern. So kann Sport-Clubs mit viel Trara eingeweihtes Klein-Stadion kein Bundesliga-I-Schauplatz sein, weil das Spielfeld nicht die erforderlichen Maße aufweist und auf eine Rasenheizung (Lizenz-Bedingung) verzichtet wurde.

In der vor einem halben Jahr erst eröffneten, 120 Millionen teuren Sport-Arena Wien wiederum kann nie Daviscup-Tennis gespielt werden, weil sie zu niedrig ist. Zudem fehlt anders als in der davor am selben Areal gestandenen Dusika-Halle eine Radrennbahn.

Früher ist freilich nicht alles besser, sondern nur anders gewesen ...

als Sportarten wie Beachvolleyball, Skateboard, Triathlon, Flag Football noch nicht erfunden geschweige denn olympisch waren;

als in Wien eine halbe Million Menschen weniger lebte, es aber in Zentrumsnähe mehr Fußballplätz’ als heute gab;

als wir Straßenbuam von der Nachkriegsgeneration ständig einem alten Ball nach- und vor Uniformierten davonliefen, die das Kicken unter Androhung von Watschen in Parkanlagen nicht zuließen;

als Fußballspielen unter Frauen als No go galt und ihre Teilnahme an Marathonläufen strengstens verboten war.

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