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Sport
05/21/2020

Auch in der Corona-Krise: Sportförderung ist reine Männersache

Bundes-Sport GmbH: Das Ministerium spricht von der Autonomie des Sports, hat aber selbst eine frauenlose Gesellschaft.

von Günther Pavlovics

Am 20. April gab Werner Kogler die erste Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zum Thema Sport, seit er als Vizekanzler und Minister für diesen Bereich zuständig ist. Zwei Monate davor hatte NEOS-Abgeordneter Yannick Shetty diese Anfrage mit „Mangelhafte Umsetzung des Bundes-Sportförderungsgesetzes 2017“ getitelt. Gleich in Frage 1 bemängelte er „die längst überfällige und nun von der Regierung selbst mit 50 Prozent festgelegte Besetzung von Entscheidungsgremien mit Frauen“ und wollte wissen, wie man diese zu erreichen gedenke.

Die Antwort beginnt vielversprechend mit: „Der Frauenanteil ist in vielen Gremien im Sportbereich nach wie vor sehr gering.“ Es gebe Handlungsbedarf. „Auch wenn die Besetzung großteils in der Autonomie des Sports liegt.“ Man werde gegenüber den Verbänden jedenfalls auf die Zielsetzung eines fünfzigprozentigen Frauenanteils nachdrücklich hinweisen. Danach folgte eine Seite Hohelied auf das „Kompetenzzentrum 100% Sport“.

Und was ist mit dem Ministerium? Der Rechnungshof 2019 hat nach einer Prüfung kritisiert: „Es wäre auf eine adäquate Vertretung von Frauen in den Organen der Bundes-Sport GmbH sowie im Beirat des Bundesministers zu achten.“ Denn: „Die zwei Geschäftsführer, sechs Aufsichtsräte und alle zwölf Mitglieder der Kommissionen der Bundes-Sport GmbH wurden ausschließlich mit Männern besetzt.“

Die Männer-Gesellschaft

Die Bundes-Sport GmbH untersteht zu 100 Prozent dem Ministerium. Unter den 20 Personen befindet sich noch immer keine einzige Frau. Das Ministerium bestellt die Geschäftsführer, zwei Aufsichtsräte und je zwei Mitglieder der Breitensport- und Leistungssport-Kommission. Zudem setzte sich 2017 erstmals ein Beirat zusammen, um die Ziele für eine vierjährige Förderperiode vorzugeben. „Der beim Bundesminister für Landesverteidigung und Sport eingerichtete Beirat zur strategischen Schwerpunktfestlegung setzte sich Ende 2017 aus zwei Frauen und 14 Männern zusammen“, merkte der Rechnungshof an. Der vermisste „einen durchgängigen Gender Mainstreaming-Ansatz im Bereich der Bewegungs- und Sportförderung, der allfälligen Unterschieden in den Bedürfnissen und Interessen von Männern und Frauen Rechnung trägt“.

Drei Jahre und sechs Minister später (Doskozil, Kunasek, Strache, Bogner-Strauß, Müller, Kogler) hat sich nichts geändert, in der parlamentarischen Antwort wird zum Thema Frauen auf Sonderprojekte verwiesen zur Förderung von Gleichstellung von Frauen und Männern im Sport. Und auf die Webseite von „100% Sport“, auf der unter dem Reiter „Service“ ein eigener Bereich zu „Gender Wissen“ zu finden sei, der Informationen zu Gendermainstreaming, Genderkompetenz und Intersektionalität vermittelt. Auf der Homepage heißt es: „100% Sport ist das österreichische Zentrum für Genderkompetenz im Sport. Es wurde vom Sportministerium als autonomer Verein eingerichtet, um Geschlechtergerechtigkeit und Gender Mainstreaming im österreichischen Sport voranzutreiben.“ Weiter heißt es: „Geschlechtergerechtigkeit im Sport bedeutet für uns: Das Recht auf Mitsprache in sportpolitischen Entscheidungen und das Recht auf Interessenvertretung in Vereinsgremien.“

Und was macht das Ministerium? Ein Verweis auf die Autonomie des Sports, auf einen Reiter und ein Hohelied auf „100% Sport“. Das ist alles, was als Antwort auf diese parlamentarische Anfrage eingefallen ist.

100% Sport

Die Wurzeln des Vereins gehen auf das 2004 gegründete Mädchensportprojekt „VoGos – Volleyball Goes School“ zurück. 2008 wurde daraus „WoGoS – Womensport Goes School“, seit 2011 heißt der Verein „100% Sport“. Seit 2010 ist Christa Prets, die ehemalige burgenländische Landesrätin und EU-Abgeordnete, Präsidentin. Der Verein hat eine Vollzeit- und eine Teilzeit-Angestellte, organisiert Tagungen und Schulungen, koordiniert die Genderbeauftragten in den Verbänden, bildet Referenten für den Kampf gegen sexuelle Gewalt aus und beteiligt sich auch an EU-Projekten. 100% Sport wird von der Bundes-Sport GmbH jährlich mit 200.000 Euro gefördert.

Für den Verein fand sich weder im Ministerium, noch im Haus des Sports Platz, weshalb er in Neudörfl bei Wr. Neuststadt sein Büro hat, im Sportkomplex der ehemaligen Tennis-Tourspielerin Lisi Habeler. Lippenbekenntnisse gab es nicht nur von der Sportbürokratie, sondern auch von den Sportverbänden. Prets: „Viele Präsidenten haben sich zu einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis verpflichtet. Umgesetzt haben es nur fünf.“ Von 30 Fachverbänden olympischer Sportarten haben nur drei eine Frau an der Spitze, nur 17 Prozent der Trainerinnen sind Frauen.

Zuletzt sei die Aufmerksamkeit höher geworden. Prets: „Die MeToo-Debatte hat uns geholfen. Aber wie die Zahlen zeigen, sind wir von einer Geschlechterbalance in den Gremien, wie im Bundessportfördergesetz verankert, noch meilenweit entfernt, sowohl in der Sportpolitik als auch in der Besetzung der Bundes-Sport GmbH. Prets: „Dieser Zustand ist dringend zu ändern und absolut inakzeptabel.“