Starker Auftritt im letzten Spiel seiner Karriere: Neuseelands Ben Smith

© REUTERS / PETER CZIBORRA

RUGBY
11/01/2019

Rugby-WM: Neuseeland verabschiedet sich mit einem Sieg

Die All Blacks schlagen Wales in einem munteren Spiel um Platz drei 40:17. Am Samstag folgt das Finale: England - Südafrika.

von Stefan Sigwarth

Das vorletzte Spiel dieser wunderbaren Rugby-WM in Japan sollte die Antwort geben: Ist Neuseelands Hoch-Zeit wirklich zu Ende? Sind die ozeanischen Götter des Rotationsellipsoids doch nur Menschen? Nachdem England im Semifinale über die All Blacks hinweggerauscht war (19:7), lag es an Wales, in der Partie um Platz drei für Klarheit zu sorgen.

Beide Teams begannen offensiv, in der 4. Minute setzte Neuseelands Richie Mo'unga einen Penalty-Kick an die Stange, in der 5. schrieb dann Joe Moody an - nach feinem Offload-Spiel der All Blacks legte der Forward den Ball in der walisischen Endzone ab, 5:0, Mo'unga erhöhte auf 7:0. Wales, dieses Mal mit Rhys Patchell auf der Spielmacherposition, die sonst Dan Biggar vorbehalten ist (er saß am Freitag zunächst auf der Bank), versuchte mitzuhalten, bremste sich aber vorwiegend selbst mit leichten Fehlern. So, wie es ja auch schon im Semifinale gegen Südafrika (16:19) der Fall war.

Doch auch Neuseeland war nervös: In Minute neun verloren die All Blacks erstmals seit Juni 2018 wieder ein Scrum bei eigenem Einwurf, Wales versuchte es mit zwei Attacken in rasantem Tempo, wurde aber noch rechtzeitig abgefangen. Und die All Blacks hatten in der 13. Minute abermals die richtigen Mittel zur Hand, um durch die walisische Defensive zu schneiden: Kurzes Ruck 15 Meter vor der Mallinie, ein Offload auf Beauden Barrett - und einen Sprint später stand es 12:0, Mo'unga kickte zum 14:0.

In der 17. Minute fand sich Wales in der neuseeländischen Endzone, bekam den Ball aber nicht auf den Boden. Besser lief es zwei Minuten später, Full Back Hallam Amos vollendete eine feine Pick-and-Go-Phase mit dem Try, Patchell kickte zum 7:14. Nachdem ihre Defensive nun Sicherheit gefunden hatte, konnte auch die Offensive überzeugen. Die 26. Minute brachte Wales einen Penalty, den Rhys Patchell zum 10:14 zwischen die Stangen kickte. Das sprach für Selbstvertrauen bei den Dragons - oder aber Übermut, denn die Waliser hätten diese Situation wenige Meter vor der Mallinie auch ausspielen und womöglich den nächsten Try legen können.

Ben Smith wählte Antwortmöglichkeit b) - und legte Neuseelands dritten Try, nachdem die All Blacks erst den Ball per Counter Ruck erobert und dann in Höchstgeschwindigkeit über mehrere Stationen zum Flügel transportiert hatten (33.). Richie Mo'unga erhöhte auf 21:10. Und Smith beharrte - ganz ohne Telefonjoker - auf b), kurz nach dem Gong, der den Ablauf der ersten 40 Minuten signalisiert, legte er seinen zweiten Try, Mo'unga zirkelte den Ball aus spitzem Winkel zum 28:10.

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Neuseeland hatte nun wieder Spaß mit seinem üblichen Spiel und auch mit dem Gegner, die Pausenbesprechung hatte wohl mit dem Vorsatz geendet, einfach wieder das zu tun, was die All Blacks am Besten können. Also gab Sonny Bill Williams in der 42. Minute den Ball per Offload zu Ryan Crotty, und schon stand es 33:10, Mo'unga kickte zum 35:10. Die Messe war gelesen für die Waliser, deren Spiel Rhys Patchell nie so lenken konnte wie es etwa Dan Biggar an guten Tagen zu tun vermag. Dementsprechend wurde er - auch wegen einer Verletzung am rechten Ellbogen - in der 47. Minute durch Biggar ersetzt.

Die 48. Minute brachte Ben Smiths dritten Try (abermals eingeleitet durch ein Offload von Sonny Bill Williams), der wegen eines Knock-ons (=Ballverlust nach vorn) von Rieko Ioane aber nicht anerkannt wurde. Wiliams war es dann freilich auch, der Wales nach einem der raren sehenswerten Angriffe mit einem High Tackle einen Penalty bescherte.

Alun Wyn Jones durfte sich noch einen Sonderapplaus abholen, ehe es weiterging: Er wurde in seinem 143. Länderspiel für Wales (die zweitmeisten weltweit hinter Neuseelands Richie McCaw/148) vorzeitig vom Feld geholt. Nun entschieden sich seine Teamkollegen dafür, den Penalty auszuspielen, und nach 20 Phasen Pick and Go legte Josh Adams seinen siebenten Try bei dieser WM zum 15:35. Auch ein Rekord, nie zuvor hatte ein Waliser so viele Versuche bei einer WM erzielt (60.). Dan Biggar verkürzte per Conversion auf 17:35.

Als das Spiel dahinzudümpeln begann (eine WM kostet nun einmal viel Kraft), fasste sich Richie Mo'unga ein Herz, kickte sich den Ball nach vorn, konnte ihn aber nicht mehr in der walisischen Endzone fangen (73.). Immerhin gab es ein Scrum fünf Meter vor der Mallinie. Die Drachen konnten den Druck nicht mehr halten und kassierten einen Penalty, im zweiten Anlauf klappte es zwar besser, doch nur mit dem Ergebnis, dass Mo'unga nun doch noch zu seinem Try zum 40:17 kam (76.). Die Conversion aber setzte er aus spitzem Winkel neben das Ziel.

Das war's, Neuseeland gelang die Rehabilitierung - doch es bleibt viel Arbeit, bis die Selbstverständlichkeit der vergangenen Turniere wieder erreicht ist. Denn klar ist eines: Die Konkurrenz hat aufgeholt, und das kann dem Sport mit dem Rotationsellipsoid nur guttun.

Am Samstag folgt das Finale: Ab 10 Uhr (live Pro7MAXX und www.ran.de) fordert der einfache Weltmeister England den zweifachen Weltmeister Südafrika. Und die Springboks werden sich etwas überlegen müssen - mit ihrer vorwiegend defensiven und abwartenden Taktik dürfte es schwierig sein, dem so vielseitigen Team of the Rose beizukommen, das Teamchef Eddie Jones seit 2015 geformt hat.

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