Applaus für die Besten: Richie McCaw und seine All Blacks verlassen das Feld, die Franzosen stehen Spalier.

© REUTERS/Rebecca Naden

Rugby-WM
10/18/2015

Semifinale ohne Europäer

Frankreich trägt Trauer, Titelverteidiger Neuseeland die Favoritenrolle. Südafrika, Argentinien und Australien sind die weiteren Semifinalisten.

von Stefan Sigwarth

Ein Blick in die französischen Sonntagszeitungen passte zum Hochnebel über dem Wiener Becken: "Schwarzes Monster, armselige Blaue"; "Auf dem Friedhof der Illusionen"; "Schwarzer Samstag"; "Alle sind schuld". Das 13:62 im Viertelfinale gegen Titelverteidiger Neuseeland in der Neuauflage des letzten WM-Finales war die höchste Niederlage in einer WM-K.-o.-Phase. Es war die zweithöchste Niederlage Frankreichs überhaupt. Und noch nie zuvor hatte eine Équipe Tricolore so viele Punkte vom Gegner erhalten. "Wir sind einfach aufgefressen worden", resümierte Teamchef Philippe Saint-André nach dem letzten Match seiner Amtszeit. Nun übernimmt Guy Novès, der seit 1993 Toulouse betreut hat.

Neun Tries legten die All Blacks ins französische Malfeld, Julian Savea schaffte seinen zweiten Dreierpack der WM, und die Frage der Woche lautet: Wer soll dieses Team eigentlich stoppen, das die Defensive der Bleus zur Luftnummer degradiert hat? Neuseelands Teamchef Steve Hansen lieferte gleich die Antwort: "Wir haben nicht mehr erreicht, als dass wir uns das Recht erarbeitet haben, auch am Montag wieder trainieren zu dürfen."

Die "Brasilianer des Welt-Rugby" (Saint-André) treffen am Samstag auf Südafrika, während im zweiten Semifinale am Sonntag Argentinien gegen Australien spielt.

Die Argentinier dominierten vor 72.316 Zuschauern in Cardiff zunächst die ersatzgeschwächten Iren nach Belieben – 17:0 stand es nach 17 Minuten. Eine Gelbe Karte gegen Herrera nach einer bösen Attacke aber brachte Irland zurück ins Spiel. 20:17 und 23:20 stand es in der Hochgeschwindigkeitspartie, danach hatten die Argentinier Glück, dass Herrera nach einem weiteren regelwidrigen wie unintelligenten Angriff nicht endgültig vom Feld musste. So kam es wie von den Iren befürchtet: Die Pumas siegten 43:20, damit war auch die dritte europäische Mannschaft eliminiert.

Das Drama von Twickenham

Australien hatte im vierten Semifinale mit Schottland wesentlich mehr Mühe als erwartet. Zwar gingen die Wallabies vor 77.110 Zuschauern im Londoner Rugby-Tempel Twickenham in Führung, doch Standardkicker Bernard Foley hatte an diesem Sonntagnachmittag sein Visier ganz schlecht eingestellt und schaffte es vor der Pause, alle drei Conversion-Versuche neben die Stangen zu setzen. Die Schotten erwiesen sich als kampfstarker und aufmüpfiger Gegner, der die Ehre der Europäer retten wollte: Horne legte den ersten Try (18.), Laidlaw verwandelte die Conversion und traf davor und danach auch je einen Penalty, Schottland führte 13:5. Doch die Wallabies schlugen durch die Tries von Mitchell und Hooper zurück, zur Pause stand es 16:15 zugunsten der Schotten, bei denen Laidlaw dazwischen noch einen Penalty verwandelt hatte.

Eine harte Gelbe Karte gegen Maitland (absichtliches Verlieren des Balles nach vorne) bescherte den Australiern nach der Pause zehn Minuten Überzahl. Das nutzte Mitchell umgehend zum Try, und nun traf auch Foley erstmals eine Conversion: 22:16 für die Wallabies. Laidlaw verkürzte per Penalty, Foley stellte den alten Abstand wieder her, 25:19 hieß es in der 54. Minute. Die inzwischen wieder vollzähligen Schotten hatten damit immer noch nicht genug, Seymour legte seinen vierten Try bei dieser WM zum 25:24 (59.), Laidlaw verpasste mit seiner Erhöhung aus sehr spitzem Winkel erstmals in diesem Spiel die Stangen. Schließlich fanden die Australier aber doch wieder zu ihrem physischen Spiel, und Kuridrani legte trotz dreier Gegenspieler den Try zum 30:24 (65.), Foley erhöhte auf 32:24. Damit schien die Partie entschieden. Laidlaw kickte Schottland nochmals auf 32:27 heran – und dann leisteten die Wallabies im nun strömenden Regen einen katastrophalen Fehlpass, den sich Mark Bennet schnappte und dessen Sprint erst im Malfeld der Australier endete. Erneut kickte Laidlaw, und nun führten die Schotten 32:34!

Fünf Minuten blieben den beiden Mannschaften noch. Doch dann verlor Welsh in der SchlussmInute den Ball nach vorne, und Bernard Foley kickte den fälligen Penalty ins Ziel. Der Matchball zugunsten der Australier. Den Schotten blieben nur der Respekt für ihre Leistung, hängende Köpfe und Tränen. "Sie haben Charakter gezeigt", lobte Teamchef Vern Cotter, "richtig viel Charakter", und man konnte sehen und hören, wie ihm die Emotionen die Kehle zuschnürten. "Schottland hat wirklich gut gespielt", sagte Australiens Kapitän Stephen Moore, doch Schottland hat verloren. "Und wir haben einiges zu verbessern bis zum nächsten Wochenende."

Damit stehen nur Teams von der Südhalbkugel im Semifinale – auch das hat es noch nie gegeben.

Frankreich - Neuseeland 62:13 (29:13). Tries: Retallick, Milner-Skudder, Savea (3), Kaino, Read, Kerr-Barlow (2); Picamoles. Conversions: Carter (7); Parra. Penalties: Carter; Spedding, Parra.

Südafrika - Wales 23:19 (12:13). Tries: Du Preez; Davies. Conversions: keine; Biggar. Penalties: Pollard (5); Biggar (3). Dropgoals: Pollard; Biggar.

Irland - Argentinien 20:43 (10:20). Tries: Fitzgerald, Murphy; Tuculet, Imhoff (2), Moroni. Conversions: Madigan (2); Sánchez (4). Penalties: Madigan (2); Sánchez (5).

Australien - Schottland 35:34 (15:16). Tries: Mitchell (2), Ashley-Cooper, Hooper, Kuridrani; Horne, Seymour, Bennett. Conversions: Foley (2); Laidlaw (2). Penalties: Foley (2); Laidlaw (5).

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